Table Of ContentProf. Dr. Georg Walterspiel
Betriebswachstum
aus Abschreibungen?
Kritische Studie iiber den Kapazitats
erweiterungs-Effekt und die M6glichkeiten
seiner Optimierung
Lange Zeit war der Kapazitiitser
weiterungs-Effekt - aLs Lohmann
Ruchti-Effekt bekanntgeworden -,
aLso die Erweiterung der Betriebs
kapazitiit durch Reinvestition der Ab
schreibungserlose, ein Hauptthema
b etriebswirtschaftlicher Diskussionen.
Dann wurde es stiller um ihn, weil
man aUe diesbezilgtichen Fragen filr
gekLiirt und seine Bedeutung filr
ilberschiitzt hiett.
Watterspiel vertritt jedoch im Gegen
satz dazu die Ansicht, daft die Er
orterungen nur jestgefahren sind, daft
man in der Untersuchung der Frage,
ob der Kapazitiitserweiterungs-Ejjekt
eine betriebswirtschaftliche Wachs
tumstheorie darsteltt, neue Wege
gehen muft- An Hand von drei Mo
dellen zeigt er, wie die NachteiLe und
Einschriinkungen des aUen Lohmann
Ruchti-Effekts vermieden werden
konnen, wie man also ein Optimum
erreichen kann_ 1m Gegensatz zum
Lohmann-Ruchti-Efjekt verUiuft da
bei das Wachstum quantitativ oder
quaHtativ ohne Schwankungen,
schneUer, marktniiher und mit hohe
rem Wirkungsgrad; vor aHem aber
gelten die dargesteHten Regeln all
gemein_ Walterspiels VberLegungen
beschriinken sich zwar auf betriebs
wirtschajtliche Fragen_ Wenn man
jedoch den engen Zusammenhang
zwischen betrieblicher 1nvestition,
Erhaltung von Arbeitspliitzen, Erho
hung von Produktivitiit und Kon
junktur bedenkt, sind sie als Beitrag
zur Konjunkturtheorie zu werten,
haben also auch volkswirtschaftliche
Bedeutung.
Betriebswirtschaftlicher Verlag
Dr. Th. Gabler, Wiesbaden
Walterspiel
Betriebswachstum aus Abschreibungen?
Dr. Georg Walterspiel
Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Universitat Miinchen
Betriebswachstum
aus Abschreibungen?
Kritische Studie tiber den KapaziHitserweiterungs-Effekt
und die Moglichkeiten seiner Optimierung
Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler . Wiesbaden
ISBN-13: 978-3-409-37141-4 e-ISBN-13: 978-3-322-84385-2
001: 10.1007/978-3-322-84385-2
CopyTight by Dr. Th. Gabler-Verlag, Wiesbaden 1977
Softcover reprint of the hardcover 1st edition 1977
Vorwort
Diese Studie ist das Ergebnis einer langen Beschiiftigung mit einem
Fragenkreis, auf den ich stief3, als mir mein verehrter Doktor
vater Prof. Dr. Dr. h. c. Karl ROme Mitte der 50er Jahre empfahl,
als Thema fUr den Habilitationsvo rt rag "etwas ganz N eues" zu suchen
{da - wie er meinte - die Herren der Fakultiit dariiber dann nicht
allzuviel mehr wissen konnten als ich}: So verfiel ich auf den sog.
Kapazitiit serweiterungs-Effekt { 1}, ein damal s brandneues und aktuell
diskutiertes Gebiet der Betriebswirtschaftslehre. Seither habe ich
mich immer wieder damit befaf3t; nunmehr behandle ich das Thema
geschlossen, da es mir zu einem gewissen - zumindest prinzipiellen
- Abschlul3 gelangt zu sein scheint.
Urspriinglich war die Studie so konzipiert, daf3 in einem eigenen
Literaturteil die Entwicklung des Kapazitiitserweiterungs-Effektes
durch die einzelnen Autoren selbst lebendig werden sollte, wobei
mir vorschwebte, die vorwiegend in kurzen Artikeln oder auch Ab
schnitten verstreute Literatur in einem Buch in Originaltexten zu
sammenzufassen.
