Table Of ContentBEOBACHTUNGEN
ZUR EPISCHEN TECHNIK DES
APOLLONIOS RHODIOS
VON
PAUL HÄNDEL
C. H. BECK’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
MÜNCHEN 1954
Copyright 1954 by C. H. Becok’sche Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck) München
Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forsch inschaft
in der C. H. Beck’schen Buchdruckerei Nördlingen
INHALTSVERZEICHNIS
Vorbemerkungen . . 0 Ε Ε Ξ 7
J. Die Einleitung des Epos: Götteranrufung, Vorgeschichte, Katalog . ... 9
II. Einzelinterpretationen zum Heldenkatalog ... ...0.0....... 17
IIJI. Herakles, Hylas und Polyphem . . . . . . .«τὐὐ φφ ρ ι ννινιων 21
IV. Mythologische Tendenzen und ihr Verhältnis zur Erzählung . . . . . . - 34
ΕΌ Ξ Ξ ΕΞ ΕΕΕ Ἔ ΕΤἙ 50
VI. Die Reisen ΕΈΕΕ Ε ΑΕ Ε ΕΞ Ε ΕΞΕΕ 57
VII. Die Übergänge in den Reisen des Vierten Buchs ........... 63
VIII. Die Einzelszenen und das Ganze . . . .00 ττὐ φ ρνρρννν 68
IX. Zwei Szenen aus dem Vierten Buch: Der Mord an Apsyrtos und die Begegnung
zwischen Peleus und Thetis . . . .0 0000000000R 0ει 0κ ε ς 75
X. Zum Prinzip der Variation: Die Stationen der Reise. Abfahrt und Ankunft
als Rahmen der Episoden. Die Abenteuer bei den Kyaneen und den Plankten 82
XI. Das Dritte Buch: Hellenistisches Empfinden und epische Erzählungsform . 93
Exkurs: Kirke. Die Sirenen. Thrinakria . . . . . . ννν ρρν ει υ ο υ 119
Schlußbemerkungen . . . R νιυ 125
Nachwort . . RR RR RR H e 132
Verzeichnis der häufiger erwähnten Literatur .. ... ..0.0.0.0.0.... 133
7 Ε ΌΎΕΈΕΕΕΕΕΕΕΕΕΕΕΕΕΈ ΕΈΕ ΈΞΈΈ ΕΕ 135
VORBEMERKUNGEN
Die Frage nach der dichterischen Technik eines Autors ist zwar nicht
die einzig denkbare, sozusagen die Frage des Philologen schlechthin,
aber sie ist vielleicht die allgemeinste der möglichen Fragen. Um die Ex-
treme zu bezeichnen: Man wird, wenn man sie behandelt, ebenso auf
sehr konkrete Quellenprobleme stoßen wie dem Geheimnis der innersten
Motive des Dichters begegnen. Aber man darf, wenn man einen guten
Anfang machen will, nicht ohne eine bestimmte Vorbereitung den
Phänomenen gegenübertreten, man muß sich für sie ausrüsten — mit
zwar zunächst vorläufigen, aber vernünftigen Kategorien. Am Anfang
steht die Hypothese, die ausgeht von den offenkundigen Bedingungen,
die einen im einzelnen noch unbekannten Autor umgeben.
Was sind für Apollonios, den epischen Dichter des dritten vor-
christlichen Jahrhunderts, diese offenkundigen Bedingungen, und was
sind dementsprechend unsere vorläufigen Kategorien?
Vor allem und immer wieder ist da die Bedingung Homer. Man kann
die Frage, wie der Nachfahr zum Urbild alles Dichtens steht, nie genug
stellen: wie und wo er es auffaßt als Aufforderung zur Imitation und
zum Kontrast. Denn er wird sich immer empfinden als einer, der vor
der homenschen Fohe steht, und wie dies fest im Bewußtsem des Dich-
ODEE E E —_ —
—
wir auf Homer blicken, und zwar auf das Allerkonkreteste bei ihm,
können wir erwarteng zu finden, was unser Dichter „macht‘‘.
Wie Homer sozusagen die fortwährende Bedingung der antiken Epik
ist, so ist für den Hellenisten all das eine Bedingung, was seit dem
fünften Jahrhundert entdeckt und fixiert worden ist — an poetischen \
Möglichkeiten, will sagen an neuem Sentiment, und an antiquarischen ;
und geographischen Fakten. Sind aber all diese neuen Dinge einmal ‘
gewonnen, so braucht man sich immer noch nicht nach ihnen zu rich-
ten. Also ist die Frage: Ist Apollonios ein Epiker ganz im archaischen ‘
Sinn oder läßt er, und wie, das Neue in sein Werk hinein?
