Table Of ContentNicole Mattern / Stefan Neuhaus (Hg.)
Buddenbrooks
Handbuch
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Nicole Mattern / Stefan Neuhaus (Hg.)
Buddenbrooks-Handbuch
J. B. Metzler Verlag
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Die Herausgeber
Nicole Mattern, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut
für Germanistik der Universität Koblenz-Landau, Campus
Koblenz.
Stefan Neuhaus, Professor für Neuere deutsche Literatur am
Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau,
Campus Koblenz.
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ISBN 978-3-476-04649-9 www.metzlerverlag.de
ISBN 978-3-476-04650-5 (eBook) [email protected]
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und Verarbeitung in elektronischen Systemen. ein Teil von Springer Nature, 2018
Inhalt
Einleitung VII 15 Ökonomie Nicole Mattern 134
16 Bürgerlichkeit Immanuel Nover 145
17 Dekadenz Immanuel Nover 149
I Grundlagen 18 Raum Nicole Mattern 154
19 Essen und Trinken Sven Hanuschek 164
1 C hronologie der Handlung und Stammbaum der 20 Rituale Veronika Schuchter 169
Familie Buddenbrook Andreas Blödorn / 21 Bildung Volker Ladenthin 174
Sebastian Zilles 3 22 Intertextualität Julian Reidy 181
2 Selbstaussagen Thomas Manns 23 Kunst und Musik Jochen Hörisch 186
Rolf Selbmann 7 24 Philosophie Katrin Max 190
3 Das Buddenbrookhaus Rolf Selbmann 11 25 Religion
4 D er Roman im Kontext von Leben und 25.1 Christentum Michaela Bauks 196
Werk Yahya Elsaghe 15 25.2 Judentum Franziska Schößler 203
5 E ntstehung und Überlieferung Yahya Elsaghe 28 26 Krankheit und Medizin Nicolai Glasenapp 209
6 Die Rezeption 27 Phantastik Heinrich Detering 213
6.1 Erstrezeption und Skandal
Gertrud Maria Rösch 39
6.2 Die Rezeption in der Literaturkritik III T heoretische Zugänge
Gertrud Maria Rösch 43
6.3 Die Rezeption in der Literaturwissenschaft 28 Sozialgeschichte Lothar Bluhm 221
Johann Holzner 48 29 Diskursanalyse Stefan Neuhaus 228
6.4 Die Rezeption im Stummfilm 30 Erinnerungs- und Gedächtnistheorien
Christiane Schönfeld 58 Anna Braun 237
6.5 Die Rezeption im Tonfilm und in anderen 31 Materialität(en) und Medialität(en)
Medien Timo Rouget 63 Oliver Ruf 245
6.6 Die Rezeption im Drama Iris Meinen 70 32 Dekonstruktion Irmtraud Hnilica 252
7 Literarhistorische Einordnung 33 Emotionsforschung Anja Schonlau 259
Andreas Blödorn 74 34 Gender Studies (Männlichkeits- und
8 Handlung Sebastian Zilles 80 Weiblichkeits konstruktionen)
9 Form und Erzählverfahren Andreas Blödorn / Veronika Schuchter 266
Sebastian Zilles 84 35 Alterität Sabine Egger 274
10 F iguren Michael Braun 89 36 Subjekt- und Identitätstheorien
11 S ymbole Irene Zanol 103 Stefan Neuhaus 282
12 L eitmotive Irene Zanol 108 37 Wissenspoetologie Nicolai Glasenapp 288
Abkürzungs- und Siglenverzeichnis 295
II Themen und Strukturen Auswahlbibliographie 295
Autorinnen und Autoren 300
13 F amilie Helmut Grugger 117 Personenregister 301
14 P aarbeziehungen Helmut Schmiedt 126 Sachregister 305
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Einleitung
Wenn Sie, verehrte Leserinnen und verehrte Leser, Perspektive (Max 2008) oder durch eine weitere Be-
nach der (möglicherweise kursorischen Erst-)Lektüre schäftigung mit diskursiv verarbeiteten Quellen wie
dieses Handbuch ins (virtuelle) Regal stellen und da- Wilhelm Heinrich Riehls Die Familie (Reidy 2014 u.
