Table Of ContentDer
Julian Strauß
Doppelgänger
Psychiatrische
Kurzgeschichten
Der Doppelgänger
Julian Strauß
Der
Doppelgänger
Psychiatrische Kurzgeschichten
Julian Strauß
Neuropsychiatrie, Klinik Friedenweiler
Friedenweiler, Baden-Württemberg, Deutschland
ISBN 978-3-662-54336-8 ISBN 978-3-662-54337-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-54337-5
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Vorwort
Die Psychiatrie ist reich an außergewöhnlichen Geschich-
ten von außergewöhnlichen Menschen. Über die letzten
hundert Jahre wurden große Fortschritte gemacht, die
ein besseres Verständnis von psychischen Erkrankungen
sowie deren Entstehung und Behandlung ermöglichten.
Dennoch bleiben viele Fragen offen, insbesondere an wel-
cher Stelle ein Krankheitswert entsteht, wie dieser von
einer Normabweichung abzugrenzen ist und wer darüber
entscheiden soll, was „psychisch gesund“ oder „psychisch
krank“ eigentlich bedeutet.
Diese Erzählungen können kein Lehrbuch ersetzen.
Weder ist dieses Buch systematisch aufgebaut, noch ist es
umfassend. Dem interessierten Leser bietet es jedoch die
Möglichkeit, durch Kurzgeschichten an ganz unterschied-
liche, bisweilen auch außergewöhnliche Krankheitsbil-
der herangeführt zu werden. Sämtliche Charaktere sind
V
VI Vorwort
hierbei frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten zu lebenden
oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Die Symp-
tomenkomplexe und Erkrankungen sind es jedoch nicht
und im Spektrum psychischer Erkrankungen mit unter-
schiedlicher Häufigkeit zu finden.
Jede Geschichte ist Teil eines Lebensabschnittes, in
welchem es zu einem Kontakt mit dem psychiatrischen
Helfersystem gekommen ist und welcher aus Sicht des
Patienten erzählt wird. Der zweite Teil jeder Geschichte
ist ein Epilog, in welchem die Geschichte aus ärztlich-
therapeutischer Sicht im Kontext unseres heutigen, gängi-
gen psychiatrischen Krankheitsverständnisses eingeordnet
wird.
Das Buch richtet sich an angehende Ärzte und Psy-
chologen, aber auch alle anderen Menschen, die sich für
Psychiatrie, Psychologie und psychische Pathologien und
deren Einordnung interessieren. Die Darstellung soll eine
plastischere Darbietung ermöglichen als ein klassisches
Lehrbuch, ähnlich wie ein Arzt sich an konkrete Fälle bes-
ser erinnern kann als an theoretisches Wissen aus einem
Lehrbuch.
Ich danke den Mitarbeiterinnen des Springer-Verlags,
insbesondere Frau Monika Radecki und Frau Hiltrud Wil-
bertz, sowie deren externem Lektor Herrn Stephan Lamerz
für die professionelle Begleitung des Buches.
Ich wünsche bei der Lektüre viel Spaß!
Freiburg Julian Strauß
April 2017
Inhaltsverzeichnis
1 Der Doppelgänger 1
2 Besuch im künstlichen Paradies 19
3 Ich bin dann mal weg 35
4 Der Abgrund in mir 55
5 Der Mann mit dem Hut 73
6 Die Schuld der Anderen 93
7 Die Verfehlung 111
8 Einfach anders 121
VII
VIII Inhaltsverzeichnis
9 Das Ende der Fahnenstange 141
10 Sein letzter Kampf 159
11 Der leere Raum 173
12 Der Sonne so nah 183
1
Der Doppelgänger
Einen leisen Verdacht hatte sie schon lange gehabt. Dass
etwas nicht stimmte mit Gregor. Etwas hatte sich verän-
dert. Anfangs waren es nur Kleinigkeiten gewesen, die sie
stutzig stimmten. Kleine Gesten, die Art einer Bewegung,
ein Kommentar. Unheimlich wurde es, als Rita seine
handschriftliche Notiz sah:
D. L. zurückrufen.
Das „D“ war in Schreibschrift geschrieben, die Lini-
enführung fortlaufend, wie bei einem Drittklässler. Ihr
Mann war Ingenieur, ein Techniker, wie sein Handeln so
seine Schrift. Sauber, technisch, präzise. Druckbuchstaben.
Rita starrte den Zettel an.
D. L. zurückrufen.
Sie legte die Stirn in Falten und ging den gemeinsa-
men Freundes- und Bekanntenkreis durch. Sie nahm
ihr eigenes Adressbuch zur Hand auf der Suche nach
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J. Strauß, Der Doppelgänger,
DOI 10.1007/978-3-662-54337-5_1
2 1 Der Doppelgänger
Familiennamen, die mit L begannen, und arbeitete sich
dann erfolglos durch die Kontakte ihres Smartphones.
Offensichtlich hatte Gregor etwas zu verbergen, sonst
hätte er den Namen ausgeschrieben. Der Zweifel wich
der Gewissheit. Es passte alles zusammen. Das nervöse
Lachen, das gar nicht seines war. Der Ausdruck seiner
Augen, die ihr plötzlich fremd vorkamen. Die Sprache,
seltsam monoton, anders, wie die einer Maschine.
Maschine, fuhr es ihr blitzartig durch den Kopf. Wie
eine Maschine, er ist nicht mehr er. Aber gab es Men-
schmaschinen? Die so aussahen wie ihr Mann? Der tech-
nische Fortschritt war unaufhaltsam und Rita schon seit
Langem suspekt. Aber wer sollte so etwas machen? Und
warum?
Sie hatte einen trockenen Mund und holte sich ein
Glas Wasser. Sie war mehr und mehr davon überzeugt,
dass etwas nicht stimmte, nicht stimmen konnte. Aber sie
vermochte es nicht zu benennen. Es war etwas im Gange,
und Gregor war daran beteiligt. Wenn es überhaupt Gre-
gor war, denn er fühlte sich so anders an. Unnatürlich,
fremd. Er war nicht mehr er, aber nicht, weil sich sein
Charakter oder sein Verhalten langsam verändert hatte,
sondern weil er wirklich nicht er selbst war. Auch wenn er
äußerlich gleich aussah, zumindest fast gleich.
Rita holte ihre Fotoalben. Behutsam legte sie die
Bände aus Kunstleder auf den Tisch. Die meisten Bilder
waren schon einige Jahre alt, manche Jahrzehnte. Relikte
aus dem vordigitalen Zeitalter. Sie versuchte, sich das
Gesicht ihres Mannes in Gedanken vorzustellen, und ver-
glich es mit den Bildern im Fotoalbum. Egal wie sie die
Bilder betrachtete, er sah anders aus. Zwar waren es nur