Table Of ContentGohler· l.enk· Miinkler· Walther (Hrsg.)
Politische Institutionen im gesellschaftlichen Umbruch
Gerhard Gohler . Kurt I..enk . Herfried Mtinkler .
Manfred Walther (Hrsg.)
Politische Institutionen
im gesellschafdichen Umbruch
ldeengeschichtliche Beitrage
zur Theorie politischer Institutionen
Westdeutscher Verlag
CIP-Titelaufilahmc der Deutschen Bibliothek
Politische Institutionen im gese1Ischaftlichen
Umbruch: ideengeschichtliche Beitrigc zur
Theorie politischer Institutionen I Gerhard
GObler ... (Hrsg.). - Opladen: Westdt. VerI.,
1990
NE: GObler, Gerhard IHrsg.]
Der Westdeutsche Verlag ist ein Untemehmen der Verlagsgruppe Berte1smann International.
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@ 1990 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen
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Umschlaggest:lltung: Horst Dieter Bl1rlde, Darmstadt
ISBN-13: 978-3-531-12034-8 e-ISBN-13: 978-3-322-86101-6
001: 10.1007/978-3-322-86101-6
Inhalt
Gerhard Gohler
Einleitung: Politische Ideengeschichte - institutionentheoretisch gelesen . 7
1. Krise der griechischen Polis
Einfiihrung (Manfred Walther) .. 21
Peter Spahn
Kritik und Legitimation politischer Institutionen in der Sophistik . 26
Herfried Mankler
Thukydides: Machtkampf als Institutionenkritik. . . . . . . . . . . . 41
Ganther Bien
Zur Theorie der Institutionen in der praktisch-politischen Philosophie
bei Platon und Aristoteles. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ., 54
Peter Steinbach
Zur Theorie der Institutionen in der praktisch-politischen Philosophie
bei Platon und Aristoteles. Ein Diskussionsbeitrag. . . . . . . . . . 72
2. Ubergang vom Mittelalter zur Neuzeit
Einfiihmng (Herfried Mankler) . ..... . . . . . .. 79
largen Miethke
Wilhelm von Ockham und die Iostitutionen des spl1ten Mittelalters. . . . . . 89
Helmut G. Walther
Die Gegner Ockhams: Zur Korporationslehre der mittelalterlichen Legisten . 113
Klaus-M. Kodalle
Institutionen - Recht - Politik im Denken Martin Luthers. . . . . . . . . 140
Peter Blickle
Politische Weiterungen der reformatorischen Theologie. Die Antwort des
Gemeinen Mannes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
Udo Bermbach
Zum Iostitutionenverstandnis in der Zeit der Reformation. . 170
Herfried Mankler
Staatsraison. Die Verstaatlichung der Politik im Europa der
Fliihen Neuzeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
6 Inhalt
Thomas O. Hueglin
Johannes Althusius: Eine "alternative" Institutionentheorie der
Fri1hen Neuzeit? • . • • • . . • . . • . • . • • . . • . • . . . • • . . . . •• 203
Richard Saage
Kmporatistische und kontraktualistische Institutionenbegri1ndung.
