Table Of ContentArchitekturwahrnehmung
Ulf Jonak
Architekturwahrnehmung
Sehen und Begreifen
Ulf Jonak
Oberursel, Deutschland
ISBN 978-3-658-06956-8 ISBN 978-3-658-06957-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-06957-5
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Lektorat: Ralf Harms, Annette Prenzer
Titelbild: Peter Kogler, Projektion – Ausstellung Kunst und Textil (Museum Wolfsburg 2014)
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1. Kapitel Parthenon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2. Kapitel Pantheon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
3. Kapitel Hagia Sophia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Zwischenbilanz I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
4. Kapitel Kölner Dom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
5. Kapitel Villa Rotonda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
Exkurs 1 Hinweis, Geste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
6. Kapitel Boullée . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
7. Kapitel Völkerschlachtdenkmal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
8. Kapitel Erinnerter Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
Exkurs 2 Fata Morgana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
9. Kapitel Einsteinturm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Zwischenbilanz II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
10. Kapitel Rietveld-Haus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Exkurs 3 Rechter Winkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
11. Kapitel I.G.-Farben-Verwaltungsgebäude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
12. Kapitel Ronchamp . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
13. Kapitel Wildes Bauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
Exkurs 4 Blicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
14. Kapitel Zimmermanns Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
15. Kapitel Philharmonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
16. Kapitel Ferropolis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
17. Kapitel Shigeru Ban in Metz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
VI Inhaltsverzeichnis
18. Kapitel Märchenschlösser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Schlussbilanz und Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Namenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
1
Einleitung
U. Jonak, Architekturwahrnehmung,
DOI 10.1007/978-3-658-06957-5_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
3
Einleitung
» Das Auge ist der überlegene Sinn und Fürst danach die Erinnerung an das gerade Gesehene. Da
der anderen. Leonardo da Vinci wir ständig schauen (auch im Schlaf, im Traum) –
immer folgt dem aktuell Wahrgenommenen ein
Reicht visuelle Wahrnehmung allein, um als Archi- noch Aktuelleres –, sind wir nach und nach einem
tekturwahrnehmung zu gelten? Was ist mit den kontinuierlichen Ausbleichen der Bilder und am
a nderen vier Sinnen: Hören, Tasten, Schmecken, Ende ihrem Verschwinden unterworfen.
Riechen? Abgesehen vom Geschmackssinn sind Prägnante Bilder aber wollen wir einfangen,
schließlich alle anderen auch an Architekturwahr- wollen ihnen unbedingt unseren Stempel ein-
nehmung beteiligt. Zusätzlich neben den klassi- prägen. Denn sich etwas einzuprägen, heißt, sich
schen fünf Sinnen könnten wir noch den Tempera- der wahrgenommenen Bilder bewusst zu werden,
tursinn, Gleichgewichtssinn und die Schmerzemp- heißt, dem Geschauten Dauer zu verleihen, indem
findung anführen. Aber die beiden ›Fernsinne‹ wir es sinnend hin und her wenden, es glätten und
Sehen (dies vor allem) und Hören sind doch die schärfen und es mit anderswo und anderswann
ausschlaggebenden, um ein erstes Verständnis von E rfahrenem verknüpfen. Das Geschaute von allen
erlebter Architektur zu gewinnen. Alle anderen sind Seiten betrachtend, erlauben wir uns fiktive Eingrif-
›Nahsinne‹ – das heißt, Sinneserfahrungen machen fe. Indigniert stopfen wir Lücken oder ergänzen im
wir nur direkt mit den Häuten der ihnen ent- Augenblick des Sehens das Fehlende. Wir rücken
sprechenden Körperorgane (Tasten mit Hand und zurecht, wir begradigen die Konturen, wir klären
Fuß, Riechen mit der Nase usw.). Mit den Nahsin- die Form. So wird sie beschreibbar und auch
nen erkennen wir Materialien, Oberflächen und speicherbar im eigenen Kopf. Das ist des Menschen
Strukturen, Düfte und Aromen. zwangsläufige Eigenart, sagen uns die Gestalt-
Mit Blick und Schall aber entdecken wir den psychologen: Zum Beispiel runden wir das un-
Raum, blitzschnell, wenn wir wollen. Vom ›Archi- gleichmäßige, kartoffelartige Objekt in der Erinne-
tektur Sehen‹ können wir berichten. Vom ›Architek- rung zur geometrisch eindeutigen Kugel.
