Table Of ContentAndreas Dörner · Ludgera Vogt
Das Geflecht aktiver Bürger
Andreas Dörner
Ludgera Vogt
Das Geflecht
aktiver Bürger
,Kohlen’ – eine Stadtstudie
zur Zivilgesellschaft
im Ruhrgebiet
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1.Auflage 2008
Alle Rechte vorbehalten
© VSVerlag für Sozialwissenschaften | GWVFachverlage GmbH,Wiesbaden 2008
Lektorat:Katrin Emmerich / Marianne Schultheis
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Umschlaggestaltung:KünkelLopka Medienentwicklung,Heidelberg
Druck und buchbinderische Verarbeitung:Krips b.v.,Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands
ISBN 978-3-531-15758-0
Inhalt 5
Inhalt
1 Einleitung 7
2 Grundlagen und Stand der Forschung 14
2.1 Die öffentliche Diskussion 14
2.2 Der Theoriediskurs 16
2.2.1 Die republikanische Tradition 18
2.2.2 Die liberale Tradition 21
2.2.3 Alexis de Tocqueville und die Theorie der Bürgergesellschaft 23
2.2.4 Zivilgesellschaft und Gegenöffentlichkeit 31
2.3 Die Dritte-Sektor-Forschung 32
2.4 Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement 37
2.5 Politische Kulturforschung und Sozialkapital 41
2.5.1 Sozialkapital als Ressource der Gemeinschaft 43
2.5.2 Sozialkapital und politische Tradition 44
2.5.3 Begriffliche Differenzierungen 47
2.5.4 Kritische Diskussion 50
2.6 Kapital und soziale Ungleichheit 54
2.7 Individualisierung, reflexive Modernisierung und
Bürgergesellschaft 58
2.8 Fazit: Defizite der Forschung 61
3 Ziele und Fragestellung der Studie 63
4 Methoden und Vorgehen 72
4.1 Eine Stadt-Studie 72
4.2 Die Auswahl der Kontexte 79
4.3 Datenerhebung 85
4.4 Feldzugang und Sample 87
4.5 Auswertung und Interpretation 91
6 Inhalt
5 Ergebnisse 92
5.1 Die Gemeinde 92
5.2 Die Kommune als Bürgergesellschaft 97
5.2.1 Ein kollektives Erweckungserlebnis: Widerstand gegen die
‚Obrigkeit’ 97
5.2.2 Das Spektrum der Aktivitäten 103
5.3 Die Motive des Engagements 112
5.3.1 Christliche Nächstenliebe 112
5.3.2 Republikanismus 117
5.3.3 Lokalpatriotismus und wohlverstandenes Eigeninteresse 120
5.3.4 Materialismus 125
5.3.5 Kulturelles Kapital: Bildung und Qualifikationsgewinne 128
5.3.6 Soziales Kapital: Soziale Kontakte und Geselligkeit 133
5.3.7 Symbolisches Kapital: Anerkennung und Prominenz 137
5.3.8 Spaß und Selbstverwirklichung: Die Passung zwischen
Akteuren und Institutionen 143
5.4 Karrieremuster: Wege zwischen freiwilliger Arbeit und
Erwerbsarbeit 147
5.5 Posttraditionale Vergemeinschaftung 154
5.6 Die Voraussetzungshaftigkeit des Engagements 162
5.7 Service Learning: Bildung und Bürgergesellschaft 173
5.8 Das Geflecht aktiver Bürger: Die Kooperationskultur in Kohlen 182
5.8.1 Vertrauen und ‚bridging capital’ 182
5.8.2 Institutionalisierte Kooperation: Ermöglichungskultur 186
5.8.3 Bürgergesellschaft und Staat 189
5.8.4 Probleme der Kooperationskultur 192
6 Zusammenfassung und Perspektiven 200
Literatur 215
1 Einleitung 7
1 Einleitung
Die Jahrtausendwende markierte den bisherigen Höhepunkt der öffentlichen
Diskussion über Bürgergesellschaft, Zivilgesellschaft und neue Entwicklungs-
möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements in Deutschland. Die Thematik
war aus zwei Gründen genau zu diesem Zeitpunkt von der Politik entdeckt wor-
den. Zum einen wurden die Grenzen der Finanzierbarkeit staatlicher Gestaltung
in einer Gesellschaft erkennbar, die lernen musste, trotz florierender Wirtschaft
mit einem erheblichen Sockel von Dauerarbeitslosen zu leben. Zum anderen
suchte man Mittel und Wege, der weit um sich greifenden Politikverdrossenheit
in der Bevölkerung entgegenzusteuern, die mögliche Gefahren politischer Desin-
tegration am Horizont aufscheinen ließ.