Zu Thomas O. Hueglin ,,Johannes Althusius" .•• " .•.••..••...•• 231
3. Die Herausblldung der modernen biirgerlichen Gesellschaft
Einfiihrung (Gerhard Gohler). . • . . • . . . . . • . • • • . • . . • . . •• 237
Manfred Walther
Institution, Imagination und Freiheit bei Spinoza. Eine kritische
Theorie politischer Institutionen. . • . . • . . . . . . . . • . . • • . • . •• 246
Peter Bro/r;meier-Lohfing
Institutionen als ideologische Apparate bei Spinoza. . . • . • • . . • • . • • • 276
Gerhard Huber
Adam Smith: Der Zusammenhang von Moralphilosophie, Okonomie
und Institutionentheorie. • . . • . . . • . • . . . . . • . . . . . • . . • •. 293
Jiugen Gebhardt
Selbstregulierung und republikanische Ordnung in der politischen
Wissenschaft der Federalist Papers. . . . . • . . • • . • . • . • • • . . • . . 310
Reinhard Brandt
Die politische Institution bei Kant. . . • . . • . . • . . . • • . . . • . . .. 335
Ingeborg Maus
Zur Theorie der Institutionalisierung bei Kant. . • • .'. . • • • • • • . . • • . 358
,
4. Institutionen und Utopien
Einfiihrung (Kurt Lenk). • • . . • • • . • • . . . . • . • • . . • • • . • • . . 387
Michael Th. Greven
Utopie und Institution. Proplldeutische Oberlegungen zu ihrem VerhaItnis. •• 389
Arno Waschkuhn
Utopien, Utopiekritik und Systemtheorie. • . • . . . . . • . . • • . • . • • • 420
Namenregister. • . . . . • • '. . • • . • • • . . • • • • . . . . . . . . . ., 433
Die Autoren des Bandes. . . . . . • . . . . . . • . . • • . . • • . . . . •• 437
Einleitung
Politische Ideengeschichte - institutionentheoretisch gelesen
Gerhard Gohier
1.
Politikwissensehaft hat es zentral mit politisehen Institutionen zu tun. Regierung, Par
lament, Geriehte, Verwaltung, Parteien, Verbnnde, jene Gebilde also, in denen und
durch die sieh Politik vollzieht, sind der gewissermaBen handgreifliehe Gegenstand ih
rer wissenschaftlichen Analyse. Die Politikwissenschaft untersucht ihren Aufbau, ihre
Funktionsweise und ihre Entstehungsbedingungen, diskutiert ihren Legitimationsan
spruch, ubt Kritik an ihrer Effizienz oder aueh an ihrer Existenz, unterbreitet Reform
vorschUige und entwirft auch mehr oder minder radikale Alternativen. Es ist zwar
Uingst deutlich geworden, daB Politikwissensehaft sich nieht allein als Institutionenleh
re, und schon gar nieht in legalistiseh-normativistischer Verengung als bloBe "Institu
tionenkunde" verstehen kann, wenn sie politische Prozesse und Saehverhalte ange
messen begreifen will-eine GeringscMtzung institutioneller Fragestellungen, wie sie
vor allem fUr die 70er Jahre als Gegenreaktion gegen die vermeintliehe Institutionenfi
xiertheit der Politikwissenschaft kennzeichnend war, ist jedoch allmahlieh der Einsieht
gewichen, daB den institutionellen Faktoren in der Politik, institutionellen Rahmenbe
dingungen oder gar Eigengesetzliehkeiten eine fUr das Zustandekommen, die Art und
die Qualitllt von politisehen Entscheidungen oder aueh ,,Nicht-Entscheidungen" kaum
zu ubersehlttzende Bedeutung zukommt. Aufarbeitung und EinscMtzung der institu
tionellen VerfaBtheit von Politik sind unentbehrlich fUr das Verstllndnis politiseher
Prozesse und Problemlagen. Das gilt in besonderem MaBe fUr Theorieprobleme.
Wenn Politikwissenschaft uber das Aufsuehen und Registrieren von Fakten hinaus
naeh theoretischen Zusammenhltngen sueht, urn empirische Tatbestllnde zu erklltren,
wenn sie die Legitimationsmuster politischer Ordnungen naeh Herkunft, Ansprueh
und Folgewirkung kritisch durehleuehtet, urn normative Begrundungszusammenhltnge
zu diskutieren, so geht es stets auch urn institutionentheoretische Zusammenhltnge.
Theorieprobleme der Politik durften in dem MaBe auf Institutionen bezogen sein und
damit ein institutionentheoretisehes "Standbein" haben, wie sie angesichts der Kontin
genz der Handlungen verschiedener politischer Akteure zu verschiedenen Zeiten auf
die Rahmenbedingungen von Politik, auf Elemente von Stabilitllt und aueh von Stabi-
8 Gerhard Gohler
litllt im Wandel aIs Orientierungspunkte abstellen, mOglicherweise sogar abstellen
mussen (und sei es auch nur, urn die Perspektive kritisch zu wenden).
