Table Of ContentBeiträge zur Aetiologie
der
Psychopathia sexualis
Von Dr. med. Iwail Blocll
Arzt für Haut- und Sexualleiden in Berlin
λ’Erfasser von ^Der Ursprung <l<?r S*yphilis 1
Mit einer Vorrede
von
Geh. Medicinalrath Prof. Dr. Albert Eulenburg
in Berlin
—= ERSTER TEIL.
Dresden
Verlag von H. R. Dohm
1902.
Alle Rechte Vorbehalten.
BEUTtCM VERM6SMUCIC Ml HUI MEVCBUNCI, LKIPH6·
Inhalts'Verzeichnis.
Vorwort von Geh. Medicinalrath Prof. Dr. A. Eulen barg S. V.
Vorbemerkung des Verfassers S. XI.
Einleitung S. 1—4 — Graues Altertum und Ubiquität der sexuellen
Perversionen S. 1; Unabhängigkeit derselben von Kultur, Ner
vosität und Degeneration S. 2—4.
Bisherige Anschauungen über die Aetiologie der sexuellen Ano
malien (Heredität und Erworbensein) S. 4—9 — v. Krafft-
Ebing S. 4 — Moll S. 4—5 — A. Eulenburg S. 6 — Have
lock Ellis, Magnan S. 7 — v. Schrenck-Notzing, Tar-
nowsky S. 8 — A. Hoche, A. Cramer, K. Kautzner S. 9.
Kritik der Lehre von den angeborenen sexuellen Perversionen
S. 9—13 — Ulrichs’ und Magnan’s Theorien S. 10—11 —
Bolle der Lüge und Suggestion S. 11—13.
Krankheiten als aetiologische Faktoren S. 13—16 — Erbliche
Belastung S. 13; Degenerationszeichen S. 14; Syphilis S. 15 —
Geisteskrankheiten S. 15—16.
Aetiologie der Geschlechtsverirrungen bei gesunden Menschen
S. 17—214; Die sexuellen Anomalien als Völkergedanken
S. 17; Der sexuelle „Reizhunger“ S. 17 — Qualitative
Gleichheit der Geschlechtsverirrungen bei primitiven und
civilisierten Völkern S. 17—19 — Einfluss- des Klimas S. 19 —
Vergleich zwischen Nord- und SUdeuropa S. 20—21 —
B*urton 8 sotadische Zone S. 22—23 — Einfluss südlicher
Klimate auf die Genitalien S. 24 — Beispiele aus Italien,
Balkan, Orient, Indien S. 25—27 — Bedeutung der indischen
Ars amatoria für die Erkenntnis der Aetiologie sexueller
Perversionen S. 27—31; Zustände in Ostasien S. 31—33 —
IV
Einfluss des Gebirgsklimas S. 33—34 — der Rasse und
Nationalität S. 34—35 — Aetiologle der geschlechtlichen
Perversionen bei den Naturvölkern S. 35 — Erworben und
künstlich gezüchtet S. 36 — Analogie mit hellenischen Zu
ständen S. 37 — Nächtliche Geschlechtertrennung als aetio-
logischer Faktor S. 37 — Einfluss der Araber in Zanzibar
S. 38, der Türken iin Sudan S. 40 — Madagaskar und Süd
afrika S. 41 — Malayen S. 41 — Polynesien S. 42 — Indianer
S. 42 — Bote und Mujerados S. 43—44 — Südamerika S. 45 —
Arktische Völker S. 45—46 — Ähnlichkeit init den Ver
hältnissen im Altertum S. 47 — Konkurrenz von Ehefrau und
Buhlknabe S. 48 — Anatomische Ursachen S. 48—49 —
Einfluss von Stadt und Land S. 50—52 — Lebensalter S. 52 —
53 — Geschlecht S. 54—55 — Frauen als Erfinderinnen
perverser Akte und von Heizapparaten S. 56—58 — Aetio-
logische Bedeutung der weiblichen Frigidität S. 58—59 —
Ehe und Cölibat S. 60—62 — Einfluss socialer Differenzen
S. 62—63 — Indifferenz niederer Klaseen gegen die sexuellen
Perversionen S. 64 — Beruf S. 65 — Civilisation S. 65 —
Die Intelligenz iin Dienste des Sinocngenusses S. 66—69 —
Unhaltbarkeit der atavistischen Theorie der sexuellen Per
versionen S. 69 — Einfluss der Phantasie S. 69—73 — Künst
lerische Phantasie und ihre aetiologische Bodeutung für
sexuelle Perversionen S. 73—75 — Religiöse Phantasie und
Vita sexualis S. 75—78 — Neue Theorie der religiösen
Prostitution S. 79—91 — Religiös-erotische Feete S. 91—94—
Die Askese als anthropologisches Phänomen S. 94—100 —
llexentuin und sexuelle Perversion S. 100—106 — Das sexu
elle Element in der Pastoralmedizin und theologischen Ca-
suistik S. 107—111 — Die religiösen Formen der sexuellen
Perversionen S. 112 — Fetischismus und Phallus - Kult
S. 112—117 — Religiös-sexueller Exhibitionismus S. 117 —
Masochismus S. 118 — Flagellantismus S. 118—119 — Re
ligiöse Sodomie S. 119—120 — Religiöse Homosexualität
S. 120—123 — Kombination sexueller Perversionen im Satans
kult und anderen religiösen Sekten S. 123—125.