Herr Dr. H. Sellien {2} yom Dr. Gabler Verlag in Wiesbaden hat
mich davon iiberzeugt, daf3 diese 100 Seiten doch wohl iiberschrei
tende Literaturdarstellung einen zahlenmiif3ig nur ganz geringen
Kreis jener Leser interessieren wiirde, denich ansprechen mochte:
Wissenschaftler und Wirtschaftstheoretiker niimlich, die
jedoch ohnehin die Literatur weitgehend kennen, andernfalls
aber bereit sind, sich des vorliegenden Literaturverzeich
nisses von Fall zu Fall zu bedienen; ich habe versucht, es
{fiirdiedeutschsprachige Literatur} auf das direkt zum The
rna Gesagte bzw. Geschriebene zu beschriinken.
Den Studierenden {urn den es mir besonders geht} der Wirt
schaftswissenschaften und angrenzender Gebiete: lhre will
die Studie die Moglichkeit geben, die verschiedenen Gedan
kengiinge zum Kapazitiitserweiterungs-Effekt selbst zu ver
folgen und sich durch diese Gedankenarbeit ein eigenes Ur-
1) Auch "Lohmann-Ruchti-Effekt" genannt, vgl. hierzu S. 18 f.
2} Der sich selbst mit unserem Thema befaf3t hat, s. Sellien, H.,
Finanzierung und Finanzplanung, Wiesbaden 1964, S. 94 f.
teil bilden zu konnen - was ja der eigentliche Sinn eines Stu
diums ist. Lediglich "Lernen", d. h. Ubernehmen des (fer
tigen) Urteils anderer, befahigt einen ja nur dazu, eben in
diesem "erlernten" Fall zu wissen, was zu tun sei; das selbst
erarbeitete Urteil Hiat sich hingegen auf auch Neues, noch
nicht Gelerntes" tibertragen. Die GedankenfUhrung des Fol
II
genden ist daher so aufgebaut, daa ihr der Student auch ohne
nahereKenntnis der Spezialliteratur folgen kann; sollte die
ser oder jener dabei so "neugierig" werden, daa er dann
doch zu den Btichern greift, so ware das ein erfreulicher
N ebeneffekt.
Den Praktiker, also den im Betrieb mit Fragen der Betriebs
planung, Investition, Abschreibung, Steuerpolitik u. a. m.
taglich konfrontierten Fachmann: Er solI - ohne Literatur
"Belastung" - die Moglichkeit haben, sich in kurzer Zeit
Anregungen fUr bestimmte Finanzierungsmoglichkeiten aus
Abschreibung zu holen, urn ihre Verwendbarkeit fUr seinen
Betrieb tiberprtifen und dartiber entscheiden zu konnen. Und
jenen Praktikern, die der a.ch so grauen Theorie gegentiber
gewisse Vorbehalte haben mogen, sei anvertraut, daa man
che der hier gebrachten Modelle so wirklichkeitsfremd gar
nicht sind; sie wurden yom Autor in der Praxis versucht -
nattirlich nicht genau dem (optimalen) Modell entsprechend,
jedoch mit durchaus tiberzeugender Wirkung.
Gerne danke ich folgenden Herren fUr ihre Mithilfe:
Dipl. -Math. F. Lehmann, damals (1967/68 und 1970) Assistent
des Mathematischen Institut s der Universitat Mtinchen: Seine mathe
matische Beratung und Uberwachung mehrerer meiner Modelle war
fUr mich eine wesentliche Hilfe;
Dr. P. Web e r, seinerzeit Assistent am Institut fUr Verkehrs
wissenschaft und Offentliche Wirtschaft (Prof. Dr. K. Oettle) der
Universitat Mtinchen: Er beschaffte und berechnete (1974/75) die
Daten fUr Abbildung 7.