Die Zauberformel „Bürgergesellschaft“ bzw. „Zivilgesellschaft“ ließ Abhilfe in
beiden Richtungen erhoffen: Wenn die Bürger selbstgesteuert Dinge etwa auf
dem sozialpolitischen Feld in Angriff nehmen, dann ersetzen sie dabei potentiell
einen Teil des teuren staatlichen Handelns und sind gleichzeitig noch politisch
aktiv und somit besser integriert im Gemeinwesen.
Daher wurde 1999 auf gemeinsamen Antrag aller Fraktionen hin eine En-
quete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ eingesetzt,
um Strategien zur Förderung freiwilliger bzw. ehrenamtlicher Arbeit zu eruie-
ren1. Und nur ein Jahr später trat der amtierende Bundeskanzler Gerhard Schrö-
der mit einem Papier über die „zivile Bürgergesellschaft“ an die Öffentlichkeit,
in dem er eine Rückkehr des Politischen beschwor und diese verband mit der
Verabschiedung des alten sozialdemokratischen Glaubens, „mehr Staat“ verbür-
ge automatisch eine bessere Politik. „In Wirklichkeit führt ein immer größerer
‚Verantwortungs-Imperialismus’ des Staates gegenüber der Gesellschaft gerade-
wegs zur Abschaffung des Politischen“ (Schröder 2000: 202).
Diese und weitere politische Aktionen machten das Thema auf der öffentlichen
Agenda nahezu allgegenwärtig. Viele Forschungsunternehmungen wurden durch
diese Welle der öffentlichen Aufmerksamkeit ohne Zweifel angestoßen und
gefördert.
1 In dieser Kommission arbeiteten 11 Bundestagsabgeordnete sowie 11 Experten mit, die wiederum
aus parteipolitischen Gesichtspunkten von den Fraktionen benannt worden waren. Der Expertendis-
kurs blieb also bis in die verabschiedeten Empfehlungen hinein stets gerahmt durch die Funktionslo-
gik etablierter, professionalisierter Politik.
8 1 Einleitung
Große Zahlen wurden teils stolz, teils skeptisch präsentiert. Neue Formen
des Ehrenamts wurden entdeckt oder proklamiert. Chancen und Grenzen des oft
diffus bleibenden Projekts Zivilgesellschaft wurden erörtert. Bei all dem geriet
die ganz profane, unspektakuläre Praxis des Engagements vor Ort zunehmend
aus dem Blick. Und es scheint erst jetzt, nachdem der rhetorische Rauch der
großen Debatten sich etwas verzogen hat, wieder besser möglich, die Alltagsrea-
lität des bürgerschaftlichen Engagements und seiner institutionellen Rahmungen
nüchtern zu betrachten.
Das Projekt, dessen Ergebnisse in diesem Bändchen berichtet werden sol-
len, hat sich zum Ziel gesetzt, genau diesen nüchternen Blick auf die profane
Alltagsrealität von Bürgergesellschaft jenseits der großen Proklamationen und
Sonntagsreden zu richten. Dabei sollten neben den Möglichkeiten und Grenzen
neuer Formen bürgerschaftlichen Engagements die alten Formen nicht vergessen
werden. Und es sollte sichtbar gemacht werden, wie neue Formen der Bürgerge-
sellschaft doch in stärkerem Maße auf gewachsenen Traditionen der politischen
Kultur in Deutschland basieren, als dies die Aufbruchstimmung auf dem Weg in
ein neues zivilgesellschaftliches Zeitalter glauben machen wollte.
Um die ganz normale Alltagspraxis des bürgerschaftlichen Engagements er-
fassen zu können, wurde eine Stadtstudie zu einer Mittelstadt am Rande des
Ruhrgebiets durchgeführt. Der Grundgedanke der Studie bestand darin, nicht nur
einzelne Akteure oder Kontexte der Bürgergesellschaft betrachten zu können,
sondern das dichte Interaktionsgeflecht zwischen diesen Akteuren und Kontexten
offenzulegen. Das nämlich, so die Annahme, ist ganz entscheidend dafür, ob
Bürgergesellschaft in der Kommune langfristig erfolgreich praktiziert werden
kann.