Einfluss individueller Faktoren S. 125 — Abnormitäten der
Genitalien S. 126 — Phimose S. 126—127 — Sexuelle In
V
kongruenzen S. 127—128 — Impotenz S. 128 — Kastraten-
und Eunuchentum und sexuelle Perversion S. 128—129 —
Hermaphroditismus S. 129—132 — Onanie S. 132—136 —
Einfluss von Genussmitteln S. 136 — Alkoholismus S. 136—137
— Opium S. 137—138 — Haschisch S. 138 — Kleidung und
Vita sexualis S. 139—141 — Die Mode als Ätiologischer
Faktor in der Genesis sexueller Perversionen S. 141 —
Wesen und Theorie der Mode S. 142 — Entblössung und
Accentuierung von Körperteilen ihre Hauptprinzipien S. 142
bis 144 — Die Mode eine Erfindung der Neuzeit S. 145 —
Durchsichtige Gewänder der Alten S. 146 — Korsett S. 14G
bis 152 — Cul de Paris S. 152 —156 — Der Reifrock
S. 156—157 — Sexuelle Folgen der FuBSverkrOppelung bei
den chinesischen Frauen S. 158 — Ausartungen der männ
lichen Mode S. 158—159 — Ihre Beziehungen zur Homo
sexualität S. 161—162 — Mode und Demi-Vierges S. 163 —
Sexuelle Wirkung von Kleiderstoffen S. 164 — Erklärung
des Kleiderfetischismus S. 165 — Das Bedürfnis nach Varia
tion in den sexuellen Beziehungen eine ubiquitäre Erschei
nung S. 165—169 — Der „Reizhunger“ Hoche’s S. 169—170
— Einfluss der Vielweiberei S. 170—171 — Der Don Jua-
nismus S. 117—174 — Aetiologische Bedeutung der direkten
Verführung S. 174 — Dienstmädchen, Erzieher S. 174—177
— Verführung durch Prostituierte und in Bordellen S. 177
bis 179 — Arbeiterwohnungen S. 179 — Hofleben S. 179 —
Kriegszüge S. 179—180 — Schulen und Pensionate S. 180
bis 182 — Harems S. 182—183 — Mönche- und Nonnen
klöster S. 183 — Gefängnisse S. 183—184 — Hotels S. 184
— Fabriken S. 184—185 — Theater S. 185 — Öffentliche
Bedürfnisanstalten S. 185—186 — Anblick tierischer Ge
schlechtsakte und Zusammenleben mit Tieren S. 186—188 —
Einfluss der obseönen Litteratur S. 188—193 — Typen und
Gattungen derselben S. 193—196 — Wirkung und Verbrei
tung der Lektüre obseöner Bücher S. 196—199 — Einfluss
der „SelbstbefleckungBlitteratur“ S. 199—200 — Obscöne Bild
werke S. 200 — Ursprung derselben aus den Sex'ualkolten
S. 200 — Das Spiegelbild S. 201 — Die „Voyeurs“ S. 201
bis 202 — Die Kunst im Dienste des Obseönen S. 202—205
VI
— Die obscöne Photographie S. 205 — Grosse Verbreitung
der obscönen Photographien S. 205 — 207 — Darstellung
sämtlicher Geschlechtsverirrungen auf denselben S. 207—200
— Ihre verderbliche Wirkung auf zahlreiche gesunde, junge
Leute S. 209—210 — Obscöne Tätowierungen S. 210 —
Museen, anatomische Ausstellungen S. 210—211 — Statuen
liebe S. 211—212 — Kunstausstellungen S. 212—214 —
Ballette, Tänze, Spezialitätentheater, Poses plastiques S. 214.
