Table Of ContentAUFGABEN UND GRENZEN
DER PSYCHOSOMATISCHEN
MEDIZIN
VON
WALTER H. v. WYSS
EHEMALIGER CHEFARZT DER MEDIZIN. ABTEILUNG
DES KRANKENHAUSES NEUMUNSTER, ZOLLIKERBERG BEl ZURICH,
UND DOZENT FUR PSYCHOPHYSIOLOGIE
AN DER UNIVERSITAT ZURICH
S P R I N G E R -V E R LA G
BERLIN· GOTTINGEN . HEIDELBERG
1955
ISBN-\3: 978-3-540-01979-4 c-ISBN-\3: 978-3~42-92663-1
DOl: 10.1007/978-3-642-92663-1
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COPYRIGHT 1955 BY SPRINGER-VERLAG OHG.
BERLIN • GOTTINGEN • HEIDELBERG
BR'OHLSCHE UNIVERSITATSDRUCKEREI GIESSEN
INHALTSANGABE
Einleitung . . . . . . . . .
A. Psychophysiologischer Teil 4
1. Neuere Anschauungen tiber das Leib-Seele-Problem 4
2. Von der Affektivitat . . . . . . . . . . . . . . 22
3. Vom physiologischen Mechanismus der Emotionen 31
B. Klinischer Teil: Stcllungnahme zur psychosomatischen Medizin 43
1. Kurzer Dberblick tiber die angelsachsische Forschungsrichtung 45
2. Stellungnahme zur neueren deutschen Forschungsrichtung 61
3. Zusammenfassende Schlu13folgerungen 81
Literaturverzeichnis . . . .
Namen- und Sachverzeichnis
EINLEITUNG
Die Zahl der Studien, die sich mit der psychosomatischen
Medizin befassen, ist beinahe unubersehbar geworden. Man
muB sich fragen: W oher ruhrt dieses lawinenartige An
schwellen des Interesses fur die korperlich-seelischen Zusam
menhange beim Menschen? Es handelt sich nicht vorwiegend
urn die Reaktion gegen eine rein somatisch eingestellte Medizin,
wie sie eigentlich zu keiner Zeit von wirklich berufenen Arzten
aufgefaBt und ausgeubt wurde. Es ist auch nicht ausschlieBlich
das Verdienst der psychoanalytischen Betrachtungsweise,
welche die Macht seelischer Traumata, akuter und lang
dauernder Konflikte und des UnbewuBten fur die verschiedenen
Formen psychoneurotischer Storungen und vegetativer Be
triebsstOrungen aufgedeckt hat. Ebensowenig genugt wohl als
Erklarung die Tatsache, daB zufolge der groBartigen Ent
wicklung der modernen Untersuchungs- und Behandlungs
methoden die Medizin immer unpersonlicher geworden ist,
obschon dieser Faktor von wesentlicher Bedeutung sein durfte.
Das Ausschlaggebende dieser heutigen Entwicklung durfte
vielmehr darin liegen, daB - wie SCHELER es ausgedruckt
hat - zu keiner Zeit der Geschichte der Mensch so pro
blematisch geworden ist wie in der Gegenwart. Die enorme
Spezialisierung der Wissenschaften hat es mit sich gebracht, daB
so vielfach aneinander vorbeigeredet wird, wahrend in fruheren
Zeiten noch eine engere Verbindung zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften bestand. Zudem sind so viele der uber
lieferten Grundlagen uber die Stellung des Menschen in der
Welt ins Wanken geraten, daB wir heute gewissermaBen von
neuem beginnen mussen, nach einer festen Ordnung zu suchen.
Die Naturwissenschaft allein kann nicht auf diese Fragen
v. Wyss, Psychosomatische Medizin
2 EINLEI'fUNG
Antwort geben. Der Mensch sucht nun einmal nach einer
geistigen Grundlage seiner Existenz, und dieses Verlangen
fiihrt dazu, daB heute vielfach der Ruf nach einer Philosophie
der Medizin im Sinne einer medizinischen Anthropologie ver
nehmbar wird. Die mechanistische materialistische Denkungs
weise urn die Jahrhundertwende hat einen leeren Raum
geschaffen, der irgendwie wieder ausgefiillt werden muB. Wohl
darauf beruht dieses iiberall auftauchende Bemiihen, den
Menschen als Ganzes mit seiner Lebensgeschichte, wozu auch
seine Umwelt und Mitwelt gehort, in seiner Krankheit zu
erfassen und nicht allein als rein korperlich Kranken mit zu
falligen psychischen Begleiterscheinungen. J a, mir scheint,
das Pendel habe heute schon vielfach nach einer Richtung
umgeschlagen, in welcher die Bedeutung der Psyche auch fiir
das korperliche Geschehen in gewissen Kreisen verabsolutiert
wird, wobei die physiologischen Grundlagen der korperlich
seelischen Beziehungen zu stark in den Hintergrund treten.
