Table Of ContentANATOMISCHE GRUNDLAGEN
WICHTIG ER KRANKHEITEN
EIN LEHRBUCH FÜR ÄRZTE UND STUDIERENDE
VON
DR.LEONHARD JORES
O. Ö. PROFESSOlt DER ALLGEM. PATHOLOGIE UND PATHOLOG. ANATOMIE.
DIREKTOR DES PATHOLOGISCHEN INSTITUTS AN DER UNIVERSITÄT KIBL
ZWEITE AUFLAGE
MIT 365 ZUM GROSSEN TEIL
FARBIGEN ABBILDUNGEN
Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH
1926
ISBN 978-3-662-38633-0 ISBN 978-3-662-39489-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-39489-2
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, V()RB~HALTEN.
COPYRIGHT 1926 BY SPRINGER-VERLAG BERLIN HEIDELBERG
Ursprünglich erschienen bei Julius Springer in Berlin 1926.
Softcover reprint of the hardcover 2nd edition 1926
Aus dem Vorwort zur ersten Auflage.
Die Vorträge sind den besonderen Aufgaben und Bedürfnissen des Fort
bildungsunterrichtes angepaßt, und zwar nach den Grundsätzen, die sich mir
in mehrjähriger Lehrtätigkeit an der Kölner Akademie für praktische Medizin
bewährt haben. Denn es ist meines Erachtens kein Zweifel, daß für den
Unterricht der Mediziner nach dem Staatsexamen und für die Fortbildung
der in praktischer Tätigkeit stehenden Ärzte die Aufgaben sich etwas anders
geartet stellen, als für die Einführung der Studierenden in unsere Wissen
schaft.
Ich habe in der Darstellung Wert darauf gelegt, der Haupterkrankung
eines Organs oder Organsystems die Folgezustände und häufigeren Kombi
nationen anzugliedern und so die Erkenntnisse wiederzugeben, die uns der
epikritische Aufbau des gesamten Obduktionsb efundes gibt. Dabei habe ich
auf die übliche, sich streng an die Organe haltende Systematik verzichtet.
Wenn dies aber beim gesprochenen Wort leicht ist und je nach der Art des
zu demonstrierenden Materials wechselnd gestaltet werden kann, ergaben sich
nicht geringe Dispositionsschwierigkeiten bei dem Versuch, dieses Fließende
und Variierende in die starre Fessel des niedergeschriebenen Vortrags zu
bannen. Es ist möglich, daß ich hierbei nicht überall eine Lösung gefunden
habe, die alle befriedigt, doch hoffe ich, daß dem Zweck, dem Leser die
Zusammenhänge der Organerkrankungen untereinander einzuprägen, überall
entsprochen wird.
Köln, im September 1912.
Der Verfasser.
V orwort zur zweiten Auflage.
Mein seit fast 6 Jahren vergriffenes Buch hat in dcr vorliegenden zweiten
Auflage durch Neuaufnahme zahlreicher Abschnitte eine VergröBerung ungefähr
um das Doppelte erfahren. Die Disposition ist gänzlich umgestaltet worden
und da auch der Fortschritt unserer WisHensehaft viele Änderungen und Er
gänzungen mit sich brachte, so ist von dem Text <leI' ersten Auflage nieht
viel stehen geblieben und fast ein neues Bueh entstanden.
Unverändert aber habe ich die Eigenart der ersten Auflage zu erhalten
gesucht. Es bedarf heute keiner Begründung mehr für die Berechtigung einer
nosologischen Darstellung der pathologischen Anatomie neben der systemati
schen. Auch darin wird mir wohl jeder Lehrer unsercs Faehes beistimmcn,
daß, so unentbehrlich die systematisehe Darstellung der pathologischen
Anatomie für den Anfänger ist und für jeden, der sie gründlich erlernen
will, doch schon für den vorgeschrittenen Studierenden und erst recht für
Medizinalpraktikanten und Ärzte Zusammenfassungen des Stoffes unter dem
Gesichtspunkt, anatomische Grundlagen der Krankheitcn zu geben, ein Be
dürfnis sind und das Interesse des werdenden und dm; ausgebildeten Arztes
an der pathologischen Anatomie zu steigern vermögcn.
