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DAS PROBLEM DER PARUSIEVERZÖGERUNG
IN DEN SYNOPTISCHEN EVANGELIEN
UND IN DER APOSTELGESCHICHTE
DAS PROBLEM
DER PARUSIEVERZÖGERUNG
IN DEN SYNOPTISCHEN EVANGELIEN
UND IN DER APOSTELGESCHICHTE
VON
ERICH GRASSER
VERLAG ALFRED TÖPELMANN, BERLIN W35
1957
BEIHEFTE ZUR ZEITSCHRIFT
FÜR DIE NEUTESTAMENTLICHE WISSENSCHAFT
UND DIE KUNDE DER ÄLTEREN KIRCHE
HERAUSGEGEBEN VON WALTHER ELTESTER IN TÜBINGEN
BEIHEFT 22
Alle Rechte, einschl. der Rechte der Herstellung
von Photokopien nnd Mikrofilmen von der Verlagshandlang vorbehalten
Printed in Germany
Satz: Walter de Gruyter & Co., Berlin W 36
Druck: Buchkunst. Berlin W 35
Votwort
Die vorliegende Arbeit wurde im Herbst 1955 von der Theo-
logischen Fakultät der Philipps-Universität in Marburg/Lahn als
Dissertation angenommen.
Die Untersuchung greift ein aktuelles Thema der gegenwärtigen
neutestamentlichen Diskussion auf. Um ihm einigermaßen gerecht
zu werden, bemühte ich mich, nach dem bewährten methodischen
Grundsatz meines verehrten Lehrers, Herrn Prof. Kümmel, zu ver-
fahren, nämlich »streng exegetisch«. Dadurch allein erschien es mir
möglich, die Diskussion weiterzutreiben. Denn es hat keinen Zweck,
sofort in dogmatische Auseinandersetzungen zu treten, wenn nicht
zuvor die exegetischen Grundlagen kritisch gesichtet und erar-
beitet sind.
Die Fragestellung ist also eine historische. Es ging mir nicht um
eine wie auch immer akzentuierte »Eschatologie« (etwa »konsequent«
oder »realised«), sondern um eine Klärung im exegetischen Vorfeld
des Problems: was sagen die ältesten Evangelien und die Apostel-
geschichte über die Parusieverzögerung ?
Mein herzlicher Dank gilt allen, die mir durch viel freundliche
Hilfsbereitschaft die Vollendung dieser Arbeit ermöglichten. So der
Universität Marburg wie dem Landeskirchenamt der Evan-
gelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf, die einen Druckkosten-
zuschuß bewilligten. Herrn Prof. D. Walther Elte st er danke ich
besonders dafür, daß er bereit war, die Arbeit in den »Beiheften zur
Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft« herauszubringen.
Auch dem Verlag Alfred Töpelmann sei ausdrücklich gedankt für
sein großzügiges Entgegenkommen in der Finanzierungsfrage.
Ganz besonderer Dank aber gilt Herrn Prof. Dr. Werner Georg
Kümmel für seine selbstlose Förderung dieser Arbeit wie auch meiner
selbst. Er hat mit großer Geduld meine oft sicher anfechtbaren Versuche
zu einer eigenen Sicht der Dinge gelten lassen auch da, wo er anderer
Meinung ist als ich.