bei denken: »Das putzt ganz ungemein«, dann hat es 2018) analysieren. Auch wird der Roman u. a. als Krise
einen wichtigen Zweck erfüllt. Der zur Redensart un- der ›weiblichen‹ und ›männlichen‹ Identität (verstan-
ter allen Thomas-Mann-Lesern gewordene Satz des den als Praxis der Zuschreibung von Geschlechter-
Bendix Grünlich verweist immer auch ironisch auf die eigenschaften) gelesen (Boa 1995; J. Bauer 2016). Dass
Unerfüllbarkeit von Wünschen, wobei der vorliegen- der Roman in einer Zeit erscheint, in der die Reichs-
de Band eher dem Arbeitsethos von Thomas Budden- gründung von 1871 als ein die neue deutsche Nation
brook als dem Grünlichs verpflichtet ist. Aber auch fundierendes Ereignis auch in der Literatur eine wich-
Thomas scheitert bekanntlich, und wie sich dieses tige Rolle spielt und dass der Roman dieses Ereignis
Scheitern vollzieht, welche Rolle der zitierte Satz in vielsagend ausblendet, hat ebenso Beachtung gefun-
der Romanhandlung spielt, welche Figurenkonstella- den wie die Einflüsse des Antisemitismus der Zeit, die
tion und -konfiguration den Roman ausmacht und schon für die Entstehung des Romans bedeutsam sind
wie diese Figuren aus welchen Motiven interagieren, und dann zu einem komplexen Spiel mit Zuschreibun-
welche Entstehungsgeschichte der Text hat und wofür gen von Eigenschaften führen (Elsaghe 2000; Detering
er in der Rezeption in Anspruch genommen wurde, 2005; Schößler 2009; Elsaghe 2015). Ebenfalls stärker
soll auf dem gegebenen Raum möglichst umfassend beachtet wird, dass Konzepte und Entwicklungen des
dargestellt und gedeutet werden. Ökonomischen diskursiv verhandelt werden (Schöß-
Es gibt nur wenige Romane wie die 1901 erschiene- ler 2009; Kinder 2013). Dass der auch aus solchen
nen und 1929 nobelpreisgekrönten Buddenbrooks, die Gründen gern als Zeit- und Gesellschaftsroman be-
als exemplarisches Werk der Literaturgeschichte gelten wertete Erstling Thomas Manns Elemente des Phan-
und dabei so viele über die Zeit hinausweisende The- tastischen aufnimmt und so das Metaphysische auf
men präsentieren oder repräsentieren. Nicht verwun- ganz andere Weise, als es die religiösen oder philoso-
derlich ist, dass es schon einmal ein Buddenbrooks- phischen Einflüsse bisher nahelegten, eine wichtige
Handbuch gegeben hat, das auch durch das vorliegende Rolle spielt (Detering 2011), gehört ebenfalls zu den
nicht ersetzt werden soll oder kann. Das neue Hand- Erkenntnissen der jüngeren Forschung, die in das vor-
buch dokumentiert den Forschungsstand bis heute und liegende Handbuch eingegangen sind. Dankbar wur-
es erschließt den Roman auf andere Weise. Seit dem Er- den punktuell die Erkenntnisse der vorherigen Hand-
scheinen des ersten Buddenbrooks-Handbuchs 1988, bücher genutzt, die bereits viele wichtige Forschungs-
also vor 30 Jahren, haben sich im Zuge der Cultural ergebnisse bündeln; zuletzt erschien 2015 im Metzler-
turns die Zugriffe auf den Text geändert. Es wird stärker Verlag das Thomas Mann-Handbuch, herausgegeben
von der Bedeutung des Autors für sein Werk abstrahiert von Andreas Blödorn und Friedhelm Marx.
und Kontextualisierungen spielen eine größere Rolle, Freilich kann auch dieses Handbuch nur einfüh-
in der tatsächlichen wie in der möglichen Rezeption, renden Charakter haben und bei weitem nicht alles
immer eingedenk des Umstandes, dass fiktionale Lite- abdecken; dazu ist eine umfangreichere Spezialfor-
ratur ein Simulationsraum für mögliche Realitäten ist schung nötig. Schon der Vergleich von Roman- und
und so auch in der Kultur, aus der sie entsteht und in die Handbuchumfang zeigt dies auf den ersten Blick.