Die Darstellung ist wie in der ersten Auflage kurz gehalten, bemüht das
Wesentliche hervortreten zu lassen, den Leser so zu führen, daß er den
Überblick behält und in weniger belangreichen Einzelheiten sich nicht verliert.
Der Verlagsbuchhandlung Julius Springer bin ich für das Entgegen
kommen, daß sie mir bei dieser Auflage besonders auch bezüglich der Ab
bildungen gezeigt hat, zu aufrichtigem Dank verpflichtet.
Kiel, im April 1926.
Der Verfasser.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorbemerkungen 1
Anatomische Veränderung und Krankheit S. 1. - Cellularpathologie
S. 3. - Pathologische Vorgänge als Reaktionen S. 5. - Lokale Erkrankung
und Allgemeinkrankheit, allgemeiner Tod S. 6.
Störungen der Ernährung und des Stoffwechsels. . . . . . . . . . . . .. 8
Allgemeines über Nekrosen S. 8. - Nekrosen des Herzmuskels S. 13. -
Pankreasnekrose S. 16. - Atrophie S. 18. - Skorbut und MÖLLER·BARLow.
sehe Krankheit S. 25. - Albuminöse Degeneration S. 27. - Steatose
(Verfettung) S. 33. - Glykogeninfiltration und Diabetes mellitus (Zucker.
harnruhr) S. 39. - Verkalkung S. 45. - Mediaverkalkung der Arterien
S. 47. - Rachitis und Osteomalacie S. 48. - Ostitis fibrosa S. 53. -
Myositis ossificans S. 54. - Gicht S. 55. - Ochronose S. 57. - Kon·
kremente S. 58.
Störungen der inneren Sekretion '" . . . . . . . . . . . . . . . .. 61
Vorbemerkungen S. 61. - Myxödem, Myxidiotie, Kretinismus S. 62. -
Struma (Kropf) S. 64. - Morbus Basedow S. 67. - Akromegalie S. 70. -
Dystrophia adiposo.genitalis S. 73. - Diabetes insipidus S. 74. - Morbus
Addisonü (Bronzekrankheit) S. 74. - Status thymico.lymphaticus S. 77. -
Zwergwuchs und Riesenwuchs S. 80.
Lokale Kreislaufstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 83
Allgemeines über Blutungen S. 83. Hämoperikard. Aorten·
ruptur S. 86. - Intermeningeale Blutungen S. 88. - Pachymeningitis
haemorrhagica, membranacea S. 90. - Gehirnblutungen S. 91. - Abnorme
Uterusblutungen S. 95. - Stase und Thrombose S. 98. - Pfortader·
thrombose S. 103. - Embolie S. 104. - Lokale Anämie und Infarkt·
bildung S. 108. - Lokale Hyperämie S. 111. -Wassersucht S. 113.
Entzündungs- und Infektionskrankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Allgemeines über Entzündung S. 117. - Pyogene Hautinfektionen ;
Lymphangitis; Lymphadenitis; Phlebitis; Sepsis S. 128. - Erysipel,
puerperale und otogene Sepsis, Gehirnabscesse S. 132. - Pylephlebitis,
eiterige Myositis S. 138. - Eiterige Osteomyelitis S. 138. - Eiterige
Leptomeningitis S. 141. - Exsudative Entzündungen der serösen Häute
S. 144. - Tonsillitis S. 146. - Enteritis, Proktitis und Periproktitis
S. 147. - Appendicitis S. 148. - Cholecystitis, Cholangitis S. 155. -
Entzündungen der harnabführenden Wege S. 156. - Gonorrhöe S. 158. -
Entzündungen der Luftwege S. 161. - Croupöse Pneumonie S. 161. - Lobu·
läre Pneumonie S. 166. - Influenza (Grippe) S. 167. - Milzbrand S. 169. -
Diphtherie S. 170. - Typhus abdominalis S. 173. - Paratyphus S. 179. -
Dysenterie (Ruhr) S. 180. - Cholera asiatica S. 183. - Gasödem (Gas.