Schwalbach/Saar, im Oktober 1956
Erich Gräßer
Inhaltsverzeichnis
Seite
Vorbemerkungen 1— 2
A. Thematische Grundlegung: Die Eschatologie Jesu 3— 75
I. Formen der Naherwartung Jesu 3— 17
1. Der Umfang und die Bedeutung der Naherwartung 3— 4
2. Verschiedene Stufen der Naherwartung? 4— 6
3. Der sog. »Eschatologismus« und die Gegenwartsstellen . . .. 6— 8
4. Die konsequente Eschatologie 9— 12
5. Versuche, die Naherwartung zu eliminieren 12— 16
a) Die realised eschatology 12
b) Die Verharmlosung der Naheiwartung 12— 15
6. Ergebnis 16— 17
II. Tod — Auferstehung — Parusie 17— 59
1. Jesu Tod und seine Parusieerwartung 17— 28
2. Jesu Auferstehung und seine Parusieerwartung 28— 32
3. Jesu Parusieerwartung und die Vorhersage eines Zwischenreiches 33— 56
4. Ergebnis 56— 59
III. Rechnete Jesus mit einer Entwicklung nach seinem Tode ? . . . 59—• 75
1. Die Wachstumsgleichnisse 60— 63
2. Jesus und die Kirche oder die Frage nach dem doppelten Ge-
schichtsbewußtsein Jesu 63— 68
3. Ethik und Eschaton 68— 74
4. Ergebnis 74— 75
B. Die Parusieverzögerung als Problem in der synoptischen Tradition und
in der Apostelgeschichte 76—215
Vorbemerkungen 76— 77
I. Die fortschreitende Problematik der Parusieverzögerung . . .. 77—127
1. Die Ungewißheit 77— 84
2. Die aus der Ungewißheit folgende Wachsamkeitsforderung . . 84— 95
a) Die allgemeinen Mahnungen zur Wachsamkeit 84— 86
b) Die sog. Wachsamkeitsgleichnisse 86— 95
3. Die Bitte um das Reich 95—113
4. Die direkte Aussage der Verzögerung 113—127
5. Ergebnis 127
II. Die Apologie der urchristlichen Naherwartung 128—178
1. Das Trostwort 128—149
a) Mc 1380 = Mt 2484 = Lc 2182 128—131
b) Mc 91 = Mt 16 28 = Lc 9 27 131—137
c) Mt 102» 137—141
d) Lc 187. 8a 141
e) Die sog. Kontrastgleichnisse 141—149
VIII Inhalt
2. Die Verklärungsgeschichte (Mc 92-10 Parr.) eine Apologie der
urchristlichen Parusieerwartung ? 148—151
3. Der Aufschub 161—170
a) Die synoptische Apokalypse, Mc 13 Pair 152—170
Zusammenfassung 169—170
b) Die Apokalypse Lc 1722-87 170—172
4. Die Zeit der Erhöhung 172—177
6. Ergebnis 177—178
III. Der besondere Entwurf des Lucas 178—198
1. Johannes der Täufer 179—187
2. Die Antrittspredigt Jesu in Nazareth (Lc 4ie-so) 187—189
3. Die verschiedenen Nachfolger (Lc 9 57-62) 189
4. Die Aussendung der siebzig Jünger (Lc 109ff.) 189—190
6. Die Zeit der Kampfes (Lc I2t«-se) 190—192
6. Die enge Türe (Lc 1322-80) 192—193
7. Die Frage nach dem Zeitpunkt (Lc 17 20f.) 193—194
8. Der Einzug in Jerusalem (Lc 19 28-*o) 196
9. Zu den Gleichnissen des Lucas 195—198
IV. Der Ersatz in der Zwischenzeit 199— 04
1. Das Wort 199—200
2. Die Kirche 200—204
V. Die Lösung des Problems in der Apostelgeschichte 204—216
1. Das Programm 204—207
2. Himmelfahrt und Pfingsten 208—209
3. Die Parusie im Kerygma der Apostelgeschichte 209—215
C. Schluß 216—220
Nachtrag 221—222
Abkürzungen 223
Literaturverzeichnis 224—234
Vorbemerkungen
Die Botschaft des NTes ist ganz von der Erwartung der Wieder-
kunft Christi und des Endes aller Dinge bestimmt und durchdrungen.
Sie ist eschatologische Botschaft, die in den Evangelien und der
dort tradierten Verkündigung Jesu die besondere Form der Naher-
wartung hat: für die nächste Zukunft erwartet man die Parusie des
Menschensohnes als eines himmlischen Wesens auf den Wolken des
Himmels (Mc 13 24 ff.) und im Zusammenhang damit die truvriAeioc
TOO aiövos (Mt 24 3). Welche Nuancierungen diese Erwartung im
einzelnen erhält, ist in unserem Zusammenhang gleichgültig. In jedem
Falle — und das ist wichtig — ist sie futurisch-eschatologische Er-
wartung, die nicht genau verstanden ist, wenn nicht gesehen wird,
daß sie nicht mit langen Zeiträumen gerechnet hat. Mit anderen
Worten: sie ist Naherwartung im strengsten Sinne des Wortes und
— das muß betont werden — geschichtlich gesehen für jene Zeit ein
Stück Rationalismus, wenngleich sie uns heute irrational erscheinen
mag1.
Nun ist keine Frage, daß dort, wo die Eschatologie so rein zeit-
geschichtlich-futurisch bestimmt ist, sie in dem Augenblick ihrer Auf-
lösung entgegengeht und illusionär wird, in dem die wirkliche Ge-
schichte ihren Fortgang nimmt. Diesem Sachverhalt sehen wir uns
im NT gegenüber, und damit stehen wir bei dem eigentlichen Pro-
blem, das man herkömmlicherweise das Problem der Parusie-
verzögerung nennt. Geradezu klassisch formuliert ist es II Ptr 3 4:
»Wo ist die Verheißung seiner Wiederkunft ? Seitdem die Väter ent-
schlafen sind, bleibt ja alles so wie von Anfang der Schöpfung an«.