Der psychische Anteil in seinem EinfluB auf das Krank
heitsgeschehen und dessen Ablauf darf nicht zu einer Verall
gemeinerung fiihren, in welcher das Somatische iiberhaupt keine
selbstandige Ordnung mehr aufw eist. Schon der Vergleich mit
der Tierpathologie sollte uns vor der Tendenz einer Ver
absolutierung des Psychischen auch in der menschlichen Krank
heitsbetrachtung bewahren. Selbstverstandlich erlebt und
erleidet der Mensch seine Krankheit auf eine andere Weise als
das Tier, aber sowohl im tierischen als auch im menschlichen
Organismus finden wir ahnliche pathologisch-physiologische
Ablaufe bei einer Reihe von Krankheiten. Somit bleibt auch
fiir die Krankheitslehre des Menschen die experimentelle
Medizin die Grundlage, wie dies seinerzeit von CLAUDE
BERNARD gefordert wurde.
Wir hielten es deshalb fiir nicht unwichtig, in einem ersten
Teil dieser Arbeit einige Anschauungen der modernen Neuro
physiologie iiber den Zusammenhang zwischen Hirnfunktion
und Psyche sowie die Beziehungen zwischen der Affektivitat
und dem physiologischen Mechanismus der Emotionen zu
EINLEI1'UNG 3
behandeln, wohl wissend, daB diese Auffassungen uns keinerlei
AufschluB uber das Wesen des Psychischen zu geben vermogen.
Dieser Grenze muB sich eine von biologischen Gesichtspunkten
herstammende Psychologie stets bewuBt sein. Ebenso muB
eine von den seelischen Erlebnissen des Menschen ausgehende
Betrachtungsweise nie die Grenze uberschreiten, welche in das
Reich der vitalen bewuBtseinsunfahigen Vorgange hinabreicht,
die wir mit jeder organismischen Kreatur gemeinsam haben.
Nachdem wir in dieser Weise versuchten, eine Art psycho
physiologischer Basis fur die Klinik der psychosomatischen
Vorgange zu suchen, wandten wir uns nun der letzteren zu in
einer kritischen Stellungnahme. Dabei konnten wir uns nur
auf einige uns wesentlich erscheinende Studien aus diesem
Gebiet beschranken, um nicht ins Uferlose zu geraten. Die Auf
gabe der psychosomatischen Medizin sehen wir nicht allein
darin, die Psychotherapie im Bereich jener korperlichen Sto
rungen anzuwenden, die ihre Wurzeln im Psychischen und im
Somatischen haben, sondern vor allem auch in einem ein
gehenden Verstandnis fur die Stellungnahme des Kranken zu
seiner Krankheit, wie sie sich aus seinen sozialen und indivi
duellen Lebensumstanden ergibt und wie sie auch den weiteren
Verlauf seiner Krankheiten zu beeinflussen vermag. Es ist
moglich, daB die Ordnungen der korperlichen Funktionen
nicht wesentlich verschieden sind von der Ordnung der
psychischen Vorgange, aber da wir hieruber nichts Bestimmtes
wissen konnen, so huten wir uns auch davor, jene Grenze zu
uberschreiten, die Bekanntes von Unbekanntem scheidet.
A. PSYCHOPHYSIOLOGISCHER TElL
I. NEUERE ANSCHAUUNGEN
UBER DAS LEIB-SEELE-PROBLEM
Die moderne Neurophysiologie und die Neurochirurgie mit
ihren operativen Eingriffen bei Geisteskranken hat von neuem
die Frage aufgeworfen, ob das psychische Leben eine Realitat
bedeutet, die - wie dies McINNES formuliert - stets eines
scharf unterscheidenden Symboles fur seine Beschreibung
bedarf, d. h. des Begriffes "psychisch" (mental) oder ob im
Laufe der Zeit dieser Begriff sinngemaB durch Symbole aus
dem Gebiet der Neurophysiologie ersetzt werden kann. Tat
sache ist - meint dieser Autor -, daB die Neurophysiologie
dies z. Z. nicht zu tun vermag und daB auch keine Berechtigung
besteht fur die Annahme, daB jene Disziplin der Wissenschaft
eines Tages imstande sein werde, uns mit Deutungen zu uber
raschen, welche offenkundig die Sprache und die Formulie
rungen der Psychologie verdrangen. Wir mussen uns aber auch
dariiber Rechenschaft geben, daB mechanistische Vorstellungen
und Bezeichnungen aus der Terminologie der Psychologie aus
gemerzt werden mussen und daB das, was wir als psychisch
erleben, stets die unmittelbarste Erfahrung darstellt, die uns
zuteil wird.