brand) S. 183. - Tuberkulose S. 184. - Chronische Lungentuberkulose,
Kehlkopf. und Darmtuberkulose S. 208. - Lymphogranulomatose
(malignes Granulom) S. 219. - Lepra S. 222. - Rhinosklerom S. 223. -
Tetanus (Wundstarrkrampf) S. 223. - Angina Plaut·Vincenti S. 224. -
Noma (Wasserkrebs) S. 224. - Syphilis S. 225. - Febris recurrens (Rück.
fallfieber) S. 240. - Spirochaetosis ictero.haemorrhagica (WEIL sehe
Krankheit) S. 240. - Malaria S. 241. - Variola (Pocken) S. 242. -
Scarlatina (Scharlach) S. 244. - Aktinomykose S. 246. - Akute Polio·
myelitis anterior (HEINE.MEDINsche Krankheit) S. 247. - Encephalitis
epidemica (lethargica) S. 249. - Typhus exanthematicus (Fleckfieber)
S. 250. - Periarterütis nodosa S. 252. - Ulcus rotundum ventriculi et
duodeni (Magen. und Zwölffingerdarmgeschwür) S. 254.
Krankheiten durch tierische Parasiten . . . . . . . . . . . . . . . . .. 261
VI InhaltsverzeichniR.
Seite
Postinfektiöse Erkrankungen und Toxikosen ...... . . . . . . . . . 265
Endokarditis S. 265. ~ Encephalitis und Myelitis S. 269.-- Progressive
Paralyse S. 270. ~ Sekundäre Strangdegenerationen im Rückenmark;
Tabes dorsalis S. 274 ..- ::\Iultiple Sklerose S. 276. -- Syringomyelie
S. 277. ~ Akute und subakute Glomerulonephritis S. 278. -_. Nephrosen
S. 283. ~ Urämie S. 284. ~ Puerperale Eklampsie S. 285. ~ Toxische
Leberdystrophie (akute gelbe Leberatrophie) S. 287. -- Alliimien S. 290. -_.
Hämolytischer Ikterus S. 297. ~ Vergiftungen S. 299. ~ Kohlenoxydgas
vergiftung S. 300. ~ Vergiftung mit chlorsaurem Kali S. 300.·_· V Cf
giftung mit Cyanwasserstoff, Cyankalium S. 301. ~ Die Wirkung von
Ätzgiften S. 301. ~ Vergiftung mit Queeksilberverbindungen (Sublimat
vergiftung) S. 303. ~ Bleivergiftung S. 304. -- Vergiftung mit Arsen
verbindungen S. 304. ~ Salvarsanschädigung S. iW,,,. ..- Phosphorvergif-
tung S. 306. ~ Chloroformvergiftullg S. :306. Pilzvergiftung S. :Wi.
Vergiftung mit Secale cornutum (MutterlwrnvprgiHullg. Ergo1i:mllls)
S. 308. ~ Botulismus (Lebensmittelvergiftung) S. :lOH.
Fremdkörpenvirkung, Regeneration und 'Vundheilung . . . . . . . . . . .
Allgemeines über pathologische Resorptioll, Orgalli~atioll uud Fremd
körperentzündung S. 308. ~ Pneumokonio~ell (StallbinhalatioIl8krank
heiten) S. 313.-- Premdkörper in Hohlorganen S. :nii. ~ J\llgemeines
über Regeneration und 'Vundheilung S. :nli.- Allgo[[win.,~ über Trans-
plantation S. 323. ~ .
}'orm- und Lageveränderung von Organen . . . . . . . . . . . .