Dr. U. Kockelkorn, Assistent am Seminar fUr Spezialgebiete
der Statistik (Prof. Dr. K. Weichselberger) der Universitat Mtin
chen: In einer Reihe eingehender Besprechungen (1975), insbeson
dere tiber mathematisch-logische Auswirkungen bei Kapazitats
fragen, trug er zur Klarung sowie zur Vermeidung von Irrtumern
beL
Georg Walterspiel
Inhaltsverzeichnis
1 Der Kapazitatserweiterungs-Effekt • 9
11 Zur Abschreibung .....•.... 10
111 Abschreibung volkswirtschaftlich gesehen 10
112 Abschreibung betriebswirtschaftlich ...• 11
1121 Arten der Abschreibung ...••..•. 11
1122 Abschreibungs-Methoden ..•....• 13
1123 Vervvendung der Abschreibungserlose 16
12 Zur Bezeichnung "Lohmann-Ruchti-Effekt" 18
121 Die historische Entwicklung . . . . . • . . • . . •• 18
122 Das "klassische" Modell •......•. . • . . .. 24
123 Erklarung des Lohmann-Ruchti-Effekts. • • . . . • .. 27
124 Argumente fUr und gegen den Lohmann-Ruchti-Effekt 33
1241 Argumente dafUr . . 33
1242 Argumente dagegen ..•.. . . . . . • . . . . . .. 33
2 Zur Optimierung des Kapazitatserweiterungs-Effekts 36
21 Nicht systemgetreue Modelle ......••.•.... 36
211 Neuberts Modell . . . . • . . . . . . . • . . • . . • • 36
212 Modell mit Beriicksichtigung von Eigenkapital-
verzinsung bzw. kalkulatorischen Kosten 38
22 Systemgetreue Optimierungsmodelle 42
221 Das lineare Hotel-Modell ..•.. 42
222 Das digitale Hotel-Modell ....• 52
223 Das Omnibus-Modell .....•.. 57
224 Anwendung auf den Industriebetrieb
("Produktionsbetrieb") ...•••.•.. 65
23 Zur Anderung der Aufwands- und Ertragsstruktur 68
24 Vermogenswachstum aus Abschreibung? 76
3 Ergebnis und Konsequenzen 82
Literatur zum Kapazitatserweiterungs-Effekt . 89
Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 1: "Klassischer" Lohmann-Ruchti-Effekt 26
Abb. 2: Neuberts Modell (mit Zwischenkredit) 37
Abb. 3: Modell mit (teilweiser) Beriicksichtigung von
Eigenkapitalverzinsung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Abb. 4: Wertentwicklung beim mathematisch genauen
Hotel-Modell (Tabelle 5) . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Abb. 5: Abschreibungsreste beim mathematisch genauen
. . . . . . . . . . . . . . . .
Hotel-Modell (Tabelle 5) 51
Abb. 6: Digitaler Wertschwund (Kurve zu Tabelle 8) 63
Abb. 7: Vergleich Buch- und Marktwerte des
Omnibus-Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Verzeichnis der Tabellen
Tab. 1: Freie liquide Mittel bei stufenweiser
Anschaffung, linear ...........•. 28
Tab. 2: Mathematischer Zusammenhang zwischen freien
Mitteln und KapaziHitswachstum bei linearer sowie
digitaler Abschreibung ......•..•...... 31
Tab. 3: Freie liquide Mittel bei digitaler Abschreibung 32
Tab. 4: Lineares Hotel-Modell 46
Tab. 5: Mathematisch genaues lineares Hotel-Modell 50
Tab. 6: Digitales Hotel-Modell 55
Tab. 7: Omnibus-Modell ..•... 60
Tab. 8: Restwerte bei digitaler Abschreibung 63
Tab. 9: Aggregate-Modell . . . • . • . . • . . . . . . . . . . . . . 67
1 Der KapaziUitserweiterungs-Effekt
Unter ''KapazWitserweiterungs-Effekt'' (3) wird hier verstanden,
da13 ein (soeben errichteter) Betrieb die produktionsverursachten
Abschreibungen auf bestimmte Anlagen (z. B. Maschinen) in die Be
schaffung weiterer (gleichartiger) Anlagen systematisch reinve
stiert*) mit der Absicht, seineKapazitat (4) zu erweitem. Zur Unter
suchung des Kapazitatserweiterungs-Effekts geh5rt damit auch die
Feststellung des Ablaufs und der Grenzen dieses Verfahrens.
Nachdem insbesondere in der ersten Halfte der 50er Jahre der da
mals so benannte Lohmann-Ruchti-Effekt (5) heftig diskutiert wurde
- besonders in der ZfbF, aber auch in der Schmalenbachgesell
schaft (6) und in der Wirtschaftspresse (7) -, scheint heute das all
gemeine Interesse an diesem Fragenkreis doch stark geschwunden
zu sein; man betrachtet den ganzen Komplex wohl als v511ig geklart
und hat insbesondere die Gegenargumente gegen den Kapazitatser
weiterungs-Effekt so weit untersucht, da13 man nun an eine fruhere
Uberschatzung glaubt. Zudem hat man wohl erkannt, da13 sich me
thodisch seit Ruchti nicht viel geandert habe, so da13 spatere Bei
tragedochnurals - wenn auch teilweise h5chst interessante - Vari
anten zu dieser betriebswirtschaftlichen Wachstumstheorie betrach
tet werden mil13ten.
