Table Of ContentACTA NEUROCHIRURGICA I SUPPLEMENTUM XIV
Das Sehieksal
des Quersehnittsgelahmten
aus mediziniseher und sozialer Sieht
Katamnestische Untersuchungen
an 100 Riickenmarks- und Kaudageschiidigten
Von
Hans Wahle
Dr. med.
Kullos an der Univenitits-Nervenklinik Kijln.
Mit einem Geleitwort von
Prof. Dr. med. W. Scheid
Direktor der Univenitih-Nervenklinik KOln
Mit 20 Textabbildungen
1965
SPRINGER-vlRLAG I WIEN • NEW YORK
AIle Rechte, insbesondere das der Ubersetzung
in fremde Sprachen, vorbehalten
Ohne schriftliche Genehmigung des Verlages
ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus
auf photomechanischem Wege (Photokopie, Mikrokopie)
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© 1965 by Springer-Verlag/Wien
Library of Congress Catalog Card Number 65-26688
ISBN- 13:978-3-211-807 45-3 e-ISBN- 13:978-3-7091-8139-3
DOl: 10.1007/978-3-7091-8139-3
TiteJ Nr. 9156
Geleitwort
Der Bli<k zurii<k bringt uns das entsetzliche Sro.i<ksal wieder in
Erinnerung, dem friiher - noro. vor wenigen J ahrzehnten - so gut
wie keiner unserer Kranken mit einer smweren Riickenmarks- oder
Kaudasmadigung entging. Das Bild hat siro. gewandelt. Wenn von
der stiirmismen Entwi<klung der neueren Medizin und zumal den Fort
smritten auf dem Gebiet der Therapie die Rede ist, darf das Kapitel
der Querschnittslahmungen nicht iibergangen werden. Anders als etwa
bei der jetzigen Behandlung der Smlafmittelvergiftungen umfaBt eine
nadl den heute giiltigen MaBstii.ben optimale Betreuung des Quersmnitts
geliihmten eine Fiille versmiedenartiger MaBnahmen, die wiihrend einer
verhaltnismii.J3ig langen Zeit sinnvoll einander zu folgen haben und iiber
die Grenzen einer einzelnen FaclJ.disziplin und sogar iiber den Bereim
der Heilkunst im engeren Sinne weit hinausgreifen. Daher sind die
Erfolge der Therapie smwer zu beurteilen, die MiBerfolge noclJ. schwerer
zu deuten. 1m Streit der Meinungen bekundet sim bei uns manme
Voreingenommenheit, Ausdru<k einer mehr optimistismen oder mehr
kritischen Grundeinstellung, einer blinden Zufriedenheit mit dem angeblim
Erreichten oder einer heftigen, zu lauter Anklage bereiten MiBstimmung
iiber Versaumtes. Wir sollten uns von solchen Emotionen freihalten und
aum nimt der irrigen Meinung verfallen, eine durchgehend optimale
Betreuung der Quersmnittsgeliihmten sei allein mit den Mitteln einer
vorbildlichen Organisation zu erzielen. Wimtig erscheint es uns, dort, wo
die Voraussetzungen gegeben sind, saclJ.kundig, geduldig und bescheiden
mit der Arbeit zu beginnen. Die Kenntnis der mehr oder weniger
typismen Gefahren sollte unser Handeln bestimmen. Diese Gefiihrdungen
lassen sim aber nur mit empirismen Mitteln rimtig einsmatzen.
Daher haben wir das Vorgehen unseres langjiihrigen Mitarbeiters
lebhaft begriiBt. Mit bewundernswertem FleiB und vorbildlicher Umsicht
hat Herr Dr. WAHLE empirische Grundlagen gewonnen, auf die sim
Erorterungen iiber das derzeitige Smicksal der Quersmnittsgeliihmten
und iiber die erforderlichen MaBnahmen stiitzen konnen. Die Frage,
ob die hier vorgelegten Behandlungsergebnisse emiichtemd wirken oder
Hoffnungen wecken, soll uns nimt besmaftigen. Das Bemiihen um die
IV Geleitwort
Wahrheit und die Verpflirhtung des Arztes gegeniiber dem Kranken
haben den Autor geleitet. Wir sind sirher, daJ3 die von Herrn Dr. WA BLE
gewonnenen Ergebnisse und seine vorsirhtigen ScllluBfolgerungen aurh
weit auBerhalb unseres Famgebietes groBes Interesse finden werden.