Dieser weitere Aspekt auf unseren Dichter hat, wie es scheint, ein poe-
tisches und ein durchaus unpoetisches Element. Alles, was sich auf die
neuen Empfindungen und Redeweisen bezieht, gehört ins Poetische; alles,
was Sachen und die Kenntnis von ihnen betrifft, ist von der Wurzel her
unpoetisch. Berücksichtigt es der Dichter, so schafft er eine Spannung;
8 Vorbemerkungen
um 8o stärker, je genauer das Sachliche wird. Wieweit unterstellt er nun
das Sachliche den Gesetzen der Dichtung, somit: wieweit verhüllt er es?
Da schließlich auch das sachlich in unserem Werk Gesagte vom Dichter
so gewollt ist, dürfen wir es nicht in dem Gedanken, es sei nicht im eigent-
lichen Sinne poetisch, aus unserer Betrachtung ausscheiden. Mit anderen
Worten, wir müssen auch fragen: Hat Apollonios im Sachlichen, im An-
tiquarischen und Mythologischen,eine Methode, ist er, wie für einen Dich-
ter seiner Zeit nicht verwunderlich, ein Mythologe mit gelehrten Grund-
sätzen? Oder schaltet er mit den Sachen nach dichterischem Belieben?
Zwei Hauptfragen werden also die scheinbar locker aufgereihten
folgenden Untersuchungen bewegen: die nach den Abweichungen von
Homerund die nach dem Platz und dem Gewicht der modernen Kennt-_
‚ nisse und modernen Empfindungen bei unserem Dichter. Immer wird
das dichterische „„Machen‘‘, die dichterische Methode,‚im Vordergrund
stehen. Wenn die Untersuchungen nicht in die Irre führen, so muß
ι sich ergebeny daß das „‚Machen“‘ einheitlich ist: daß der Dichter Sach-
liches und Poetisches zusammenstreben läßt, das eine dem anderen
dienstbar macht. Dann stehen aber hinter allen Einzelheiten die glei-
chen fundamentalen Regeln der dichterischen Technik. Sie, wenn auch
nur angenähert, zu formulieren, muß am ehesten gelingen, wenn man
den Blick, jedesmal scheinbar isoliert, auf diese Einzelheiten oder
Gruppen von ihnen richtet.!
ı Durch die Ungunst der Nachkriegszeit wurde die Dissertation von R. Ibscher,
Gestalt der Szene und Form der Rede in den Argonautika des Apollonios Rhodios,
München 1939, erst zugänglichg als diese Arbeit abgeschlossen war. Nach den Unter-
suchungen von Mehmel ist Ibschers Buch das Eingehendste und Anregendste, das in
neuerer Zeit über unseren Autor erschienen ist. Wir dürfen es als Stütze für unsere
Ergebnisse auffassen, wenn sich Ibschers Beobachtungen, wie öfters, mit unseren
decken. So verwendet er auch bisweilen den gleichen Terminus (vgl. hier S. 130
Anm. l) Um aber das'was Ibschers Arbeit wirklich will, richtig einschätzen zu kön-
nen, wäre vor allem eine Prüfung ihrer Grundposition nötig, die wir hier nicht vor-
nehmen können. Es wäre nötig, Begriffe wie „lineare Handlung (und ihre Durch-
brechung), Statik und Dynamik, Bewußtheit, Wichtigkeit der Handlung, Szenen-
akzent‘“ auf ihre Tragfähigkeit hin zu betrachten, zu fragen, wie weit das,was Ibscher
für Zwang und Notwendigkeit beim Dichten des Apollonios hält, es wirklich ist. Ein
Beispiel (S. 190): „„Die Distanzgdie Apollonios seinem Stoff gegenüber einnimmt, ist
durch seine wissenschaftliche, historische Einstellung bedingt. Die Erzählung trägt
‚ einen . .. Vergangenheitscharakter ... Um einen Ausgleich zu schaffen, muß
die Ökonomie der Szene in ihrer inneren Spannung besonders ausgewogen werden.“
Kein Zweifel, daß die Feststellungen, jede für sich, richtig sind. Ist es aber auch die
Verknüpfung ? Das Problem stellt sich bei Ibscher oft. — Die Dissertation von M. Hügi,
Vergils Aeneis und die hellenistische Dichtung, Bern 1951, erschien nach dem end-
gültigen Abschluß des Manuskripts. Sie verfolgt einen von dem unseren ganz ver-
schiedenen Weg.