Selbstverständlich kann und will eine solche Gemeindestudie keine reprä-
sentativen Forschungsergebnisse produzieren. Ihre Zielsetzung ist stattdessen
eine explorative: Sie will Phänomene und Zusammenhänge entdecken, die wich-
tig sind für das Funktionieren von Bürgergesellschaft vor Ort. Diese können
dann wiederum später in weitergehender Forschung systematisierend und ver-
gleichend untersucht werden.
Gegenstand des Forschungsprojekts war das konkrete Funktionieren von
Zivilgesellschaft unter den von Individualisierung und reflexiver Modernisierung
gesetzten Bedingungen. Um die Determinanten freiwilligen Engagements von
Bürgern und damit förderliche wie hemmende Faktoren von Bürgergesellschaft
zu erhellen, analysiert die explorative und interpretative Studie das kommunale
Geflecht aus Organisationen, Gruppen und einzelnen Akteuren, das die Freiwil-
ligenszene prägt. Im Zentrum der empirisch auf 74 (meist mehrstündigen) leitfa-
dengestützten Interviews und einer Dokumentenanalyse vor allem der Presse-
öffentlichkeit basierenden Untersuchung stehen: eine Freiwilligenagentur, eine
1 Einleitung 9
Bürgerstiftung sowie der örtliche Caritasverband, somit zwei Organisationen der
„neuen“ und eine Institution der „alten“ Bürgergesellschaft in Deutschland. An-
hand dieser Einrichtungen thematisiert das Projekt die Motive, Nutzenkalküle
und Karrieremuster der Akteure ebenso wie die Bedeutung von Vergemeinschaf-
tung, Geselligkeit, sozialer Schließung und Elitenbildung. Schließlich werden die
individuellen Voraussetzungen erfolgreicher Akteure und die Wege zur „Pas-
sung“ zwischen gewandelten individuellen Dispositionen und organisatorischen
Strukturen analysiert.
Die Stadt-Studie weist Bürgergesellschaft auf der Ebene der Kommune als
plurales Phänomen aus, in dem sich traditionelle Tätigkeiten des Ehrenamtes
neben neuen Formen freiwilligen Engagements finden und teilweise verbinden.
Die Motivlagen der freiwillig Engagierten zeigen eine Mischung aus Gemeinsinn
und Eigennutz: In individuell spezifischen Kombinationen verbinden sich hier
altruistische, religiös fundierte bzw. „republikanische“ Motive mit Lokalpatrio-
tismus und nutzenorientierten Motiven wie dem Interesse an Lern- und Qualifi-
kationsgewinnen, sozialen Kontakten und Geselligkeit, der Wahrung von Status
(bei Übergängen in Ruhestand oder Arbeitslosigkeit), sozialer Anerkennung und
Prominenz sowie an Spaß. Mischungen sind auch kennzeichnend für das ak-
teursspezifische Verhältnis zwischen beruflichen und freiwilligen Tätigkeiten,
die zum Teil gleichzeitig und zum Teil im Wechsel ausgeübt werden.
Neben die derzeit zurücktretenden Formen traditionaler Vergemeinschaf-
tung vor allem im Kontext des untersuchten christlichen Caritas-Milieus treten
zunehmend neue Gemeinschaftsformen, die nicht dauerhaft vorgegeben, sondern
individuell wählbar, zeitlich begrenzt und prinzipiell jederzeit zu verlassen sind.
Es zeigt sich, dass bei aller Unverbindlichkeit gezielte Ritualisierungen von
Geselligkeit diese posttraditionalen Gemeinschaften stabilisieren können. Als
Preis für eine hohe projektorientierte Handlungseffizienz weist die Bürger-
stiftung jedoch eine Partizipationsasymmetrie darin auf, dass neben Bildungs-
und Sozialkapital auch ökonomisches Kapital vorhanden sein und investiert
werden muss, um in den exklusiven Kreis der Stifter zu gelangen. Als Gegen-
modell erweist sich eine andere, im Untersuchungszeitraum im Umfeld der Cari-
tas gegründete Stiftung, die mit einer sozial wesentlich breiteren und offeneren
Rekrutierungsstrategie die für die meisten Formen der „neuen“ Bürgergesell-
schaft kennzeichnenden Partizipationsasymmetrien vermeidet.
