Table Of ContentARBEITSGEMEINSCHAFT FüR FORSCHUNG
DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
GEISTESWISSEN SCHAFTEN
145. SITZUNG
AM 18. DEZEMBER 1968
IN DüSSELDORF
ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR FORSCHUNG
DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN
GEISTESWIS SEN SCHAFTEN
HEFT 167
ERICH DINKLER
Der Einzug in Je rusalem
Ikonographische Untersuchungen im Anschluß an ein
bisher unbekanntes Sarkophagfragment
Mit einem epigraphischen Beitrag
von Hugo Brandenburg
ERleB DlNKLER
Der Einzug in Je rusalem
Ikonographische Untersuchungen im Anschluß an ein
bisher unbekanntes Sarkophagfragment
Mit einem epigraphischen Beitrag
von Bugo Brandenburg
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
ISBN 978-3-322-98060-1 ISBN 978-3-322-98693-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-98693-1
© 1970 by Springer Fachmedien Wiesbaden
Ursprünglich erschienen bei Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1970.
Reprint of the original edition 1970
Vorwort
In der nachfolgenden Untersuchung wurde der Text des Vortrags weit
gehend beibehalten. Aus der Diskussion sich ergebende Anregungen, die
zu einer Änderung des Textes führten, sind in den Anmerkungen vermerkt.
Auch habe ich versucht, Lücken in der Behandlung der verschiedenen
Fragenkreise zu schließen.
Für Hilfen und Anregungen bei Fertigstellung der Arbeit danke ich den
Kolleginnen und Kollegen P. Bloch, R. Hausherr, H. von Heintze, E.
Lucchesi Palli, F. Matz, C. Nordenfalk, H. Sichtermann, St. Weinstock,
K. Weitzmann, sowie H. Brandenburg für die Bearbeitung der Inschrift
des Sarkophagfragments. Besonderer Dank gilt meiner Frau, die mir auch
inhaltlich entscheidend geholfen hat.
Heidelberg, im November 1970 Brich Dink/er
Inhalt
Brich Dinkler, Heidelberg
Der Einzug in Jerusalem. Ikonographische Untersuchungen im An
schluß an ein bisher unbekanntes Sarkophagfragment
I. Das Heidelberger Fragment. Beschreibung, Stilanalyse und
chronologische Einordnung. Mit Tafeln Ib-X* . . . . . . . . . . . . . 9
11. Die Ikonographie des Einzugs Christi in Jerusalem . . . . . . . . . . 17
1. Die Einzugsszene auf Fries- und Säulensarkophagen des
4. Jh.s .............................................. 17
2. Die Einzugsszene auf den Bethesdasarkophagen. . . . . . . . . .. 27
3. Der Einzug in Jerusalem in der Kunst des 5. und 6. Jh.s ... 31
4. Die Zachäusszene, eine Sonderfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 36
5. Die Voraussetzungen der christlichen Einzugsikonographie
in der nichtchristlichen Antike ......................... 42
IH. Zur Ikonologie des Einzugs Christi in Jerusalem . . . . . . . . . . .. 47
1. Textgrundlage ....................................... 47
2. Zum Aufkommen des neuen Bildthemas ................ 50
3. Zum Sinngehalt der Einzugsszene ...................... 53
a) Zachäusperikope .................................. 53
b) Einzug in J erusalem ............................... 55
IV. Zusammenfassung ...................................... 60
V. Abbildungsteil ..................................... nach 62
* Tafel Ia befindet sich als herausnehmbares Kartonblatt am Schluß des Heftes
8 Inhalt
Diskussionsbeiträge
Herr Kötting; Herr Dink/er; Herr Dible; Herr Kroll; Frau von Erdberg;
Herr von Einem; Herr Lang/otz; Herr Fink; Herr Dassmann ; Herr
Lausberg ; Herr Rengstorf ..................................... 63
Anhang
Hugo Brandenburg, Rom
Die Inschrift des Heidelberger Sarkophagfragments 81
Verzeichnis der Abkürzungen .................................. 93
Quellennachweis der Abbildungen .............................. 94
Quellennachweis der Tafeln .............. ,..................... 95
1. Das Heidelberger Fragment:
Beschreibung, Stilanalyse und chronologische Einordnung
Das Fragment eines spätantiken Reliefs, das Ausgangspunkt dieser Arbeit
ist, tauchte 1965 im internationalen Kunsthandel auf und gelangte in Heidel
berger Privatbesitz. Es handelt sich um ein Stück aus lunensischem Mar
morl. Die Bruchstellen sind alt und verfärbt, so daß man mit einer Zerstö
rung vor langer Zeit zu rechnen hat2• Über den genauen Fundort war nichts
in Erfahrung zu bringen, außer dem allgemeinen Hinweis auf Rom und
Umgebung.