DIE EINLEITUNG DES EPOS:
GÖTTE RANRUFUNG, VORGESCHICHTE, KATALOG
Zuerst beschäftigt uns der Anfang des ersten Buchs. Über die ersten
233 Verse hin enthält es noch keine Handlung, sondern Präludien zu
ihr: Proömium, Vorgeschichte und Heldenkatalog. Unsere Fragen in
diesen Stücken betreffen zunächst das Poetische.
PROÖMIUM
Gemäß epischer Weise beginnt Apollonios sein Werk mit einem
Proömium. Während jedoch in den homerischen Gedichten und bei
Hesiod zu Beginn des Proömiums die Musen angerufen werden, setzt
Apollonios mit einer Anrufung des Apollon ein: ἀρχόμενος σέο, Φοῖβε.
Die Formulierung erinnert an Hymn. Hom. 25: Movodwv &pyouaL
”’Arx6Mwv66 te Aı6s te. Auch ein solcher Hymnus gilt als xpooipıov
(Pindar Nem. 2, 3. Thuc. 3, 104),! weil er einem größeren Rhapsoden-
vortrag vorangeht. Nur als Andeutung nimmt Apollonios das Götter-
proömium in sein Epos hinein, dichtet nicht etwa, was im Sinne der
Rhapsoden gewesen wäre und was zum Beispiel Arat tut, ein breites
Götterlied als Einleitung.
Den Gegenstand seines Liedes führt Apollonios V. 1 ff. so ein:
„Ruhmestaten der Helden aus der Urzeit will ich hervorholen, die
im Auftrag des Königs Pelias durch den Mund des Pontos und die
kyaneischen Felsen die wohlgefügte Argo nach dem goldenen Vließe
lenkten.‘“ Das ist in doppeltem Sinne homerisch: auch Homer bestimmt
den Gegenstand seines Liedes in einem Relativsatz genauer, auch
Homer gibt nicht den ganzen Inhalt seines Liedes an. Wie Apollonios
nur Ereignisse der Hinfahrt nennt, so spricht Homer nur vom Zorn des
Achilleus und den Irrfahrten des Odysseus. Der Zorn des Achilleus
läuft zwar durch die Handlung der Ilias wie ein Faden, aber um ihn
herum legt sich anderes, mehr oder minder Selbständiges, alles das,
was die Achilleusgeschichte zum Epos vom Troianischen Krieg macht:
ı Allen-Sikes, The Homeric Hymns, London 1904, S. LXI.
10 Götteranrufung, Vorgeschichte, Katalog
die Aristien, das Hektor-Priamos-Thema, das mit dem Paris-Helena-
Thema zusammenhängt und viel Selbständiges ins Epos hineinbringt.!
Im Proömium der Odyssee hören wir nichts von Telemachos und den
Freiern. Die Beziehung von Themaangabe und Inhalt ist also in beiden
homerischen Proömien nicht genau, die Auswahl des Angegebenen aus
dem Gesamtinhalt nicht konsequent.
Diese Kongruenz zwischen dem Proömium der Argonautika und
den homerischen Proömien ist jedoch nur scheinbar. Denn unser
Dichter gliedert seinen Stoff in Abschnitte, schafft Teilthemen, deren
jedes mit einem besonderen Proömium eingeleitet wird (Anfang von
Buch 3 und 4), er nimmt sich vory ein Epos in Büchern zu schreiben,
denn für ihn ist Homer in Bücher gegliedert.
So kann der Dichter darauf verzichteny im Proömium des ersten
Buches den Inhalt des ganzen Werkes (vollständig oder auch in ho-
merischer Weise auswählend) anzugeben. Was man zunächst für ein
Gesamtproömium hält, stellt sich als Proömium des ersten Teils her-
aus. Aber ist nicht doch das Anfangsproömium mit Apollonanrufung
mehr als die Zwischenproömien, in denen Erato, die Muse, angerufen
wird?
Das legt die Versgruppe 20-23 nahe: „„Ich will nun zuerst Name und
Sippe der Helden singen und den weiten Weg auf dem Meere . .. Die
Musen aber seien irogHtopec? des Sanges.‘ Dies erscheint als die eigent-
liche Einleitung zum Komplex_der _ersten beiden Bücher; der Anruf
an die Musen stellt es an die Seite der Proömien von Buch 3 und 4.