Im Blick auf die Kooperation von Personen und Institutionen macht das
Forschungsprojekt deutlich, dass die Größe der untersuchten Mittelstadt mit ca.
66.000 Einwohnern eine günstige Grundlage für flexible Vernetzungen und da-
mit die Bildung sowie institutionelle Förderung von Vertrauen bereitstellt. Die
auf die Ressource dieses Vertrauens gestützte politische Kooperationskultur
stellt sich als entscheidender Faktor bei der Ermöglichung von Bürgergesell-
10 1 Einleitung
schaft heraus. Das für die Vernetzung der verschiedenen Foren und Milieus der
Bürgergesellschaft notwendige „bridging capital“ bilden nicht nur Brückenfigu-
ren zwischen sozialen Szenen, sondern auch bürgergesellschaftliche „Multiplay-
er“ sowie mehrfach engagierte Ehegemeinschaften und Partnerschaften, die
Verbindungen zwischen ansonsten einander fremden Kontexten herstellen.
Der Gang der Argumentation verläuft wie folgt: Zu Beginn wird der bishe-
rige Stand der Forschung zum Thema Bürgergesellschaft und Ehrenamtlichkeit
referiert (Kap. 2). Damit wird zugleich eine theoretische Perspektivierung und
eine gesellschaftliche Kontextualisierung der Diskussion geleistet. Der Theorie-
diskurs vom klassischen Republikanismus bis zu aktuellen Reflexionen über die
drei Säulen der Freiheit und die Möglichkeiten deliberativer Politik sollen das
begriffliche Instrumentarium liefern, um zivilgesellschaftliche Praxis mit der
notwendigen Distanz reflektieren zu können. Die Befunde aus der Forschung
zum Dritten Sektor und zum Ehrenamt betten den konkreten Gegenstandsbereich
der Gemeindestudie ein und lassen erkennbar werden, wo wirklich Forschungs-
bedarf besteht. Die Betrachtung der Forschung über politische Kultur und Sozi-
alkapital schließlich eröffnen eine wichtige Dimension der Analyse, die deutlich
macht, das Bürgergesellschaft nicht nur eine strukturelle, sondern auch eine
kulturelle Ebene hat, die für das Funktionieren dieses Gebildes ausgesprochen
wichtig ist.
Die abschließend bilanzierten Defizite der Forschung leiten über zu Kap. 3,
in dem die zentrale Fragestellung der Studie vorgestellt und die konkreten Ziele
dargelegt werden. Kap. 4 informiert über die verwendeten Methoden und bietet
dabei zunächst eine ausführliche Reflexion über die Chancen und Risiken von
Gemeindestudien. Es wird begründet, warum genau diese Gemeinde ausgewählt
wurde und nach welchen Kriterien die Selektion der Partner für die teilstandardi-
sierten Interviews erfolgte. Schließlich werden die Erhebungs- und Auswer-
tungsverfahren vorgestellt und begründet.
Im empirischen Teil der Studie wird zunächst die Gemeinde vorgestellt
(Kap. 5.1). Die historischen, sozialen, politischen, auch städtebaulichen Eigen-
heiten der Mittelstadt sind wichtig, um die konkrete Ausprägung von Bürgerge-
sellschaft nachvollziehen zu können. Vor diesem Hintergrund kann dann in Kap.
5.2 das Tableau des bürgerschaftlichen Engagements in Kohlen2 entfaltet wer-
den. Hier wird erkennbar, wie vielfältig das Spektrum der Aktivitäten ist, wie
„alte“ und „neue“ Bürgergesellschaft nebeneinander existieren und wie die
Kommune auf der untersten Politikebene staatlich verfasster Gemeinwesen nach
wie vor einen zentralen Akteur im zivilgesellschaftlichen Geflecht definiert. Sie
2 Der Name der Stadt wurde hier aus Gründen der Anonymisierung geändert. Entsprechend sind auch
alle Namen der konkreten Akteure in der Publikation anonymisiert und durch gebräuchliche deutsche
Namen ersetzt worden.