Urn so erstaunlicher ist es, daB die Politikwissenschaft seit ihrer Wiederbegriin
dung im westlichen Nacbkriegsdeutscbland, aber auch in der internationaIen Diskus
~ion, uber die Befassung mit einzelnen, handgreiflichen Institutionen hinaus nur wenig
zu institutionentheoretischen Fragestellungen, zur Theorie politischer Institutionen
beigetragen hat. Selten und kaum systematisch wurden Konzepte el'Ortert oder gar
selbst entwickelt, urn institutionelle Konfigurationen der Politik ali Aosbildung sozi
aIer ZusammenMnge in ihren EntstehungszusammenhAngen und Funktionsbedingun
gen, ihren Sinnbezfigen und Legitimationsmustern, ihren Verfestigungen und VeraD
derungspotentialen zu erkUlren und zu bewerten. Das sind die Fragestellungen, welche
die Theorie politischer Institutionen zu elaborieren hat, und erst auf dieser Grundlage
lie/3e sich schlieBlich uber AquivaIente zu bestehenden politischen Institutionen oder
sogar fiber Alternativen zur institutionellen VerfaBtheit von Politik wissenschaftlich
diskutieren. Mit all diesen Fragen befaBt sich, in einem IAngerfristig konzipierten und
interdisziplin1lr angelegten Arbeitsprogramm, die Sektion Politische Philosophie und
Theoriengeschichte in der Deutschen Vereinigung fUr Politische Wissenschaft In dem
vorliegenden Band wird der Versuch unternommen, zur Theorie politischer Institutio
nen durch eine institutionentheoretische Lektiire der Geschichte der politischen Ideen,
Theorien und Ideologien beizutragen1. Als Arbeitsgebiet steht politische Ideenge
schichte in der deutschen Politikwissenschaft bislang nicht an hervorgehobener Stelle,
aIlerdings gelten ihr neuerdings wieder in erheblich hOherem MaI3e Interesse und For
schungsabsichten2. Mit der fUr die politische Ideengeschichte durchaus neuartigen in
stitutionentheoretischen Perspektive lassen sich einige der Desiderate hier vielleicht
einlOsen und weitere, auch aktuell hilfreiche Forschungen in Gang setzen.
DaB die BescMftigung mit politischer Ideengeschichte einen erheblichen Beitrag
zur Theorie politischer Institutionen zu leisten hat und auch zu leisten vermag, bedarf
keiner weit hergeholten Begriindung. Politische Institutionen sind nur als historisch
gewordene, aus Interessenlagen in je historischen Konstellationen verdichtete und re
aIisierte Ordnungskonzepte zu begreifen; sie stehen in TraditionszusammenhAngen,die
aus historischen Prozessen der Legitimierung und Delegitimierung und EntwUrfen al
ternativer Vorstellungen resultieren. Die politische Ideengeschichte ist zugleich Reflex
und theoretischer Produzent dieser Entwicklungen; ihre Konzepte enthaIten sowohl
die Erklwng bestehender Institutionen, ihre Rechtfertigung oder Infragestellung aIs
auch den Entwurf von Institutionen in mehr oder minder radikaler Alternative nach
dem MaBstab propagierter historischer Vernunft. Die reale historische Institutionen
entwicklung und ihre theoretische Verarbeitung, Diskussion wie Antizipation stehen
in einem komplizierten WechselverhAltnis, welches Traditionsbestllnde schafft, in die
das gegenwllrtige Institutionengefuge eingebettet ist. Sein Verstlndnis, aber auch jede
Kritik an ibm ist ohne die historische Dimension, die sich in der Ideengeschichte kon
zeptuell artikuliert, Dicht zu entfalten und grundlegende Einsichten in institutionelle
ZusammenhAnge, mOgen sie noch so sehr von konkretistischen BezGgen absehen wol
len, finden dort ihre Vorfonnulierung. Urn so erstaunlicher ist es, daB die deutsche Po
litikwissenschaft selbst da, wo sie ideengeschichtlich oder auf Institutionen hin orien-
Einleitung 9
tiert war, diese Zusammenhllnge bisher kaum explizit zum Thema ihrer Forschungsar
beiten gemacht hat. So werden in der Literatur fiber die politischen ,,Klassiker", fiber
politische Ideen einer Epoche oder fiber Topoi und Theoreme der Politik die Institutio
nen in der Regel mitbehandelt, dariiber hinaus aber sind explizit durchgefUhrte institu
tionentheoretische Fragestellungen bisher kaum zu finden. DaB ideengeschichtlieh
orientierte Forschungen zur Theorie politischer Institutionen so wenig auf Vorarbeiten
zuriickgreifen kOnnen, hat in diesem AusmaB die Autoren des Bandes selbst fiber
rascht.