sie wieder hineinwirkt, verstanden wird. Wenn wir mit Roland Barthes davon ausgehen, dass
So lässt sich der titelgebende Verfall u. a. durch dis- die Summe der möglichen Interpretationen die Sum-
kursanalytische Ansätze aus medizinisch-biologischer me der möglichen Bedeutungen eines Werks aus-
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VIII Einleitung
macht – worüber man freilich auch wieder trefflich und Medialität(en)«, weniger diskutierte, aber für den
diskutieren könnte –, dann ist die Summe der bisheri- Roman bezeichnende Themenfelder näher umrissen
gen Interpretationen in Monographien, Zeitschriften werden. Das letzte Großkapitel möchte die Praxis der
und Sammelbänden einer regen Thomas-Mann-For- Literaturwissenschaft, sich aus unterschiedlichsten
schung bereits mehr als eindrucksvoll und sicher noch Theorien verschiedenster Wissenschaften für die kon-
lange nicht an ein Ende gekommen – sofern dies über- zeptionelle und kontextuelle Beschäftigung mit fiktio-
haupt denkbar wäre, da jede Zeit und Kultur ihre ei- nalen Texten zu bedienen, sichtbar machen und diese
gene interpretatorische Aneignung vollzieht. Praxis produktiv nutzen. Theoretische Zugänge von
Ein Handbuch ist, wie jede andere wissenschaftli- der »Sozialgeschichte« bis zur »Wissenspoetologie«,
che Publikation, auf ein im Prinzip wohlwollendes Le- also von eher traditionellen bis zu relativ neuen Kon-
sepublikum angewiesen, das sich ansieht, was geleistet zepten, sollen einer interpretatorischen Erschließung
worden ist und erst in einem zweiten Schritt fragt, was des Romans dienen, die ihre Werkzeuge offenlegt; auf
noch oder anderes hätte geleistet werden können. Den der Basis bereits bestehender Ansätze, aber auch als
Herausgebern war es wichtig, dem Handbuch einen Vorschlag für eine weitergehende Beschäftigung mit
sowohl einführenden als auch in Einzelaspekten wei- dem Roman im Sinne eines fortzuführenden wissen-
terführenden Charakter zu geben, so dass es für alle schaftlichen Diskurses.
brauch- und benutzbar ist, die mehr über die Entste- Hierzu noch einige Anmerkungen, um den gemein-
hungs- und Überlieferungsgeschichte, die bisherigen ten Diskurscharakter dieses (jedes) Handbuchs am
Deutungsansätze und mögliche weitere Kontextuali- vorliegenden Beispiel deutlicher werden zu lassen. Zu
sierungen erfahren wollen. den vieldiskutierten Fragen über Buddenbrooks gehört
Angesichts der notwendigen Begrenzungen muss- die Gattungszugehörigkeit. So wird der Roman u. a. als
ten, noch im Prozess des Entstehens, teils schmerzliche ›Familienroman‹, ›Generationenroman‹, ›Kaufmanns-
Entscheidungen getroffen werden, auf Einzelaspekte roman‹, ›Gesellschaftsroman‹ und ›Häuserroman‹ dis-
zu verzichten; andererseits ergaben sich großartige kutiert. Wenn eingeräumt wird, »dass die Gattungs-
Ideen und Möglichkeiten, die genutzt werden konn- bezeichnung ›Familienroman‹ eine höchst vage ist«
ten. Auch dass unterschiedliche Temperamente am und dass es »der Literaturwissenschaft schwer zu fallen
Werk waren, soll nicht verborgen bleiben. Die Umfän- [scheint], den Familienroman als eigenständige Gat-
ge waren zwar vorgegeben, die Ausgestaltung der ein- tung zu klassifizieren« (Ghanbari 2011, 8), dann kann
zelnen Aspekte in gewissen Grenzen einer sachlichen dies als ein Hinweis darauf gewertet werden, dass sich
Darstellung des Forschungsstandes und der Deutungs- Thomas Manns Roman (was man wiederum als kon-
möglichkeiten auch. Dennoch konnte und sollte jede stitutiv für qualitativ herausragende Literatur betrach-
Beiträgerin und jeder Beiträger ihren oder seinen Stil ten kann) aufgrund seines Innovationspotentials sol-
nicht verleugnen. Auch die Mischung von ausgewiese- chen sehr konkreten Zuschreibungen auch stets wie-