Allgemeines über Anpassungswachstum S. :326. -- AteIektase, Lungen
atrophie, Pneumothorax S. 329. ~ Lungenemphysem S. :130. -_. Tlrollchi
ektasen, Osteoarthropathie hypertrophianto pneuIIlonique S. 333. -
Divertikel des Oesophagus und Darmes S. :334.- !He('.hanisehe Verlegung
von Hohlorganen S. 336. ~ I fernien S. :14:{. Aueurysmen S. 346. ~
Varicen S. 352.
Krankheiten mit überwiegendem Hervortreten von AnpRssungswRchstum . . :-~;)4
Leukämie S. 354. ~ Polyeythämie (Folyglobulie) :-3. :3G2. -_. Großzellige
Splenomegalie, Typus Gaucher S. 363. ~ Hydrops (\(lllgenitus (allgemeine
angeborene Wassersucht) S. 363. ~ Vitium conlis (Herzfehler, Klappen
fehler) S. 365. ~ Anatomische Grundlagen der Herzinsuffizionz S. :370. ~
Arteriosklerose S. 374. _. Sklerose der -PulmOllalarterio S. :18:3 ..- Chro
nische Gelenkentzündungen S. 384. ~ Lf'bereirrhose, BANTIsehe Krank
heit, Hämoehromatose S. :186. ~ Pseudolebereirrho:-;o, 7,uekergußleber
S. 394. ~ Schrumpfnieren S. 39G.
Geschwulstkrankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
Pathologisches Wachstum, Gesehwulstbegriff und Einteilung S. 405.
Gesehwülste des Bindegowobes, der Muskeln, (IPs Xervengewebes und
der Gefäße mit völliger Gewehsreife S. 407. - Sarkome niederer Stufe
S. 422. ~ Sarkome höherer Stufe S. 424. -- Bf'uignÜiit lInd l\lalignitäi
S. 434. ~ Papillome und Adenome S. 4:36. -- Careillome S. 443. Die
hauptsächlichsten Lokalisationen der Careinollle S. 447. Besondere
Formen der Carcinommetsatasierung S. 467. ._- Entstehuug der Go
schwülste S. 470. ~ Epitheliale maligne ües<"1nvi"lh;te besonderer Ari
S. 474. ~ Die Mischgeschwülste S. 482.
Mißbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4R5
Doppelbildungen S. 486. -- .i\Iißbildllngen im Bordehe d(~s;\l!\dularrohre~
S. 490. ~ Mißbildungen am Rumpf und im Gesieht S. 495. --Mißbildungell
der Zirkulationsorgane S. 497. ~ J\Iißbildungon der Respirationsorgano
S. 502. ~ Mißbildungen der Verdauungsorgane S. 1)02. -- ::\[ißbildungtm
der Harnorgane S. 503. -- Mißbildungen dor Gouitalorgalle S. iiOI). _. .
Mißbildung des Beekens und der Extremi.tiiten S. I)OH.
Anhang ..................... . 1)08
Chondrodystrophie und Osteogenositl im]Hjrfecta 8. :iilR. Extmutmill-
schwangerschaft S. 5]0.
Vorbemerkungen.
Anatomische Veränderung und Krankheit.