2.
Was kann die Ideengeschiehte zur Theorie politischer Institutionen beitragen? Fernziel
sind systematisch entfaltete Ansatze ffir eine historische Theorie politischer Institutio
nen, vermittels derer gegenwllrtige Konfigurationen in ihren Entstehungszusammen
hllngen erkllirt und bewertet, alternative Konzeptionen diskutiert und schlieBlich aus
historischer Erfahrung notwendige und wUnschbare institutionelle Formen von Politik
in ein reflektiertes VerhlUtnis gesetzt werden kOnnen. Da solchermaBen historisch ge
sattigte Institutionenkonzepte nicht einfach aus dem Ideenhimmel herunterzuholen
sind, bedarf es schon genauerer UberIegungen, wie eine institutionentheoretische Lek
tiire der politischen Ideengeschichte angesetzt werden sollte und welche Fragen zu
stellen sind, die in ideengeschiehtlichen Arbeiten sonst nieht explizit behandelt wer
den.
Die institutionentheoretische Befassung mit politischer Ideengeschiehte kann in
genetischer oder systematischer Absicht erfolgen; tatsl1chlich treten sie beide selten
getrennt auf, sind von der Sache her auch schwer zu trennen, stellen aber doch unter
schiedliche Dimensionen mit spezifischer Ausrichtung und eigenen Voraussetzungen
dar. Genetisch werden politische Ideen in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusam
menhang untersucht. Dabei besteht stets ein Zusammenhang mit konkreten histori
schen Entwicklungen. Die Beschliftigung mit politischer Ideengeschichte in ihrer ge
netischen Dimension geht - stillschweigend oder ausdriicklich - von einer Zuordnung
realer Entwicklungen und geistiger Vorg11nge der Formulierung und Propagierung von
"Ideen" aus. So korrespondieren den realhistorischen Prozessen der Herausbildung,
Stabilisierung und Umbildung politischer Institutionen die ideengeschiehtlichen Pro
zesse ihrer Legitimierung und Delegitimierung. Normative Vorstellungen werden zu
Begriindungszusammenh11ngen ausformuliert, die entweder bestehende Institution in
der Auseinandersetzung mit anderen Ordnungskonzepten bis hin zur Idealisierung ver
teidigen oder in der Kritik an herrschenden institutionellen Konfigurationen aus ge
genl11ufigen Interessen, aber ebenfalls mit stark idealisierender Tendenz, Alternativ
konzepte ins Spiel bringen, sei es in der Reaktivierung fiberkommener Begriindungs
muster, sei es in der theoretischen Antizipation historisch sich erst herausbildender
Konfigurationen. So kOnnen politische Ideen ffir die Herausbildung und Umbildung
politischer Institutionen selbst verursachend wicken, wenn Delegitimierungs- und Le
gitimierungskampagnen erfolgreich verlaufen. In der politischen Ideengeschichte rezi-
10 Gerhard Gohier
pieren wir in erster Linie die geistigen Vorg!1nge; wir wissen aber, daB sie mit realen
Entwicklungen verbunden sind, und wir kOnnen nur nicht - oder Mchstens sehr selten
- bestimmen, was das eigentlich Treibende ist: ob Ideen die historische Entwicklung,
hier also per Delegitimierung alter und Legitimierung neuer Institutionen den Institu
tionenwandel bewirken, oder ob Institutionen in ihrer Hemusbildung und Fortentwick
lung sieh ihre Legitimationsmuster schaffen; beide Vorg!1nge sind in der Regel inein
ander verschrl1nkt, bisweilen als wechselseitig sich versCirkender Riickkoppelungspro
zeB. Wenn Legitimierungsleistungen bis in die Gegenwart hineinwirken, so daB gegen
wartige Institutionen historisch verortbare Ideen in Anspruch nehmen, erhalten wir aus
der Ideengeschiehte eine Standortbestimmung politi scher Institutionen unter normati
vern Aspekt und damit einen Beitrag zu ihrer historisch-genetischen Erklfuung.