*) Ich ziehe es vor, das Wort "Re-investition" mit Bindestrich zu
schreiben, folge hier jedoch der inzwischen allgemein ilblichen
Schreibweise.
3) Ob es sich dabei urn einen eigentlichen "Effekt" handelt, wie es
z. B. Schafer (Schafer, E., Abschreibung und Finanzierung,
ZfbF 1955, S. 140) in Zweifel zieht, ist fUr unseren Gedanken
gang unwesentlich; wir folgen hier der inzwischen ilblichen und
anerkannten Begriffsverwendung.
4) Hier wird Kapazitat also nach Zahl der Maschinen gemessen.
Die spater erwahnte "Total-Kapazitat" zieht auch die jeweils
noch vorhandenen Restkapazitaten der einzelnen Maschine als
Ma13stab heran.
5) Gleichbedeutend wie der Kapazitatserweiterungs-Effekt; wir
gehen auf diese Benennung S. 18 ff. naher ein.
6) In ihrer Arbeitstagung in Dortmund yom 29. 10. 1954, vgl. ZfbF
1954, S. 593.
7) So in der FAZ 1951, 1953, 1954, 1956 (s. hier Literaturver
zeichnis).
9
1m Gegensatz hierzu scheint uns die Diskussion iiber den Kapazitiits
erweiterungs-Effekt und seinetheoretischewie praktische Bedeutung
keineswegs abgeschlossen, sondern eher festgefahren zu sein. Da
her solI en hier - nach der zum Verstiindnis notwendigen Darstellung
der bis heute geltenden Anschauungen - die alten Gleise verlassen
werden; ob durch unsere "Optimierung" des alten Lohmann-Ruchti
Effektes dann ein Abschlul3 oder eine Neubelebung der Diskussion
erreicht wird, das zu entscheiden, ist Sachedes Lesers (und nicht
des Autors).
11 Zur Abschreibung
DerKapazitiitserweiterungs-Effekt besteht also in einer besonderen,
systematischen Verwendung der Abschreibungen. Wir miissen uns
daher zuniichst dieser zuwenden.
Dabei benotigen wir zum Verstiindnis des Folgenden eigentlich nur
einen kleinen Teil des sehr weit gespannten und veriistelten Gebietes
der Abschreibungen, ihrer vielfiiltigen Funktionen und oft schwierig
abzuwiigenden Wechselzusammenhiinge. Damit jedoch dieses Teil
gebiet, das im Mittelpunkt unserer Uberlegungen stehen solI, nicht
zusammenhanglos erscheint, sei zuniichst ein - fast stichwortartig
kurzer - Uberblick gegeben, um aus diesem das fUr uns Wesentliche
gewissermal3en herauszudestillieren.
111 Abschreibung volkswirtschaftlich gesehen
Bekannt ist hier das Bruttosozialprodukt, also die in Geld ausge
driickte Gesamtheit von Giitern und Leistungen, die eine Volkswirt
schaft innerhalb eines J ahres produziert. Dieser steht das N etto
sozialprodukt gegeniiber. Die Differenz zwischen beiden bilden die
Abschreibungen. Um welche Grol3enordnungen und damit auch um
welche wirtschaftliche Bedeutung es hier geht, ersieht man daraus,
dal3 hierbei die Abschreibung mit 100/0 angenommen wird; bei einem
Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik von rund tausend Milliarden
DM ergeben sich also rund 100 Milliarden DM Abschreibungen, die
in unserem Lande jiihrlich vorgenommen werden.
DaAbschreibungen grundsiitzlich zur Ersatzbeschaffung verbrauch
ter Anlagen dienen, werden jiihrlich in ungefiihr dieser Rohe Auf
triige an unsere Wirtschaft gegeben und aus diesen Abschreibungen
bezahlt.
Wegen des engen Zusammenhanges von Abschreibung und Investition
ist sie auch ein hiiufig gehandhabtes Instrument der staatlichen Wirt
schaftspolitik. Rier sei nur kurz auf zwei Beispiele hingewiesen:
1973 wurde die degressive Abschreibung zur Konjunkturdiimpfung
10