Oder I Clem 23 3 heißt es: »Dies haben wir auch schon in den Tagen
unserer Väter gehört, und siehe, wir sind alt geworden, und nichts
von all dem ist uns widerfahren« (vgl. II Clem 11 2f.). Diese Stellen
zeigen deutlich, daß die Diskussion über die problematisch gewordene
Naherwartung in der zweiten Hälfte des 1. Jh.s — also in der Zeit, in
der auch unsere Evangelien entstanden sind — in vollem Gange war2.
Unsere Aufgabe ist es nun nicht, die aus solcher Verzögerung sich
ergebende Problematik zu untersuchen. Also etwa das Problem der
Zeitlichkeit des eschatologischen Seins. Oder das von Heilsgeschehen
1 Vgl. H. v. Soden, Urchristentum und Geschichte, S. 63.
* Vgl. M. Werner, Dogma, S. 108f. Ders., Der prot. Weg des Glaubens I
126ff., bes. auch den Abschnitt: »Der Widerspruch zwischen eschatologischer Nah-
erwartung und wirklicher Geschichte als Problem des Urchristentums«, S. 129 ff.
Graßer, Das Problem der Parusie Verzögerung 2
2 Vorbemerkungen
und Heilsgeschichte. Unsere Aufgabe ist es auch nicht, den beson-
deren Fragestellungen der konsequenten Eschatologie einerseits und
der realised eschatology andererseits nachzuspüren. Sondern es
geht uns um die mehr allgemeine Frage, ob die Synoptiker überhaupt
etwas davon erkennen lassen, daß sie und ihre Zeit unter dem Ein-
druck der ParusieVerzögerung stehen, ob und wie sich das Faktum
überhaupt als Problem bei ihnen meldet, welches sein geschichtlicher
Ursprungsort innerhalb ihrer Überlieferung ist, welches seine Ent-
wicklung durch die verschiedenen Traditionsstadien, und welches
die Versuche zu seiner Bewältigung sind. Es geht also um den rein
historischen Tatbestand, nicht um systematische Konsequenzen1.
Der überlieferungsgeschichtliche Befund ist nun der, daß die
synoptischen Evangelien das Nebeneinander der verschiedensten Aus-
sagen hinsichtlich der Parusie bieten, die von der akutesten Nah-
erwartung bis hin zu einer Art Fernerwartung reichen. Hier steckt
das eigentliche Problem! Daß die sich teilweise widersprechenden Aus-
sagen gleich ursprünglich seien, scheidet von vornherein als äußerst
unwahrscheinlich aus. Wo also haben dann die betreffenden Aussagen
ihren Sitz im Leben? Was gehört davon zur Predigt Jesu, was ist
Modifikation dieser Predigt im Sinne der ausgebliebenen Parusie?
Oder vermögen die Synoptiker alles unter einen locker gefaßten Be-
griff von Naherwartung zu subsumieren, so daß von einer Pro-
blematik der sich verzögernden Parusie gar nicht die Rede sein kann ?
Sucht man nach einem methodisch sicheren Weg zur Beant-
wortung dieser Fragen, so bietet sich ganz von selbst die vergleichende
synoptische Interpretation an. Durch sie wird versucht, den jeweiligen
historischen Ort einer Tradition zu bestimmen, die Variationen ge-
schichtlich zu verstehen, Herrenwort und Gemeindebildung zu
scheiden. Dabei muß das Problem der historischen Entwicklung der
eschatologischen Erwartung in den Blick kommen.
Im I. Teil der Arbeit wird gleichsam als Arbeitshypothese die
Eschatologie Jesu vorangestellt. Hypothese insofern, als es die
»Verkündigung Jesu« nicht gibt, sondern nur den Bericht von ihr.
Die ganze Belastung, die damit gegeben ist, muß hingenommen
werden. Denn nur auf dem Hintergrund der eschatologischen Ver-
kündigung Jesu hat es Sinn, im II. Teil die Frage nach einer etwaigen
Parusieverzögerung bei den Synoptikern und in der Apostelgeschichte
zu stellen.
1 Für das Ringen der Theologie um die systematischen Konsequenzen siehe
F. Holmström, Das eschatologische Denken der Gegenwart, 1936.