nen Expertinnen und Experten zu Thomas Mann und der entzieht. Es dürfte gerade das Hybride des Romans
seinem Roman mit jüngeren Forscherinnen und For- sein, das ihn zu einem der zentralen Texte am Beginn
schern, die eher von einem bestimmten thematischen der literarischen oder klassischen Moderne um 1900
Zugang ausgehen, gehört mit zum Konzept einer posi- macht. Die Gattungsdiskussion zeigt aber auch die ver-
tiv gedachten Heterogenität, die sich zu einem erkenn- schiedenen Perspektiven, die auf die mehrfach codier-
baren Ganzen bündeln soll. (Dazu passt, dass auf ge- ten Buddenbrooks gerichtet werden und die je unter-
schlechtergerechte Sprache geachtet wurde, die Ent- schiedliche Einschätzungen zur Folge haben, etwa die
scheidung über ihre Realisierung aber den einzelnen Bedeutung von Gustav Freytags Roman Soll und Ha-
Beiträgerinnen und Beiträgern oblag.) ben (1855) betreffend, der heute dekanonisiert ist und
Aus dem Gesagten ergibt sich die Einteilung in drei als trivial und antisemitisch gilt, der aber zur Zeit der
große Kapitel: »Grundlagen«, »Themen und Struktu- Entstehung von Buddenbrooks als einer der zentralen
ren«, »Theoretische Zugänge«. Das erste Großkapitel und epochemachenden (Kaufmanns-)Romane der
soll die Entstehung und Überlieferung, die Rezeption deutschsprachigen Literatur besondere Beachtung
und rhetorische Ausgestaltung des Romans beschrei- fand. Freytags Roman wurde als Fanfarensignal für
ben. Im zweiten Großkapitel geht es dann um zentrale den Beginn des bürgerlichen oder poetischen Realis-
Themen des Romans, von der »Familie« bis zu mus wahrgenommen, er feierte die, als spezifisch
»Krankheit und Medizin«, wobei auch, in Unterkapi- ›deutsch‹ markierte, kaufmännisch grundierte Bürger-
teln wie »Essen und Trinken« und »Materialität(en) lichkeit und die Einheit von Familie und Handels-
Einleitung IX
geschäft. Dass Anton Wohlfart sich am Ende des Ro- dungstag der Firma angenommen war, und daß die
mans in das Familienbuch eintragen darf, ist der aus hundertste Wiederkehr dieses Tages bevorstand«
heutiger Sicht triviale Höhepunkt, auf den, so kann (523). Die Familiengeschichte der Buddenbrooks en-
man es sehen, Buddenbrooks mit seiner ironischen det im Verfall, die des Romans allerdings hatte einen
Verfallskonzeption reagiert. Andererseits handelt es kometenhaften Aufstieg in die Spitzengruppe der
sich um einen interpretatorischen Schluss aus Indizien Best- und Longseller zur Folge und wirkt gar meta-
und die Zahl der viel deutlicher erkennbar verarbeite- phorisch in andere Wissenschaftsdisziplinen hinein,
ten intertextuellen Verweise nicht nur auf die deutsch- so wenn in der Zahnmedizin ein Buddenbrooks-Syn-
sprachige Literatur (Tolstoi, Zola...) ist so lang und be- drom befürchtet und in soziologischen Abhandlun-
deutsam, dass sich die Frage der Relevanz und der Ge- gen ein Buddenbrooks-Effekt (u. a. Deutschmann
wichtung solcher Einflüsse stellt, die sicher noch nicht 2008) erwähnt wird. Wenn das vorliegende Hand-
alle ausdiskutiert sind. Wie ist es beispielsweise mit buch einen Beitrag dazu leistet, die vielfältigen und
dem gattungsbildenden Roman der neueren Literatur, spannenden Hintergründe und Gründe des Aufstiegs
Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehr- dieses Romans zu einem bis in andere Wissensberei-
jahre (1796), auf den auch Soll und Haben bezug- che hinein wirkenden zentralen Werk der deutsch-
nimmt? Könnte man nicht Thomas und Christian als sprachigen Literatur und Kultur zumindest ansatz-
ironische Nachfolger Wilhelms verstehen? Und was ist weise transparent zu machen und zum weiteren
mit Theodor Fontanes Roman Effi Briest (1895), aus Nachdenken darüber anzuregen, dann hat es seinen
dem möglicherweise der Name Buddenbrook stammt? Zweck erfüllt.