Koln, im Msl"Z 1965
W; Scheid
Vorwort
Das lebendige Interesse, das wir im Arbeitskreis unserer Klinik den
Querschnittsgeliilnnten entgegenbringen, wurde wesentlich wachgerufen
durch die segensreiche arztliche Arbeit und klinische Forschung von
Herm Professor Dr. L. GU'ITMANN, dem Direktor des National Spinal
Injuries Centre in Stoke Mandeville. Mit ihm verbinden uns enge
sachliche und personliche Beziehungen.
Zu der vorliegenden katamnestischen Untersuchung an 100 Quer
sCimittsgelahmten wurde ich durch Herm Professor Dr. K.-A. JOCHHEIM,
den Leiter der Rehabilitationsabteilung der Universitats-Nervenklinik
Koln, angeregt. Die Arbeit erhielt durch ihn zahlreiche Impulse und
vielfache fordemde Hilfen. Wertvollen Rat und mannigfache Unter
stiitzung gewiihrte mir Herr Professor Dr. W. SCHEID, der Direktor der
Universitats-Nervenklinik Koln.
Zu danken habe ich femer dem Bundesministerium fUr Arbeit
und Sozialordnung in Bonn, das es durch seine finanzielle Beihilfe
ermoglichte, die Querschnittsgelahmten an ihren Wohn- oder Aufenthalts
orten nachzuuntersuchen.
Dem Landesarzt fUr korperlich Behinderte, Herm Dr. F. J. KREUELS,
gilt mein Dank fUr manche Anregung und seine Bereitwilligkeit bei dcr
Sammlung der Unterlagen. GleichermaBen kamen mir die maBgeblichen
Herren der verschiedenen Berufsgenossenschaften durch die Oberlassung
ihrer Akten hilfreich entgegen.
Frau Dr. med. I. PAMPUS sei, ebenso wie meiner Frau, fUr die
verstandnisvolle und unermiidliche Mitarheit bei der Auswertung des
umfangreichen Beobachtungsgutes, hei der Niederschrift und hei der
Lesung der Korrektur herzlich gedankt.
Dem Springer-Verlag, Wien, und seinem Gesellschafter Herm
OTTO LANGE mochte ich meinen hesonderen Dank fUr ihr freundliches
Entgegenkommen sowie fUr die sorgfaItige Drucklegung und Ausstattung
der Arbeit aussprechen.
Koln, im Marz 1965
H. Wahle
Inhaltsverzeichnis
Seite
A. Einleitung I
B. Unterlagen und Verlauf der UntersucllUng 1
Unterlagen . . . . . . . 2
Methodisches Vorgehen 2
c.
Zusammensetzung des Beobachtungsgutes 7
Die Entstehung der Querschnittslahmung . 7
Die Verteilung auf die Unfall- und Erkrankimgsjahre . 10
Die Altersverteilung . . . . . . . . . . 11
Die Verteilung auf die Geschlechter . . 12
Die Schwere der Querschnittslahmung . 12
a) QuerschnittshOhe .... 12
b) Querschnittsausdehnung 16
D. Katamnestische Erhebungen. Medizinischer Teil 17
I. Funktionsausfalle und Komplikationen der Querschnittslahmung . 17
1. Die Storungen der Sensibilitat . . . . . . . . . . . 17
2. Die Komplikationen infolge von Druckgeschwiiren . 19
Vorbemerkungen und Literatur . . . . . . . . . 19
Eigene klinische Daten. . . . . . . . . . . . . . 21
Haufigkeit und AusmaB der Druckgeschwiire in den Beob
achtungsabschnitten A und B . . . . . . . . . . . . . .. 21
Haufigkeit und AusmaB der Druckgeschwiire zur Zeit der
Termine II und III . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 24
Angewandte prophylaktische und therapeutische MaBnahmen 27
a) Arten der Lagerung . . . . . . . . . . . 27
b) Bluttransfusionen und Plasmainfusionen 28
c) Operationen . . . . 28
Kasuistischer Beitrag . . . . . 29
Besprechung der Ergebnisse . . 30
3. Die Storungen der Blasenfunktion 32
Die Storungen des Harndrangempfindens 32
Vorbemerkungen und Literatur 32
Eigene klinische Daten . . . . . . . . . 32
VIII Inhaltsverzeiclmis
Selte
Die Funktionsstorungen der Blase 34
Vorbemerkungen und Literatur 34
Eigene klinische Daten. . . . . . 37
Hiiufigkeit und Art der HarnentleerungsstOrungen 37
Bestimmung des Restharns und der Blasenkapazitiit . 44
Angewandte therapeutische MaBnahmen und verwendete Hilfs-
mittel ............................ , 44