Die Beschllftigung mit politischer Ideengeschiehte entMlt dariiber hinaus eine sy
stematische Dimension, die auch institutionentheoretisch von Belang ist Wir befassen
uns nicht nur mit soIehen Autoren aus der Vergangenheit, von denen wir vermuten,
daB sie fiir das Institutionengefiige wirkungsgeschiehtlich relevant sind; und wenn sie
es sind, so diskutieren wir sie nieht nur iiber die Vermittlung ihrer Wirkungsgeschich
te, sondem durchaus auch unmittelbar. Argumentationszusammenh!1nge zur Begriin
dung oder Kritik von Institutionen mOgen historisch iiberholt und theoretisch in aktu
ellen Ordnungskonzepten Dicht mehr ortbar sein; friihere Entwiirfe von Institutionen
bmuchen nie realisiert worden zu sein - und doch finden sie durchaus noch Interesse.
Warum reizen uns etwa die Sophisten, Platon und Aristoteles zu unmittelbarer Ausein
andersetzung (und nieht nur zu archivarischer Bestandsaufnahme)? Offensichtlich ge
hen wir davon aus, daB sie, obwohl im Erfahrungs- und Diskussionsstand ihrer von
uns so weit entfemten Zeit formuliert, Einsichten zur Erklnrung, Begriindung und Kri
tik politischer Institutionen geliefert haben, die auch heute noch diskussionswiirdig
oder gar unhintergehbar sind. In dieser Hinsieht interessiert uns in der politischen
Ideengeschichte weniger die histOrische Wirkungsmacht soIeher Konzepte als ihre an
gemessene Obersetzbarkeit in die Problemlagen unserer Zeit. Das gilt insbesondere fiir
politische Utopien mit ihrer eher ,,kontrafaktischen" Wirkungsgeschichte; indem sie
ihre radikale Kritik an bestehenden Ordnungssystemen in die Form von Gegenentwiir
fen bringen, kOnnen sie wiehtige, auch fiir unser gegenwartiges Institutionengefiige
bedenkenswerte Problempunkte erschlieBen und Altemativen abscMtzbar machen.
Man kann, unter Beachtung der unumg!1nglichen Kautelen einer stets nur partiell mOg
lichen Umsetzung, von zeitlich entfemten Autoren politischer Ideengeschichte fiir die
Gegenwart lemen, ohne sie unter eine primltre genetische Fragestellung zu bringen; so
bietet die BescMftigung mit politi scher Ideengeschiehte einen Beitrag zur ErOrterung
normativer Begriindungsmuster und zur eigenen Positionsbestimmung in der Theorie
politischer Institutionen.