Wir treten in das medizinische Studium bereits mit einer Vorstellung über
das, was Krankheit ist, ein, nämlich mit dem Krankheitsbegriff der Umgangs
sprache, und wir müssen uns klar machen, daß dieser, abgesehen von seiner
Ungenauigkeit, ein schon erheblich abstrahierter Begriff ist. Ein paradox
klingendes Wort drückt dies so aus: "Krankheiten gibt es nicht, sondern nur
kranke Menschen". In der Tat müssen wir, wollen wir den Krankheitsbegriff
aus seinen Elementen aufbauen, auf diejenigen Erscheinungen zurückgehen,
die sich an unzweifelhaft kranken Menschen zeigen. Es sind dies die sog. Krank
heitssymptome, d. h. sowohl gewisse Empfindungen des Kranken (subjektive
Krankheitssymptome), als auch von anderen wahrnehmbare Erscheinungen
(objektive Krankheitssymptome). Zu den objektiven Krankheitssymptomen
gehören insbesondere auch diejenigen Wahrnehmungen, die nur mittels besonderer
Methoden der Auscultation und Perkussion, der Spiegelung von Körperhöhlen,
der Röntgendurchleuchtung, der mikroskopischen und chemischen Untersuchung
von Körperflüssigkeiten und Sekreten zu machen sind. Es gehören in einem
gewissen Sinne auch die Ergebnisse anatomisch-histologischer Untersuchungs
methoden zu den Krankheitserscheinungen. Denn wenn diese Feststellungen
auch am toten Objekt gemacht werden, so übertragen wir sie doch in unseren
Vorstellungen auf den lebenden Körper.
Sucht man in der Fülle der Krankheitserscheinungen das Wesentliche, so
läßt sich sagen, daß alle Wahrnehmungen an kranken Menschen sich in letzter
Linie als Abweichungen der Funktionen oder als Abweichungen der materiellen
Beschaffenheit des Organismus oder seiner Teile von der Norm erweisen; daß
es ferner solche Abweichungen sind, die eine Minderwertigkeit, eine GBfahr für
die Erhaltung des Einzelindividuums oder der Art in sich schließen.
Unter Abweichungen der materiellen Beschaffenheit von der Norm sind
anatomische Veränderungen zu verstehen, aber auch physikalische und chemische
Abweichungen. Die morphologischen Veränderungen haben überwiegende
Bedeutung, weil die Substanz des Organismus strukturiert ist und weil auch
physikalische und chemische Veränderungen zum Teil eine morphologische
Erscheinungsform gewinnen können.
Mit der Kennzeichnung der Krankheitserscheinungen als Abweichungen
von der Norm wird ein unbestimmter Begriff in unsere Erörterung eingeschoben.
Denn "Norm" und "normal" besagen ungefähre Maße und Durchschnittswerte
aus zahlreichen Einzelbeobachtungen bei solchen Menschen, die nach all
gemeinem Urteil nicht krank sind. Solche Festsetzungen des Normalen be
gegnen Schwierigkeiten und sind nicht frei von Irrtümern. Keineswegs ist die
Grenze des Normalen scharf zu ziehen, gewöhnlich muß eine mehr oder weniger
große Variationsbreite zwischen Normalem und Pathologischem anerkannt
werden. Trotz dieser Nachteile, die der Begriff des Normalen hat, ist er für
die Bestimmung des Krankhaften unentbehrlich.
Jüres, Grundlagen. 2. Anf!. 1
2 Vorbemerkunw,n.
Anatomische (cinschließlich der chemischen lind physikalischen) Veräll(k
rungen und Funktionsabweichungen stehen in engen Beziehllngen zueinander.
Dies ergibt sich aus der Tatsache, daß sehr häufig beKtimmte Abweichungen
des materiellen Substrates mit bestimmten FUllktions"törungen regelmäßig
zusammen auftreten. Diese Beziehungen sind so gedeutet wordell, daß dit·
materielle, insbeflonclere die anatomische Verändpl"Ung die Vrsachc der Funktions
"törung sei.
Der erste, der diese Auffassung bewußt zum Ausdruck brachte, war ;VIOIWAGXI
(1682-1771). Er hat zuerst Sektionserge bnisse systematisch aufgezeiehnnt
und mit Krankheitserscheinungen verglichen. Das Werk, welches diese Beob
achtungen enthält, führt den bezeichnenden Namen "De eausi" et Hedibus mor
borum'·. RUDOLF VIRCHOW erweiterte und verhefte (lies(, Auffassung, ·wie wir
noch sehen werden hauptsächlich dadurch, daß er an Stelle der grobanatomiHch('ll
Organveränderung die krankhaft veriinderte Zelle Retzte.