In der Folge mochten wir zuerst einem Forscher das Wort
geben, dem nicht nur die Physiologie des zentralen Nerven
systems unendlich viel verdankt, sondern welcher zugleich aus
den Quellen einer tiefen humanistischen Bildung und Ge
sinnung sich in den spaten Jahren seines reichen Lebens noch
in unvergleichlicher Weise mit dem Problem der Natur des
Menschen auseinandergesetzt hat. Es kann sich hier nur um
ANSCHAUUNGEN VBER DAS LEIB-SEELE-PROBLEM
eine kurze Zusammenfassung einiger der wesentlichen Gesichts
punkte dieses Werkes von SHERRINGTON handeln, das im
Original nachgelesen werden muB:
SHERRINGTON: Der Mensch ist wie alle anderen Lebewesen
ein Produkt unseres Planeten. Eine Eigengesetzlichkeit des
Lebendigen wird nicht angenommen, sondern die Unterschiede
zwischen Unbelebtem und Belebtem sind nur gradueller Natur.
Das Leben beruht nicht auf einem spezifischen ProzeB, sondern
"Leben" stellt ein Beispiel daflir dar, daB ein energetisches
System, welches in Wechselwirkung mit anderen energetischen
Systemen steht, sich flir eine Zeitlang als selbstandige und
selbstausgeglichene Einheit zu erhalten vermag. Die einzelne
Zelle bedeutet ein physikalisch-chemisches System, das zu
einer Ganzheit organisiert ist. Vielleicht das eigentlimlichste
Charakteristikum dieses Systems besteht darin, daB es sich
benimmt, als hatte es den Wunsch, sich zu erhalten. Ferner
unterscheidet sich das "lebendige" energetische System dadurch
von dem unbelebten, daB es in Wechselwirkung mit seiner
Umwelt die Tendenz hat, sich zu vermehren (to increase).
Grundlegend flir das Verstiindnis der Zelle ist die Vorstellung,
daB es sich nicht um ein statisches Gebilde handelt, sondern um
ein materielles System, was heute gleichbedeutend ist mit
energetisch. Oxydo-Reduktionen, fermentative Prozesse ent
sprechen den energetischen Ablaufen, die sich in der Zelle
abspielen. Die innere Oberflache der Zelle stellt ein ausgedehntes
Wirkungsfeld dar flir die chemischen V orgiinge, die darin
ablaufen. Das ganze System ist organisiert, die Zelle bildet ihre
eigenen Eiweillstoffe. Was wir als "Leben" bezeichnen, ist ein
physikalisch-chemisches Geschehen. So bedeutet also das Leben
nichts fundamental anderes als das, was sich in all den ver
schiedenen Stufen ahnlicher uns bekannter energetischer
Systeme abspielt. Der Unterschied besteht nur in der Form und
Stufe der Komplexitat. Allerdings nimmt alles Lebendige
seinen U rsprung von schon existierendem Lebendigem.
Auch die embryonale Entwicklung wird als rein physikalisch
chemisches Geschehen aufgefaBt. Freilich zitiert SHERRINGTON
6 PSYCHOPHYSIOLOGISCHER TElL
den Ausspruch eines Biologen (PUNNET): "Wir konnen einen
Organismus nur verstehen, wenn wir uns vorstellen, er sei
unter der Fiihrung zielbewuBten Denkens geschaffen worden."