Wenn wir uns darauf verst!1ndigen, daB das systematische und das genetische Ver
fahren gleichermaBen sinnvoll und legitim ist, so gilt das zunilchst nur sehr grundsatz
lich. Institutionentheoretische Einsichten lassen sich - die Probe aufs Exempel zeigt es
sehr schnell - ideengeschichtlich nicht einfach einsammeln. Wie jede Lektiire der po
litischen Ideengeschichte, die von einer aktuellen Problemstellung geleitet ist, steht
auch die institutionentheoretische Lektiire gewissermaBen zwischen Skylla und Cha-
Einleitung 11
rybdis. Um der AuthentiziUit gerecht zu werden, muB sie sich auf die historischen und
theoretischen Kontexte der Autoren und Argumentationslinien einlassen, und je mehr
die Erfordernisse immanenter Interpretationen in den Vordergrund treten, verwischt
sich die institutionenspezifIsche Problemstellung. Das ist von Nutzen fUr das Studium
der Ideengeschichte, aber von Nachteil fUr die institutionentheoretische Diskussion.
Auf der anderen Seite droht, vom Probleminteresse OberwlUtigt, ein allzu prllsentisti
sches Herangehen an die politische Ideengeschichte. Wenn modeme Institutionen und
ihre Problemlagen unvermittelt auf historische Konzepte projiziert werden, um geneti
sche ZusammenlUlnge aufzuweisen oder gar systematische Antworten zu Obemehmen,
kann die Unterschlltzung historisch bedingter Differenzen und DiskontinuiUiten zu un
angemessenen Linienfiihrungen und ungedeckten SchluBfolgerungen verleiten. Be
kannt ist das Problem, ob im Vergleich von politischen Ordnungskonzepten die neu
zeitliche Staatsvorstellung auf die antike Polis iibertragen werden kann. Unmittelbare
Antworten auf gegenwllrtige Probleme sollten von der politischen Ideengeschichte
80ch institutionentheoretisch nicht erwartet werden.
3.
Angesichts dieser Schwierigkeiten steht die institutionentheoretische LektOre der.poli
tischen Ideengeschichte sowohl unter genetischem als auch unter systematischem
Aspekt zuallererst vor einem Obersetzungsproblem ihrer Analyse-Kategorien. Wo ist
von "politischen Institutionen" bei ideengeSchichtlichen Autoren und Argumentations
zusammenh1lngen die Rede, welche Konzepte sind iiberhaupt einschUtgig, wo doch der
Terminus "politische Institutionen" mit allen Problemkontexten, die wir mit ihm ver
bunderi Seben~ unserem eigenen Diskussionszusammenhang entstammt? Ein kurzer
Durchgang durch die politische Ideengeschichte zeigt recht eindiiicklich, daB termino
logisch von politischen Institutionen kaum die Rede ist. Welche Sachverhalte aber
kOnnten angesprochen sein, wenn wir annehmen, es sei in der politischen Ideenge
schichte viel von Problemen die Rede, welche wir heute a1s Fragen zur Theorie politi
scher Institutionen bezeichnen? Der IU1chstliegende Weg besteht darin, jene Gebilde,
die wir konkret als politische Institutionen verstehen, in der politischen Ideengeschich
te aufzusuchen: Staat und Staatsapparat, Regierung, Parlament, Gerichte usw., also
eben die Einric;:htungen, in denen und mit denen Politik gemacht wird. Da hierbei vom
Alltagsverstlindnis politischer Institutionen ausgegangen wird, gibt es wenig Verst1ln
digungsprobleme, solange davon ausgegangen werden kann, daB auch die ideenge
schichtlichen Konzepte sich auf solche Gebilde beziehen. Dieser Weg filhrt relativ
weit, und er wird auch, a1s der naheliegende und am wenigsten problematische, in die
sem Band hIlufig eingeschlagen. Aber schon fQr das heutige Verst1lndnis ist der ph1lno
menologische Institutionenbegriff kaum hinreichend, wenn neben den genannten Insti
riitionen fin engeren Sinn auch Parteien, Verb1lnde, Verfassung und Gesetze oder be
stimmte Verhaltensmuster wie Rituale a1s institutionelle Faktoren von Politik unter
sucht werden sollen. Sie lassen sich hilfsweise a1s politische Institutionen "im weite
ren Sinn" bezeichnen, aber damit Offnet sich ein weites Feld, in dem begriffliche Pra-