Wir setzen mit einer formalen Beschreibung ein:
Das Fragment (Tf Ia) hat im Unterschied zum Abbruch unten einen weit
gehend erhaltenen oberen Rand, eine 3 cm hohe Leiste, auf der Teile einer
Inschrift zu lesen sind. Diese Einrandung des Reliefs ist typisch für Fries
sarkophage des 4. Jh.s; auch entspricht es dem Regelfall, daß die Figuren
stärker noch als der Rand hervortreten. Das hier bereits deutliche plastische
Vermögen des Künstlers zeigt sich auch darin, daß die Figuren sich bis zu
5 cm vom Grund abheben. Das Relief besitzt somit bemerkenswerte Tiefe,
die nach unten hin zunimmt. Oben ist die Leiste konkav mit dem Relief
grund verbunden und steht 2,2 cm vom Grunde ab.
Was ist zu sehen? Auf einem Esel, dessen Kopf gesenkt ist, reitet eine
jugendlich männliche Gestalt nach rechts. Die gesamte untere Hälfte des
Reliefs ist abgebrochen, so daß Füße und z. T. auch Unterkörper der Figu
ren fehlen. Nur das angewinkelte rechte Bein des Reiters ist sichtbar, er ist
also rittlings aufgesessen. Er trägt Tunika und Pallium. Die Querfalte an der
Gürtellinie darf als Andeutung des Palliums gelten. Aus der Ärmelschlaufe
kommt der rechte Unterarm, leicht angehoben, hervor; die Hand ist im
Sprech-oder Segens gestus erhoben. Die herabhängende Linke umfaßt einen
Rotulus, der durch eine Bohrrille von der Mähne des Esels abgesetzt ist, es
werden also keine Zügel gehalten. Der Reitende ist als Hauptperson hervor
gehoben: Er allein hat lange, die Ohren bedeckende Locken, die das jugend
liche Gesicht umgeben. Ihn rahmen zwei im Hintergrund stehende oder
1 Zu den Marmorarten vgl. J. B. Ward Perkins, EncArteAnt. IV (1961), bes. 86H.
Die Maße sind: Länge oben 37 cm, unten 44 cm; Höhe 30 cm; Tiefe zw. 8 u. 8,5 cm.
Z
10 Erich Dinkler
schreitende jugendliche Männer als Begleiter, in Isokephalie gegeben. Auch
sie tragen Tunika und Pallium. Der Linke bildet den Abschluß des Frag
ments; die Bruchlinie verläuft derart, daß die rechte Schulter und auch der
Ärmel noch erhalten sind, wenngleich lädiert. Der Unterarm ist abgebro
chen; die Auflage der Hand ist durch den Ansatz eines Steges am Rücken
des Esels, oberhalb des Schweifansatzes, noch erkennbar. Der Arm war also
frei vom Hintergrund abgehoben und verdeckte den dahinter nur flach
reliefierten Unterkörper. Das Gesicht des Mannes ist rundlich, die Oberlippe
leicht vorgewölbt, das Auge mit eingeschnittenen Lidern und lang durch
gezogener Braue scheint auf den Reitenden gerichtet. Das Haar ist kappen
artig aufgesetzt und fällt in die Stirn, das rechte Ohr bleibt frei.
Vor dem Reitenden (Tff.lb u. II) nach rechts voran geht der andere Be
gleiter; die untere Hälfte des Körpers ist in Bohrrillen im Flachrelief an
gedeutet. Durch Ast und Blätter eines Baumes bleibt sein linker Arm ver
deckt. Der rechte, der aus der charakteristischen Ärmelschlaufe hervor
kommt und frei vom Grunde abgehoben ist, scheint den Ast zurückzuhalten
und auf die den Weg sperrende, leicht gebückte kleinere Figur in der
unteren Bildhälfte zu weisen. Der Kopf wendet sich zurück, dem Reitenden
zu. Auch hier ein Gesicht mit ausgeprägten Zügen, mit vorgewölbter Ober
lippe und einer Kappenfrisur, die das linke Ohr freiläßt.
Rechts (Tf III) ist das Relief lebhafter gegliedert. Ein Baum unterteilt die
Bildfläche; der nach links ausgabelnde Ast ist erhalten, vom rechten steht
nur noch der Stumpf. Zwei kleine Figuren, kontrastierend in der Aus
richtung, sind ober- und unterhalb der Astgabel angeordnet. Der Untere
bückt sich nach links hin, den linken, nur im oberen Teil erhaltenen Arm
schräg vorgestreckt; dem - freilich korrodierten - Kopf nach eher ein Er
wachsener als ein Kind. Die Haare lassen die Ohrmuschel frei und sind auch
hier kappenartig über den Kopf gezogen. Die Bekleidung ist eine gegürtete
Ärmeltunika. Die im Reliefgrund eingekerbte Linie markiert den Verlauf
des jetzt fehlenden, gleichfalls vorgestreckten rechten Armes. Der Andere
hockt, den Körper nach rechts gewandt, oben in der Astgabel. Die vor
gestreckten, jetzt abgebrochenen Arme lassen vermuten, daß sie an einem
Ast sich anklammerten. Der Kopf wendet sich rückwärts, dem Reitenden zu.