tur Hören‹ versteht derjenige, dem wir berichten, Wahrnehmung müssen wir uns erarbeiten: Er-
zwar unser Hörerlebnis, die Mitteilung räumlich- fahrungen und Sehnsüchte, Hoffnungsanker und
akustischer Phänomene aber, das Architektonische Mutmaßungen, Persönliches und Gemeinsames
an ihnen, bleibt schemenhaft. Anders als in Samm- ergeben zusammen die Grundlage für ein Bild, das
ler- und Jägergesellschaften, in der Hören und uns dann als Wirklichkeit erscheint.
Sehen gleichermaßen lebensnotwendig waren, hat »Zwar gibt es kein Sehen ohne Denken, aber es
sich in unserer Zivilisation vorrangig der Sehsinn genügt nicht zu denken, um zu sehen. Das Sehen
durchgesetzt. Weil er so komplex ist, lässt sich mit ist ein bedingtes Denken […]«1, meint M aurice
der mündlichen Wiedergabe dessen, was man sieht, Merleau-Ponty in seinem Essay »Das Auge und der
Architektur halbwegs gründlich erläutern. Geist«, meint damit ein vertieftes Sehen und ver-
Nicht immer nehmen wir wahr, was wir sehen. weist so auf die untrennbare Symbiose von Körper
Die visuelle Aufnahmefähigkeit ist offenbar be- und Geist, von Konkretum und Abstraktum.
grenzt. Ist der Kopf doch bereits mit dem ausufern-
den Archiv, den Räumen und Plänen des eigenen
Lebens gefüllt, wie denn auch mit Illusionen und Die beiden Seiten der Wahrnehmung
Luftschlössern. Wir mögen noch solange vor einem
Bildwerk oder vor einem Bau gesessen haben, um Um den Überblick zu wahren, schauen wir nur
uns ein Detail der Gestalt einzuprägen. Nach kurzer flüchtig hinweg über das meiste, das wir wahrneh-
Zeit verblasst der Eindruck und wird schließlich men, und missachten notgedrungen die Vielfalt,
unkenntlich. Alles Mögliche lenkt ab. Unkonzent- müssen sie missachten. Die Flut der verdrängten
riert verlieren wir die Spur, der Blick wandert von Bilder und Gedanken verbirgt sich (kaum zugäng-
Form zu Form, von Stein zu Stein, von Eindruck zu lich) im Gehirnlabyrinth. Nur vordringliche und
Eindruck und nur mühsam kehren wir zurück zur
ursprünglichen Betrachtung. Erst recht mühsam ist 1 zit. n. Jörg Dünne u. a. (Hg.) Raumtheorie, S.187
4 Einleitung
kraftvolle Vorschläge, Projektionen, Wünsche und Entschwundene Wahrnehmung
Tagträume, wie jetzt und zukünftig zu handeln sei,
versickern nicht, sondern treten als Texte, Bilder Vieles geschieht scheinbar unbewusst. Man könnte
und Pläne hervor. Deutliche oder scheinbare Zu- meinen, das Gehirn hätte keinen Anteil am Tun der
sammenhänge werden konstruiert. Vage Hypothe- Hand und dennoch, es gab einen Reiz, der die Hand
sen entstehen. Handfester aber gebiert mitunter die sich bewegen ließ und die Hand aber veranlasste,
im akuten Alltag erfahrene, hin und her gewendete einen Gegenreiz im Gehirn auszulösen. Ein Hin
und als genügend erkannte Praxis Ansätze von und Her. Das Auge ist selbstverständlich beteiligt.