Der Mechanismus der Bildung eines Organismus (of the house
of life) war lange Zeit der Forschung unzuganglich. Jetzt
scheint er ihr naher zu treten. Dieser Vorgang wird erklarbar
unter der Vorstellung energetischer Prozesse. Heute besteht
die Auffassung, daB es sich urn einen aktiven Vorgang vor
wiegend im Sinne chemischer Reaktionen jenes Energiesystems
handelt, das als "lebendig" bezeichnet wird. Physik und
Chemie der Zelle haben eine so weitreichende Bedeutung er
langt, daB wir uns fragen miissen: Konnen sie fiir alles Rechen
schaft ablegen, was sich in einer Zelle abspielt? Sie haben
schon so viele Vorgange Zu deuten vermocht, fiir welche die
Wissenschaft vergangener Zeiten keinen Schliissel fand, daB es
gerechtfertigt ist, die Moglichkeit anzunehmen, auch den
noch unerforschten Rest des Verhaltens einer Zelle durch
chemisch-physikalische Prozesse aufzuklaren. Ein gesunder
Mensch ist ein System (set) von einander gegenseitig regulieren
den Organen. Das Ganze wird zu einem sich selbst regulie
renden System.Im wesentlichen handelt es sich urn chemische
Regulationen.
Der Begriff der biologischen Evolution bedeutet, daB etwas
Neues aus Altern entsteht. BERGSON meine mit seinem Begriff
der »evolution creatrice« etwas anderes. Dort wie iiberall da,
wo von Schopfung gesprochen wird, wird eine Auffassung
vertreten, daB etwas Neues de novo entsteht. Die biologische
Evolution bringt stets neue Kombinationen aus vorbestehenden
hervor. In letzter Instanz handelt es sich urn neue Mischungen.
Unbelebtes und Belebtes setzen sich schlieBlich aus gleichen
Bestandteilen zusammen. 1st daher ein Ubergang von dem
ersteren zum letzteren undenkbar? Das Belebte wird dann nur
zu einem Spezialfall innerhalb des Allgemeinen. Die Evolutions
lehre zeigt uns, daB die heute vorkommenden Pflanzen- und
Tierarten die letzten .A.ste eines genealogischen Baumes dar
stellen. Der Begriff der Anpassung bezieht sich sowohl auf das
ANSCHAUUNGEN UBER DAS LEIB-SEELE-PROBLEM 7
innere Milieu des Organismus wie auf seine Umwelt. Beides
muB ihm entsprechen. Er muB es sich schaffen, damit er
leben kann.
Nun fragt es sich: Betrifft die Evolution nicht ebensosehr
die Psyche wie den Korper? Was hat die Chemie damit zu
tun? Es besteht eine hundertprozentige zeitliche und ortliche
Korrelation zwischen der Psyche und den chemischen Vor
gangen im Gehirn. Die Entwicklung der Psyche ist ebenso
unbestreitbar wie diejenige des Korpers. Unsere Psyche ist
eine irdische Psyche, welche unserem irdischen Korper ent
spricht. Wir sind im biologischen Sinne Reaktionen auf unsere
Lebensbedingungen. Das trockene Land schuf sich die FiiBe,
auf welchen wir wandern. Unsere Lebensbedingungen schufen
die Psyche, urn sie zu meistern. Die Psyche ist ein Instrument
fiir das Leben, die Psyche ist an einen Korper gebunden.
Wo finden wir sie zuerst? Beginnt sie nicht mit dem Lebens
drang? (Zest to live.) Der Drang des Lebewesens, weiter zu
leben und sich selbst als neues Leben zu erneuern, jener Drang,
welcher die ganze Lebensfiihrung bestimmt, ist gleichzeitig
ein Drang, ein Trieb, ein Motiv. Keine Lebensform ist ohne
diesen Drang, er ist eingeboren, unveranderlich, ebenso stark
beim Menschen wie beim Kleintier. Weit ist der Weg von diesem
elementaren Keim des Psychischen bis zu der erkennbaren
Psyche des Menschen. Die rudimentarc:: Psyche mag schon
dem einzelligen Organismus zukommen. Sie muE schon
potentiell im Ei vorhanden sein, aus welchem der Organismus
stammt. Der EvolutionsprozeB hat Korper und Psyche iiber
einstimmend behandelt als komplementare Aspekte dessen,
was er als eine konkrete Einheit schafft: das Individuum. Die
menschliche Psyche erscheint als ein Spatprodukt unseres
Planeten, hervorgegangen aus einer lange vorbestehenden
Psyche. Die Psyche des Menschen (finite mind) erscheint als
ein Ergebnis der Integration des Individuums. Nicht sie, die
Psyche, hat diese Integration bewirkt. Die Integration des
Korpers wird nicht durch die Psyche zustande gebracht, vieles
davon liegt ganz auBerhalb der Beriihrung mit der Psyche.