Das Gesicht ist stark beschädigt und fast abgeschrägt, wodurch der Ein
druck der jähen Rückwendung verstärkt sein mag. Er trägt eine tunica
exomis, die die rechte Schulter freiläßt, an den Füßen hat er halbhohe
Schuhe, soweit erkennbar ohne Verschnürung3• Der Esel ist nur fragmen-
3 Die Tracht entspricht derjenigen einfacher Landleute u. Hirten; vgl. H. Blümner, Die
rörn. Privataltertürner, Handb. d. klass. Alterturnswiss. IV, II,2 (1911), 210, 226, 525;
Abb. 80 u. 84.
Der Einzug in Jerusalem 11
tarisch erhalten; Beine und große Teile des Kopfes fehlen. Es stört der im
Reliefgrund verankerte Steg, der rechts von der Schnauze wie ein Rüssel
ansatz erscheint und doch nur der Befestigung des Kopfes diente. Die
Schrägaufnahmen (Tff.II u./V) machen die durch die Erhaltung des Steges
bedingte Bildverzerrung deutlich, sie zeigen zugleich den Abbruch. Hinzu
weisen ist auf die fein abgesetzte Reitauflage, die links sichtbar wird.
Thema der Darstellung ist ohne Zweifel der Einzug Christi in Jerusalem
mit den zwei Jüngern, die aus dem Dorfe die Eselin - bei Matth. 21 auch
ihr Füllen - holten. Leider läßt sich vom Befund des Fragments aus nicht
sagen, ob ein Füllen ursprünglich beigegeben war. Der Gebückte unterm
Geäst ist mit Matth. 21,8 als einer derer, die Kleider zum Empfang auf dem
Wege ausbreiteten, zu erklären. Nicht ganz so eindeutig ist der Baum
kletterer. Handelt es sich mit Matth. 21,8 um einen der Männer, "die
Zweige von den Bäumen hieben und sie auf den Weg streuten"? - Oder
aber - wie Wilpert u. a.4 generell bei dieser Szene annehmen - um den
Oberzöllner Zachäus, der nach Lukas 19,3f bei der der Jerusalemszene
vorangehenden Ankunft Christi in Jericho auf einen Maulbeerfeigenbaum
gestiegen war, um den Herrn zu sehen? Wir kommen später auf diese
Frage zurück.
Um zu einer chronologischen Einordnung zu gelangen, ist zunächst der
Stil zu würdigen. Der Faltenstil ist in der Flächenhaftigkeit auffallend. Die
Falte wird mit dem Bohrer in mehreren parallelen und kurz geführten Zü
gen als Vertiefung eingegraben; zur Absetzung der Körperteile wird die
Bohrrichtung geändert. Dies ist besonders deutlich beim Reitenden, wo
vertikale, horizontale und schräge Bohrzüge abwechseln. Und doch ist
nichts uniform, denn die Ärmelschlaufe und die darunter horizontal herum
schwingende Bohrung, die zum Pallium gehört, fallen aus jeder Stereotypik
heraus, wie auch die Bohrungen, welche den Oberschenkel des Reiters nach
oben und unten konturierend abheben. Behutsam ist der Übergang vom
Gewand zum Hals vorgenommen. Bei Christus und beiden Begleitern endet
der kurze Ärmel in einem breiten und lose gehaltenen Aufschlag, aus dem
fast vollplastisch jeweils der rechte Unterarm herauskommt. Dieser Über
gang von der mehr graphisch gehaltenen Gewandbearbeitung zur Plastik
4 WS II, p. 310-313, nimmt an, die Entwicklung gehe von der isolierten Zachäusszene
(unsere Tab. III,2) zur Annäherung an den Jerusalemeinzug (unsere Tab. II), endlich
zur Kontamination beider Szenen (unsere Tab. I), also entgegengesetzt der Chrono
logie der betr. Sarkophage. Für das MA scheidet Wilpert (WMM II, 248) die isolierte
Zachäusszene vom Einzug in Jerusalem. Wie Wilpert nimmt auch E. Becker (Einzug
Jesu in Jerusalem, in: Strena Buliciana [1924], 342) Zachäus an. Für "zweigeschnei
denden Knaben" schon W. S. Cook, The Earliest Painted Panels of Catalonia, in:
ArtB X (1927), 167.