In der nachfolgenden Generation der Pathologen tritt der "anatomiselw Cl'
danke in der Medizin", wie wir mit VIRCHOW die nm MORGAGXI !wgründett>
Auffassung nennen können, bü, in die ne Ul'SÜ' Zeit hinein durchweg lind oft in
prägnanter Form zutage. So z. B. bei BIRCH-HIRs(,HFI~LD, der dCH Kausal
zusammenhang so auffaßt, daß zuniichst eine Schädigung die amLtomische
Veränderung verursacht, daß diese dann den Grund für eintretende Funktions
störung abgibt; oder RIBBERT, der die funktionellp Abweichung als das WesPIl
der Krankheit, die anatomischen Veränderungen als deren Ursache hinstellt.
Um einen weiteren Abstand von dieser Auffassung zu gewinnen, m uJ.\ mall sidl
vergegenwärtigen, daß der "anatomische Gedanke in (kr Medizin·· der Aus
fluß der materialistischen Grundhypothese ü;t, die den Natllrwisscm;chaftl'1l
zugrunde liegt und daß das Problem der Beziehungen von al1atomiHche]'
Struktur zur Funktion im Grunde dasselbe ist, wie das Problem der BeziehungeIl
von Kraft und Stoff, das in dieser Form der Naturphilosophie des vorigl'1l
Jahrhunderts hauptsächlich vorgelegen hat. Die Physik hat diei-\cs Probll'1l1
auch im wesentlichen materialistisch aufgefaßt, i:-;t in neuerer Zeit allerdings
mit der Erkenntnis, daß die Atome der Materie aus Elektronen bestehen, Zlll'ÜH'r
einheitlichen (monistischen) Erfassung des Stoffes und der Em·rgie gekommen.
Doch hat diese Grundanschauung auf die biologischen Wissensc1Iaften lloeh
keinen Einfluß ausüben können. Man könnte eher von einem -- wenn auch wohl
nur vorübergehenden - Einfluß der Gedankengänge WILHELM ÜS'I'WALDS auf
medizinische Anschauungen sprechen. Dieser Autor geht aus von dellEnergiell,
als von an sich gegebenen selbständigen Healitäten. Die EIlPrgiel1 hahen die
bekannten verschiedenen ineinander übergehenden Formen und Hchließlich
soll nach OSTWALD auch das, waR wir Materie nennen, nichts anderes als bewndere
Formen der Energie sein. So vermag OSTWALIJ, freilich in ganz hypothetü;chp]"
fast phantastischer Form, eine energetü;che Auffassung der gesamten Natur
wissenschaften zu konstruieren.
Immerhin sind die Üs'rwALDsehen Gedankengänge insofern von einer g\'
wissen Bedeutung, als sie wenigstens die Möglichkeit zeigen, den Beziehungel1
von anatomischen Abweichungen zu solchen der Funktion auf anderem Wege
nahe zu kommen. Wir kommen nämlich manchmal in eine Lage, in der uns die
Formulierung der anatomischen Abweichung aIR causa morb(;rum nicht völlig
befriedigt.
So ist z. B. nicht in allen Fällen die materielle Veränderung, welche eÜH'1"
Funktionsstörung zugrunde liegen könnte, l1achweisbar. Dip Klinik spricht
von funktionellen Erkrankungen; Beispiele Kind gewisse Psychm-:en, gewiHHn
Sekretionsanomalien des Magens usw. ~1an hat "ich mit d\'r Erklärung geholfpl1,
daß für solche Fälle die anatomit;(~he Grundlage der Flinktionsstörul1g no("h
Anatomische Veränderung und Krankheit. - Cellu1arpatho1ogie. 3
gefunden werden müßte, daß dies zur Zeit aus Mangel geeigneter Methoden oder
infolge des jetzigen Standes unserer Kenntnisse nicht möglich sei.