ı Der Anfang der Ilias gibt wohl „den Grundakkord und Ton der ganzen Symphonie“
an (so Reinhardt, Von Werken und Formen, Godesberg 1948, S. 33), aber nicht das im
Rahmen einer Ilias inhaltlıch Wesentliche.
2 Die Bedeutung von ὑποφήτωρ ist umstritten, vgl. Mooney zu Ap. Rhod. 1, 22
(edited with Introduction and Commentary, Dublin-London 1912). Nach Liddell-Scott
heißt das Wort (mit -twp- oder -tn6-Suffix) „Ausdeuter, Erklärer‘. So merkwürdig
es scheinen mag, auch für unsere Stelle ist daran nicht zu rütteln. Die Musen geben
dem Dichter nicht sein Lied ein, sie verhelfen nur zum klaren Ausdruck,. Die Rolle/
die sie hier spielen, ist weniger glanzvoll als diey die Homer ihnen zuweist: so unhome-
risch das Proömium, so unhomerisch auch die Stellung der Musen (vgl. K. Latte, Antike
und Abendland II, 1946, S. 154). Entsprechend ist die Einleitung der Aitia des Kalli-
machos unhesiodisch (im Hellenismus spiegelt sıch der Gegensatz von Lehrgedicht
und Heldenlied an den verschiedenen Vorbildern). Hesiod hatte von sich bekannts
daß ihm die Musen bei seiner Herde am Helikon erschienen waren und ihn die Theo-
gonie gelehrt hatten. Auch Kallimachos gibt an, sein Gedicht komme von den Musen.
Aber sie künden es ihm nicht in der Wirklichkeit seines Arbeitstages, sondern ein
Traum versetzt ihn auf den Helikon. Was Hesiod als wunderbare Wahrheit erlebt,
das träumt Kallimachos (Quellen bei R. Pfeiffer, Callimachus I, Fragmenta, Oxford
1949, S. 11).
Vorgeschichte 11
Damit erschließt sich uns nun endlich das richtige Verständnis der
Eingangsverse. Der Dichter sagt uns, wer die Helden in seinem Liede
sind, nicht, was er über sie erzählen will. Das folgt erst mit V. 20. Sonst
wäre ja V. 1—4 eine Dublette zu V. 20-23. Ἵ
Die ersten vier Verse sind also eine Art Überschrift für das Gesamt-
werk,! ihm gilt Apollons Beistand. Sodann hebt Apollonios mit der Vor-
geschichte an. Aber er will nichts Genaueres von ihr erzählen, erst die
Fahrt interessiert ihn. Sogar der Schiffsbau, die unmittelbarste Vor-
bereitung zur Fahrt, scheidet aus (V. 18/19).
Apollonios gibt sich Rechenschaft über die Beschaffenheit seines
Stoffs und die Auswahl, die er trifft, und der Leser kann aus dem Pro-
ömium geradezu seinen Gedankengang erkennen. Es ist sozusagen
das Einleitungskapitel eines Buches, in dem das Buch gegenüber
anderen Büchern über den gleichen Gegenstand abgegrenzt und seine
Gliederung angedeutet wird. Homer jedoch erzählt einfach „von einem
beliebigen Punkte aus‘“‘ (Od. 1, 10).
VORGESCHICHTE
In der Ars poetica spricht Horaz,‚im Zusammenhang der Erörterung,
unter welchen Voraussetzungen es möglich seiyein gutes Epos zu dich-
ten, auch von der Kunst der Einleitung, V. 136 ff. Er sieht ein Charak-
teristikum der homerischen Gedichte darin, daß die Vorgeschichte nicht
etwa mit jeder möglichen Deutlichkeit und in aller Breite erzählt wird,
sondern daß der Leser sofort mitten in den Zusammenhang des Ge-
schehens hineingeführt wird (der so begrenzt isty, daß ein vernünftiges
und überschaubares Ganze entsteht, vgl. Ars poet. 151 ff. und Arıist.