Spezielle Aetiologie der Homosexualität S. 214—254 — Un
berechtigter Kultus des Urningtums S. 214—215 — Selten
heit echter Homosexualität S. 215—219 — Grosse Wirkung
äusserer occasioneller Momente S. 220—222 — Erworbene
Abneigung gegen das Weib S. 222—323 — Furcht vor vene
rischen Leiden S. 223—224 — Der Anus als erogene Zone
S. 224—227 — Flagellation und Homosexualität S. 227—229
— Künstliche Effemination des Mannes S. 229—235 — Miso
gynie des Wüstlinge S. 235—236 — Epidemische Verbreitung
der Päderastie S. 236 — Salacität der Homosexuellen S. 236
bis 237 — Häufigkeit lasciver Träume S. 237—238 — Aetio-
logische Bedeutung des Urningtums selbst und der männ
lichen Prostitution S. 238—241 — Häufigkeit der Pädikation
S. 241—243 — Platonische Vorstufe der Tribadie S. 243—244
— Der Sapphismus als Vorstufe der Tribadie S. 244 — Ihre
Verbreitung unter Prostituierten S. 244—246 — Temporäre
und dauernde Tribadie S. 246—247 — Rolle der Männer
S. 247—248 — Frauenbewegung und Tribadie S. 248—249 —
Möglichkeit sexueller Abstinenz und Prophylaxe der Homo
sexualität S. 249—251 — Der § 175 im Lichte meiner Auf
fassung S. 251—254.
Vorwort.
Der Verfasser dieses Buches hat sich in der wissen
schaftlichen Welt auf den leider so brach liegenden Ge
bieten der medizinischen Geschichte und Kulturgeschichte
durch seine hervorragende Monographie über den Ur
sprung der Syphilis, deren erste Abteilung im vorigen
Jahre erschien, einen bereits mit Auszeichnung genannten
Namen erworben. Ein seit mehr als sechzig Jahren (seit
Rosenbaum’e 1839 veröffentlichter .Geschichte der Lust
seuche im Altertum“) immer und immer wieder mit wechseln
den Schicksalen abgehandeltes epidemiologisches Problem
ist durch seine gründlichen und tiefdringenden, völlig neue
Quellen erschliessenden Forschungen nunmehr — so scheint
es — in positivem Sinne zu Gunsten des neuzeitlichen
amerikanischen Ursprungs der Syphilis endgillig
entschieden — wenn auch der zweite, den negativen
Beweis der Nichtexistenz einer Altertumssyphilis in Europa
verheissende Teil des grossangelegten Bloch'schen Wer
kes einstweilen noch ausstebt. Inzwischen hat uns Bloch
mit der vorliegenden kleineren, aber in keiner Beziehung
minderwertigen Studie beschenkt, die er selbst bescheiden
VIII
als eine „Nebenfrucht“ seiner Syphilisforschungen bezeichnet
— für die aber Aerzte und Juristen, Anthropologen und
Kulturhistoriker ihm zu aufrichtigem Danke verpflichtet
sein dürften, da eine bedeutsame und des allgemeinsten
Interesses sichere, neuerdings viel, wenn auch meist von
einseitigen Standpunkten aus erörterte Frage dadurch ihrer
Lösung jedenfalls um ein grosses Stück naher gerückt
wird. Die Frage nämlich des „Ursprungs“, der Phy-
siogenese und Psychogenese der mannigfaltigen
Formen geschlechtlicher Anomalien und Ab
normitäten, vor allem der Homosexualität, des männ
lichen „Urningtums“, des weiblichen Tribadismue. Seitdem
man sich (was freilich noch nicht lange her ist) mit diesem
Problem der homosexuellen Verirrungen von wissenschaft
licher Seite überhaupt ernstlich beschäftigt, hat bekannt
lich die Meinung prävaliert, dass es sich dabei im Wesent
lichen um einen Folgezuetand fehlerhafter originärer
Veranlagung, um ein mit dem Gange unserer Kulturent
wicklung, mit dem Vorherrschen neuropathischer nnd psycho
pathischer Konstitutionsschwäche aufs engste zusammen
hängendes „*Degenerationsphänomen· handelt. Der
von einem berühmten Antor geprägte und fast wider