Von der materialistischen Grundhypothese der Naturwissenschaften aus
gehend ist die Funktionsstörung ohne zugrunde liegende Veränderung der
Körpersubstanz "nicht denkbar"; von der energetischen Grundhypothese
aus ist dies denkbar, freilich auch nicht mehr als dies, weil eine spezielle Anwen
dung des OSTwALDsehen Energismus erst eine Umgestaltung der grundlegenden
naturwissenschaftlichen Fächer erforderlich machen würde, wovon wir weiter
als je entfernt sind.
Nebenbei sei bemerkt, daß man auch von anatomischen Veränderungen
ohne entsprechende Funktionsstörung reden kann. Es gehören dahin kleine
Mißbildungen, manche Narben, kleine gutartige Geschwülste. Man könnte
auch hier den Satz formulieren, daß die zu solchen Veränderungen gehörigen
Funktionsstörungen nur äußerst gering seien, daß sie aber niemals gänzlich fehlen.
Aber diese Ansicht wird kaum vertreten, man ist im Gegenteil bemüht gewesen,
die mit nicht wahrnehmbarer Funktionsstörung einhergehenden anatomischen
Veränderungen zwar als krankhaft (pathologisch), nicht aber als Krankheit auf
zufassen. Doch wird auf diese Begriffstrennung noch zurückzukommen sein.
Für die uns bewegende Frage kommt auch die weitere Tatsache in Betracht,
daß unter Umständen anatomische Veränderungen als Folge einer primären
Funktionsstörung entstehen können. Es gehören hierhin zahlreiche Erscheinungen
des pathologischen Anpassungswachstums. Das Wesentliche dieser Vorgänge
ist, daß sich ein Umbau von Organen und Geweben als Folge veränderter Funk
tionen ausbildet. Allerdings hat WILHELM Roux für diese Erscheinung eine
Begründung zu finden gesucht, die sie in die mechanischen Gedankengänge
einzureihen gestattet. Er nimmt an, daß durch funktionelle Reize Teile der
lebenden Substanz ihre immanenten Eigenschaften zu stärken vermöchten
und daß diese dann in einem im Organismus vorhandenen "Kampf der Teile·'
gegenüber anderen auf den betreffenden Funktionsreiz nicht reagierenden
Teilen den Sieg davon trügen.
Die bisherigen Ausführungen bringen uns also zu dem Standpunkt, daß die
Anschauung, welche die funktionellen Störungen auf anatomische Verände
rungen zurückführt, zwar nicht die absolut gegebene, wohl aber die zur Zeit
mögliche und herrschende Anschauung ist, die auch für viele uns tatsächlich
begegnenden Beziehungen von Funktionsstörung und anatomischer Läsion
eine befriedigende Erklärung zu geben vermag. In diesem Hinne kann man
von anatomischen Grundlagen der Krankheiten sprechen.
Cellularpathologie.
Es wurde schon gesagt, daß RUDoLF VmcHow dem anatomischen Gedanken
in der Medizin eine besondere Vertiefung gegeben hat, in dem er bestrebt
war, alles pathologische Geschehen letzten Endes auf veränderte Zelltätigkeit
zurückzuführen. Seine Lehre hat unter dem Namen Cellularpathologie hefruch
tend in die medizinische Wissenschaft Eingang gefunden.
Die Cellularpathologie ging von den Entdeckungen der Pflanzen zelle durch
den Botaniker MATHIAS JAKOB SCHLEIDEN (1838) und der tierischen Zellc
durch den Physiologen THEoDoR SCHWAC\N (1839) aus, und beruht auf der
Anschauung, daß der tierische und menschliche Organismus, ähnlich wie dies
SCHLEIDEN für die Pflanzen schon ausgesprochen hatte, ein zusammengesetzter
Organismus sei, dessen Elemente die einzelnen Zellen darstellen. Um diese
Auffassung zu entwickeln und zu begründen, bedurfte es einer großen Vorarbeit.
Denn so augenscheinlich in einigen Geweben, z. B. dem Epithelgewebe, die
1*