Handelt es sich dort nicht auch um die Verfalls-
geschichte sogar zweier Familien? Als indirekte Folge ***
des Duells, an dem ein Buddenbrook als Sekundant
beteiligt ist, werden zwei alte preußische Adelsfamilien Vielen ist zu danken, die das Projekt begleitet haben,
aussterben. Das Handbuch kann auf solche Einflüsse zunächst Oliver Schütze vom Metzler-Verlag, der für
hinweisen und Leerstellen markieren und diskutieren, das Vorhaben nicht nur zu begeistern war, sondern al-
um eine möglichst solide Basis für weitere Forschun- les getan hat, dass es von der Idee zur Realisierung ge-
gen zu schaffen. führt werden konnte. Den Beiträgerinnen und Beiträ-
Thomas Mann war indes selbstbewusst genug, sich gern sei für ihre Mitarbeit gedankt, ohne die es kein
als Autor in eigenem Recht zu begreifen und von Be- Handbuch gäbe, und auch für ihre Geduld und Freund-
ginn seiner literarischen Karriere an auch so zu positio- lichkeit in der Kommunikation; außerdem Anna
nieren. Die Kürzungsvorschläge seines Verlegers wies Braun, Jonas Breer und Jessica Fuchs für ihre redaktio-
er ebenso zurück wie später die Vorwürfe, er habe le- nelle Mitarbeit. Die Herausgeberin und der Heraus-
diglich einen Schlüsselroman geschrieben. In Bilse und geber hoffen, dass das Ergebnis nicht nur die bisherige
ich (1906) verweist er vielmehr auf das ihm sehr be- Forschung – soweit überhaupt möglich – bündelt, son-
wusste Programm einer autonom-ästhetischen Dich- dern auch zu einer konzeptgeleiteten, die eigenen Vo-
tung, die – wie jede Dichtung – zwar auf die Realität raussetzungen der Beschäftigung mit Literatur stets
verweist, aber daraus etwas Neues erschafft. So steht mit reflektierenden, weitergehenden Auseinanderset-
der Roman, wie auch jedes Handbuch, das sich mit ihm zung mit dem Roman anregt.
beschäftigt, in einer unabgeschlossenen Tradition der Der Roman wird in der Fassung der Großen kom-
Konzeption und Deutung von Literatur oder eines – mentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA) nur mit Sei-
frei nach Goethe – unabschließbaren Gesprächs über tenzahl im Text zitiert.
Literatur. Koblenz, den 12. August 2018
Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Handbuchs Nicole Mattern und Stefan Neuhaus
jährt sich die Gründung der Firma Buddenbrook
zum 250. Mal: »War es Unachtsamkeit oder Absicht
Literatur
von des Senators Seite – es fehlte nicht viel, so wäre er
Boa, Elizabeth: Global Intimations: Cultural Geography in
über eine Thatsache hinweggegangen, die nun durch
Buddenbrooks, Tonio Kröger, and Der Tod in Venedig. In:
Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hin-
Oxford German Studies 35/1 (2006), 21–33.
gebendsten mit den Familienpapieren beschäftigte, Detering, Heinrich: ›Juden, Frauen und Litteraten‹. Zu einer
aller Welt verkündet ward: die Thatsache, daß in den Denkfigur beim jungen Thomas Mann. Frankfurt a. M.
Dokumenten der 7. July des Jahres 1768 als Grün- 2005.
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X Einleitung
Detering, Heinrich: The Fall of the House of Buddenbrook. Ghanbari, Nacim: Das Haus. Eine deutsche Literatur-
Buddenbrooks und das phantastische Erzählen. In: TMJb geschichte, 1850–1926. Berlin/Boston 2011.
24 (2011), 25–41. Kinder, Anna: Geldströme. Ökonomie im Romanwerk Tho-
Deutschmann, Christoph: Die Finanzmärkte und die Mittel- mas Manns. Berlin/New York 2013.
schichten. Der kollektive Buddenbrooks-Effekt. In: Levia- Max, Katrin: Niedergangsdiagnostik. Zur Funktion von
than 36/4, 501–517. Krankheitsmotiven in ›Buddenbrooks‹. Frankfurt a. M.
Elsaghe, Yahya: Die imaginäre Nation. Thomas Mann und 2008.
das ›Deutsche‹. München 2000. Schößler, Franziska: Börsenfieber und Kaufrausch. Öko-
Elsaghe, Yahya: Hagenströms & Co. Judentum und Anti- nomie, Judentum und Weiblichkeit bei Theodor Fontane,
semitismus in Thomas Manns Buddenbrooks. In: Der Heinrich Mann, Thomas Mann, Arthur Schnitzler und
Deutschunterricht 2 (2015), 40–50. Émile Zola. Bielefeld 2009.
I Grundlagen
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