fruchtbarer Theorie. Mehr als nur nebenbei. Man nimmt eine Gegeben-
Praxis gelingt nur als Ausbeute eigener oder an- heit als Problem wahr und beschäftigt sich in Ge-
geeigneter Erfahrungen. Lebenspraxis wie Pla- danken mit dessen Lösung. Noch ist es Hypothese,
nungspraxis finden auf Grund von Gedankenwel- denn es wäre voreilig, das Ergebnis seiner Gedan-
ten statt, die nicht unbedingt die eigenen sein müs- ken auch sofort auszuführen. Der fremde oder be-
sen. Wir lernen vom eigenen Tun, wir lernen von fremdete oder der erstmalige Blick ist nötig für die
anderen, wir lernen andauernd, bewusst und un- eigene Erkenntnis:
bewusst, ob wir wollen oder nicht. Wer nicht in »[…] ein scharfsichtiger Fremder, der in ein Haus
Routine erstarren will, ergründet nah und fern Lie- tritt, bemerkt oft gleich, was der Hausherr aus Nach-
gendes. Dann ist keine Anstrengung zu mühsam, sicht, Gewohnheit oder Gutmütigkeit übersieht oder
falls irgendwo ein reizvoll Unbekanntes oder ein ignoriert«4, schrieb G oethe 1808 an seinen Freund
Geheimnis zu vermuten ist. Hintergründe sind zu K arl Friedrich von Reinhard.
beleuchten. Nur das Beleuchtete aber reagiert mit Zu oft Gesehenes wird kaum noch wahrgenom-
Reflektionen, Spiegelungen und Gedanken. So ent- men, Einzelheiten, die man gerade wegen ihrer Be-
steht Theorie, auch Architekturtheorie. So entsteht deutungslosigkeit nie richtig beachtet hat: Der Fens-
Welt für uns. tergriff, der Fußbodenbelag, die Leselampe, selbst
» […] die Praxis ist blind, wenn es keine Theorie die Mitbewohner werden aus Gewohnheit unsicht-
gibt, und die Theorie ist leer, wenn es keine Praxis bar. In E rnst Blochs Spuren (1930, 1985) steht,
gibt«2, äußerte Ernst Bloch im Interview. grundsätzlicher noch gedacht:
Ohne Wahrnehmung keine Reflexion. »Es gibt »Die meisten werden dunkel gehalten und sich
triftige Gründe für die Annahme, dass das Gehirn des sehen sie kaum.«5
Menschen von Anfang an weit wichtiger war als seine Wir benutzen täglich begangene Straßen blind-
Hände […], dass der primitive Mensch, der noch lings und wundern uns, am Ziel angekommen, über
nicht daran denken konnte, die Natur zu beherrschen nicht wahrgenommene Zeit und Raum. Obgleich
oder seine Umwelt zu gestalten, zuerst danach strebte, (oder weil?) der architektonische Raum Lebens-
sein überentwickeltes, überaus aktives Nervensystem Mittelpunkt ist, verschwindet er allzu oft aus dem
zu benützen und ein menschliches Selbst zu formen Bewusstsein. Wir sehen kaum noch seine Bedeu-
[…] aus den Quellen, die sein eigener Körper bereit tung, wir übersehen seine Qualitäten.
hielt: aus Träumen, Phantasien und Klängen«3, Die optische Rezeption: »Auch sie findet von
schrieb L ewis Mumford. Hause aus viel weniger in einem angespannten Auf-
War anfangs das Denken wichtiger als Hand- merken als in einem beiläufigen Bemerken statt«6,
arbeit? Funktioniert das wirklich so? Ist es nicht so, stellte W alter Benjamin anlässlich seines Nachden-
dass die Tätigkeit der Hand Reaktionen des Gehirns kens über Architektur-Wahrnehmung und Gewöh-
erzeugt und wiederum Kopfarbeit Betriebsamkeit nung fest.
des Körpers bewirkt? Hirn und Hand stimulieren
sich wohl wechselseitig.
4 zit. n. S. Unseld (Hg.), Goethe, unser Zeitgenosse, Frankfurt
1998, S. 15
5 Ernst Bloch, Spuren, S. 30
2 Frankfurter Rundschau, 15.2.1975, Wochenendbeilage 6 Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech-
3 Lewis Mumford, Mythos der Maschine, S. 27 nischen Reproduzierbarkeit, S. 47