spruchlos angenommene Kollektivbegrifi der „Psycho-
pathia s*exualis verhalf dieser generellen Auffassung der
geschlechtlichen Anomalien als wesentlich krankhafter, den
degenerativ belasteten Individuum vorzugsweise, wenn nicht
ausschliesslich, eigener Zustände zu ungemeiner Popularität
und zu einer auch wissenschaftlich nur hier und da an
IX
gefochtenen Geltung. Dieser nur allzuerfolgreichen bis
herigen Auffassung tritt Bloch mit schwerwiegenden
Gründen und, was noch schwerer wiegt, mit einer Fülle
nouer und bisher wenig bekannter und gewürdigter That-
sachen sehr entschieden entgegen. Wenn er somit auch
auf diesem Gebiete, wie in der Frage des Syphilis-Ur
sprungs, zu anderen und — meiner Meinung nach — zu
treffenderen Ergebnissen gelangt, als die Mehrzahl seiner
Vorgänger, so ist der durch ihn gewonnene Fortschritt
wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, dass er nicht von
dem einseitigen oder voreingenommenen Standpunkte des
Mediziners und Medizinhistorikers, sondern mit dem
freieren und weiteren Blicke des Anthropologen
und Ethnologen, und auch mit dem ganzen dazu ge
hörigen gelehrten Rüstzeug ausgestattet, an die Sache
herantrat. Nur dadurch wurde es ihm möglich, die Be
dingungen für Entstehung der mannigfaltigen ge
schlechtlichen Verirrungen, und die Quellen der
Homosexualität als fast überall gegeben, als von
Zeit und Ort, von Rassenverhältnissen und Kultur
formen in grossem Umfange unabhängig zu er
weisen — ein Beweis, der in der vorliegenden Studie für
einen Teil dieser Aberrtionen wenigstens .schon jetzt in
vollgültiger und musterhafter Weise erbracht ist.
Auf der durch diese Ergebnisse geschaffenen und be
festigten Grundlage werden wir nunmehr den gegen unsere
Zeit und die moderne Kulturphase vielfach erhobenen, halt-
osen und uuberccht’gten Vorwürfen entgegenzutreten haben,
X
als ob gerade sie die Entwickelung geschlechtlicher Verirr
ungen in besonders auffälliger Weise und in vorher nie da
gewesenem Umfange begünstige und fordere. Der unbefange
nen Betrachtung ergiebt sich vielmehr, dass — wie der
Geschlechtstrieb selbst als rein physischer Trieb durch allen
Wandel der Zeiten und Kulturformen unberührt und un
beeinflusst geblieben ist — so auch die sogenannten „Ab
i*rrungen und „*Ausartungen dieses Grundtriebes, die
in Gestalt des Fetischismus, Sadismus, Masochismus,
der Homosexualität u. a. w. auftretenden geschlechtlichen
Anomalien sich von jeher und überall fast in gleich wieder
kehrender Weise, soweit unsere Kenntnisse reichen, typisch
abgespielt haben. Äussere,Verhältnisse, occasionelle Momente
der verschiedensten Art haben natürlich zu bestimmten Zeilen
und an bestimmten Orten auf das Emporkommen und die
überwiegende Verbreitung dieser oder jener Aberrations
form mehr oder weniger begünstigend gewirkt — nur
müssen wir uns die Sache nicht etwa so vorstellen, als
sei mit der fortschreitenden Kulturentwickelung auch ein
stetig zunehmendes Raffinement in geschlechtlichen Dingen
parallel gegangen und umgekehrt; vielmehr finden wir die
raffiniertesten und monströsesten Verirrungen auf diesem
Gebiete schon bei Völkern allerprimitivster Kultur, bei den
immer fälschlich noch als bessere Menschen betrachteten
„*Wilden — und überhaupt sind es vielmehr ethische, reli
giöse, superstitiöse Vorstellungen, Gebräuche und Moden,
die in der Aetiologie einzelner Geschlechtsverirrnngen eine
zeitweise prädominirende Rolle gespielt haben, als der je