Das manuelle Auspressen der Blase und die manuelle Pro-
vokation des Blasenautomatismus . . . . . . . . . . 44
Die Verwendung und Unabhiingigkeit von Hilfsmitteln . 45
a) Die Verwendung des Katheters . . . 45
b) Das Freisein vom Katheter . . . . . 48
c) Die Verwendung anderer Hilfsmittel 50
a) Dauerurinflasche . . . . . 50
{J) Vorlage und Gummihose . . . . . 51
y) Urinal .............. 51
d) Die Unabhiingigkeit von jeglicllem Hilfsmittel 53
Kasuistischer Beitrag .... 53
Besprechung der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . 54
4. Die Komplikationen infolge von Entziindungen der Harnwege . 55
Die Zystitis, Pyelitis und Pyelonephritis . 55
Vorbemerkungen und Literatur . 55
Eigene klinische Daten. . . . . . 57
Die Fistelbildungen der Harnrohre . 62
Vorbemerkungen und Literatur . 62
Eigene klinische Daten. . . . . . 63
Die iibrigen AbszeBbildungen der Harnwege . 64
Vorbemerkungen und Literatur . 64
Eigene klinisclle Daten. . . . . . 64
Die Steinbildungen der Harnwege 65
Vorbemerkungen und Literatur . 65
Eigene klinische Daten. . . . . . 66
Angewandte prophylaktisclle und therapeutische MaBnahmen
bei allen Harnwegskomplikationen . . . . 67
Die konservative Therapie ....... . 67
Die operativ-therapeutischen MaBnahmen 67
a) Die Anlage suprapubischer Fisteln 67
b) Die operative Deckung von Harnrohrenfisteln 68
c) Die Entfernung von Steinen . 68
d) Die Inzision von Abszessen . 68
Die gesamte Operationshaufigkeit . 68
Kasuistiscller Beitrag . . . . . . . . . 69
Besprechung aller Harnwegskomplikationen 70
Inhaltsverzeidmis IX
Selte
5. Die StOrungen der Motorik . . . . . . . 71
6. Die Komplikationen infolge der Spastik . 74
Vorbemerkungen und Literatur . 74
Eigene klinisme Daten . . . . . . . . 76
Schweregrad der Spastik . . . . . . 77
Hiiufigkeit und Art der Reflexsynergien . 77
Angewandte prophylaktisme und therapeutische MaJ3nahmen 78
Die konservative Therapie . . . . . . 78
a) Lagerung und Physiotherapie . 78
b) Steh- und Gehiibungen . . . . 79
c) MedikamentOse Therapie ... 80
Die Verfahren zur Blockade des Riickenmarks und zur
operativen Bekiimpfung der Spastik 80
a) Alkohol- und Phenolblockade . . . . . 80
b) Frontale Myelotomie . . . . . . . . . . 81
c) Tenotomie, Myotomie und Neurotomie 83
Kasuistismer Beitrag . . . . . . . . . . . . 83
Bespremung der Ergebnisse . . . . . . . . . 84
7. Die Komplikationen infolge der Kontrakturen . 86
Vorbemerkungen und Literatur . . . . . . . 86
Eigene klinisme Daten . . . . . . . . . . . 87
Angewandte prophylaktisme und therapeutische MaJ3nahmen 90
a) Lagerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 90
b) Physiotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 90
c) Andere konservativ-therapeutisme MaJ3nahmen und
operative Eingriffe . 91
Kasuistismer Beitrag . . . . 92
Bespremung der Ergebnisse . 93
II. Das Trainingsniveau des Quersmnittsgelahmten . 95
Vorbemerkungen und Literatur . 95
Eigene Daten ........ 97
Bespremung der Ergebnisse. . . 104
III. Die Krankenhausbehandlung des Quersdmittsgelahmten 105
1. Die Dauer der Krankenhausbehandlung . 105
Vorbemerkungen und Literatur . 105
Eigene Daten ...... . . . . . . . 106
Bespremung der Ergebnisse. . . . . . 106
2. Die Behandlung in speziellen Behandlungsstatten . 107
Vorbemerkungen und Literatur . 107
Eigene Daten ........ 109
Bespremung der Ergebnisse . . . III
x
Inhaltsverzeiclmis
Selte
E. Katamnestisme Erhebungen. Sozlaler Teil 112
I. Die familiiire Situation . . . . . . . . 113
Vorbemerkungen und Literatur 113
Eigene Daten . . . . . . . . 113
Kasuistischer Beitrag . . . . 114
Besprechung der Ergebnisse . 115
II. Die W ohnverhiiltnisse . . . . . . . 116