Poet. 1450 b 32, 1459 b 19). Aber Horaz bemerkt auch, daß der Leser
in einen Zusammenhang hineingeführt wird, der ihm nicht neu ist
ı Die falsche Ansicht, das Proömium am Anfang beziehe sich nur auf Buch 1 und 2,,
hat zu Schlüssen über die gesonderte Herausgabe dieser beiden Bücher geführt (so
A.Körte, Die hellenistische Dichtung, Leipzig 1925, S. 153). Von der Frage, ob Apollonios
etwa nur ] und 2 in Alexandrıa veröffentlicht, den Rest in Rhodos zugefügt habe,
trennen wir das Proömienproblem ab; wir sehen es nur im Zusammenhang mit dem
neuen Sinn für Bucheinteilung und Stoffgliederung. Es ist natürlich möglich, daß
Apollonios in Alexandria nur die beiden ersten Bücher vorgelegt hat (H.Emonds, Zweite
Auflage im Altertum, Bonner Phil. Stud. 14, 1941, S. 302 ff.), zumal er damit vermied,
Kallimachos zu wiederholen, der ja in den Aitia die Rückreise der Argonauten beschrie-
ben hatte. Trifft das zu, so behaupten wir: Er hätte das erste Proömium auch dann'
nicht anders geschrieben, wenn er das ganze Werk in einem Zug verfaßt hätte.
12 Götteranrufung, Vorgeschichte, Katalog
(in medias res non secus ac notas auditorem rapit, V. 149), der, so
ergänzen wir, keiner umständlichen Erklärung, keiner Exposition be-
darf. In der Ilias wird von Achill und den Achäern gesprochen, jeder
weiß,;, wann und wo das Geschehen spielt. Das ganze Epos läuft ab vor
Hörern, die die Beziehungen auf das vorher und später Geschehene ge-
nau kennen. So ist kein erklärendes Wort zuvor nötig. Nicht anders ist
es bei der Odyssee. D n
Apollonios will, wie wir sahen, am Anfang seiner Erzählung den
ganzen Bereich der Argonautensage abstecken. Daraus schneidet er
dann den Teil aus, den er für seine Erzählung wählt. Um seinen Gegen-
satz zu Homer zu kennzeichnen, kann man vielleicht sagen: Er versteht
den aristotelischen Begriff des‘ Mythos als Fabel,"*’örwurf für ein
Kunstwerk,im Sinne einer Sagengesamtheit, die möglichst schon die
frühesten Motive erfaßt, während er aus den homerischen Gedichten
als „‚sinnvoller Zusammenhang mit sinnvollem Anfang und sinnvollem
Ende“‘ zu deuten wäre. Aber in einem gleicht unser Dichter Homer: er
setzt Kenntnis des Lesers voraus. Er erzählt die Vorgeschichte keines-
wegs in der Absichtg seine Erzählung von Grund auf verständlich zu
machen. Das zeigen die Verweise auf die Vorgeschichte an späteren
Stellen des Epos: zum Beispiel wird die Sage von Phrixos und Helle
(offenbar weil sie mit den Argonauten nicht unmittelbar zu tun hat)
erst 1, 256 und 291 erwähnt. Dennoch ist die Argonautensage ohne sie
nicht denkbar! Von dem Orakel, das Jason zu Beginn der Fahrt ein-
holt, hören wir erst 1, 209, und auf die Fragey was Pelias dazu bewogen
hat,Jason auszusenden, können wir aus 2, 1194 und 3, 333 ff. viel mehr
antworteng als wenn wir nur die Vorgeschichte V. 5 ff. kennen. Solche
Verweise auf Ereignisse, die vor dem Beginn der Erzählung liegen, sind
homerisch. Man vergleiche, daß erst Il. 2, 155 ff. der eigentliche Grund
des Zuges gegen Troia, der Raub der Helena, behandelt wird: Hera
bittet Athene um Beistand, damit die Helden nicht unverrichteter
Dinge wieder abziehen, „sonst würden sie Priamos und den Troern
Helena zum Triumph zurücklassen, um derentwillen viele der Achäer
starben, fern vom heimatlichen Land‘‘. Um zu wissen, was in der Ilias
vor sich geht, muß man diese Tatsache schon ganz am Anfang kennen.
Die Schilderung der Vorgeschichte bei Apollonios steht nun in einer
bestimmten Relation zu den Verweisen an späterer Stelle. 1,8 £. er-
fahren wir soviel: Jason steigt aus dem Fluß, trifft sogleich Pelias bei
einem Festmahl, der ihn erkennt und ihm den Auftrag gibt, eine ge-
fährliche Reise zu unternehmen. Die einzelnen Handlungen folgen