Vorbemerkungen und Literatur . 116
Eigene Daten ...... . . 117
Kasuistischer Beitrag . . . . 117
Besprechung der Ergebnisse . 118
III. Die sozialfiirsorgerische Betreuung 120
Vorbemerkungen und Literatur . 120
Eigene Daten ....... . 121
Besprechung der Ergebnisse . 123
IV. Die berufliche Rehabilitation ... 124
1. BerufsfOrdernde MaBnahmen . 124
Vorbemerkungen und Literatur . 124
Vorstufen der BerufsfOrderung 124
BerufsfOrdernde MaBnahmen im engeren Sinn . 125
Eigene Daten .................... 125
Angewandte bescl:1aftigungstherapeutische und arbeitsthera-
peutische MaBnahmen ................... 125
Durchgefiihrte berufsfOrdernde MaBnahmen im engeren Sinn 126
2. Berufliche Wiedereingliederung . . 127
Vorbemerkungen und Literatur 127
Eigene Daten .. . . . . . . . 131
Hiiufigkeit und Art der beruflicl:1en Wiedereingliederung
am Termin III ....................... 131
Hiiufigkeit und Art der beruflichen Wiedereingliederung
am Termin 1960 ..................... 132
Kasuistische Beitrage ...................... 135
Besprechung der Ergebnisse in der beruflichen Rehabilitation. 136
F. SmluBbemerkungen ....... . 140
Erhebungsbogen fiir katamnes&isme Un&ersumungen bel Quersmnitts-
geliihm&en ........... 143
Legende zum Erhebungsbogen . 168
Literatur ........... . 171
A. Einleitung
In den letzten zwolf J ahren sind die Moglichkeiten und Schwierig
keiten der Rehabilitation von Querschnittsgelahmten auch in der Bundes
republik vermehrt in Publikationen und auf Kongressen erortert worden.
Dies belegt die groBe Anzahl entsprechender Arbeiten unseres Literatur
verzeichnisses. - Beim Vergleich der bei uns erzielten Behandlungsergeb
nisse mit denen, die aus England (L. GUTTMANN 1945, 1949, 1953, 1954,
1956, 1958, 1960, 1964; 1. H. GRIFFITHS und J. J. WALSH 1961; L. S.
MICHAELIS 1964) oder aus den Vereinigten Staaten (H. A. RUSK 1943;
D. MUNRO 1943, 1950, 1954; E. BORS 1948, 1954; A. E. COMARR 1957,
1959) mitgeteilt wurden, kamen viele deutsche Autoren zu dem Urteil,
daB noch erhebliche Mangel bei der Rehabilitation unserer Querschnitts
gelahmten bestehen [5, 32, 44, 55, 62, 86, 99, 120, 127, 136, 149 a, 152,
170, 176, 189, 199, 213, 218, 241, 244, 249].
Auch mit unseren eigenen Erhebungen wird zur Lage der Querschnitts
gelii.hmten Stellung genommen; Doch soIl es nicht das einzige Ziel dieser
Arbeit sein, durch moglichst zuverlassige Zahlenangaben erneut die Unzu
lii.nglichkeiten bei der Rehabilitation in dem vergangenen Jahrzehnt zu
belegen. Wir haben uns vielmehr die zusii.tzliche Aufgabe gestellt - unter
Beriicksichtigung bestimmter zeitlicher Intervalle seit dem Eintritt der
Querschnittslahmung -, katamnestische Ergebnisse zu erhalten, an denen
ktinftige Rehabilitationserfolge gemessen werden konnen. Derartig ver
besserte Ergebnisse ktinden sich bereits an vereinzelten Stellen an.
B. Unterlagen und Verlauf der Untersuchung
Allgemeine Bemerkungen. Nach unserer Ansicht laBt sich ein Urteil
tiber die medizinische und soziale Lage des Querschnittsgelii.hmten (Qu. G.)
besser von der Statistik als von ausgewahlten Einzelbeispielen her gewin
nen. Solche Beispiele werden nii.mlich immer wegen der aus ihnen hervor
tretenden Erfolge oder Unzulanglichkeiten der jeweiligen Zielrichtung des
Untersuchers entsprechen. In dieser Arbeit sollen daher kasuistische Bei
trage nur die statistischen Ergebnisse veranschaulichen. Weiter muBte -
um Einseitigkeiten zu entgehen - vermieden werden, Qu. G. eines ein
zelnen Kostentragers, einer bestimmten Unfallklinik, einer spezialisierten
Sonderstation oder Orthopii.dischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalt fUr Kor-
Wahle, Untersuchungen