Table Of ContentRolf Eickelpasch · Claudia Rademacher
Philipp Ramos Lobato (Hrsg.)
Metamorphosen des Kapitalismus – und seiner Kritik
Rolf Eickelpasch
Claudia Rademacher
Philipp Ramos Lobato (Hrsg.)
Metamorphosen
des Kapitalismus –
und seiner Kritik
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1.Auflage 2008
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© VSVerlag für Sozialwissenschaften | GWVFachverlage GmbH,Wiesbaden 2008
Lektorat:Frank Engelhardt
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Umschlaggestaltung:KünkelLopka Medienentwicklung,Heidelberg
Druck und buchbinderische Verarbeitung:Krips b.v.,Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands
ISBN 978-3-531-15780-1
Inhalt
Vorwort ............................................................................................................................. 007
Rolf Eickelpasch/Claudia Rademacher/Philipp Ramos Lobato
Diskursverschiebungen der Kapitalismuskritik – eine Einführung .................................. 009
Teil I
Diskursverschiebungen der Kapitalismuskritik
Franz Schultheis
What’s left? Von der Desorientierung zur selbstreflexiven Standortbestimmung
linker Gesellschaftskritik .................................................................................................. 021
Tobias Künkler
Produktivkraft Kritik. Die Subsumtion der Subversion im neuen Kapitalismus .............. 029
Karin Priester
Messianischer Populismus von links? Anmerkungen zu dem Werk Empire
von Michael Hardt und Antonio Negri ............................................................................. 048
Sven Kluge
Affirmativer Protest – Ambivalenzen und Affinitäten der
kommunitaristischen Kapitalismuskritik .......................................................................... 059
Frigga Haug
„Schaffen wir einen neuen Menschentyp“ – Von Ford zu Hartz ...................................... 080
Teil II
Von den Rändern ins Zentrum?
Berthold Vogel
Die Begriffe und das Vokabular sozialer Ungleichheit –
in Zeiten ihrer Verschärfung ............................................................................................. 093
Klaus Kraemer
Alles prekär? Die Prekarisierungsdebatte auf dem soziologischen Prüfstand .................. 104
Claudia Rademacher/Philipp Ramos Lobato
„Teufelskreis oder Glücksspirale?“ Ungleiche Bewältigung
unsicherer Beschäftigung ................................................................................................. 118
6 Inhalt
Olaf Groh-Samberg
Armut, soziale Ungleichheit und die Perspektiven einer
„Erneuerung der Sozialkritik“ ........................................................................................... 148
Enrico Reuter
Weniger ist mehr – Plädoyer für einen ‚exklusiven’ Exklusionsbegriff ........................... 171
Teil III
Auswege – Perspektiven kritischer Praxis
Alessandro Pelizzari
Widerständiges Prekariat? Probleme der Interessenvertretung in
fragmentierten Arbeitsmärkten ......................................................................................... 193
Hildegard-Maria Nickel/Hasko Hüning
Frauen an die Spitze? Zur Repolitisierung der Arbeits- und Geschlechterdebatte ........... 216
Elisabeth Tuider
Umarmter Protest. Soziale Bewegungen in Mexiko zwischen diskursiver
Vereinnahmung und eigensinniger Widerständigkeit ....................................................... 239
Die Autorinnen und Autoren ............................................................................................ 253
Vorwort
Idee und Konzeption des vorliegenden Sammelbands sind aus dem Forschungskolloquium
Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose am Institut für Soziologie der Universität Münster
hervorgegangen. Eine intensive Diskussion neuerer kapitalismustheoretischer und -kritisch-
er Ansätze – im Zentrum standen die den aktuellen Diskurs dominierenden Studien Empire
von Hardt/Negri, Der neue Geist des Kapitalismus von Boltanski/Chiapello, Die Metamor-
phosen der sozialen Frage von Castel und die an Foucault anschließenden Gouvernementa-
litätsstudien – hatte zu der Einsicht geführt, dass wir Augenzeugen tiefgreifender Trans-
formationen des kapitalistischen Systems sind, denen mit den klassischen Instrumenten der
Kapitalismusanalyse und -kritik (‚Klasse’, ‚Ausbeutung’, ‚Entfremdung’, ‚Revolution’ etc.)
nicht mehr beizukommen ist.
Anliegen dieses Bandes ist es, die aktuellen Diskursverschiebungen der Kapitalismus-
analyse und -kritik, die auf die ‚postfordistische’ Transformation des kapitalistischen Sys-
tems antworten, aus unterschiedlichen Perspektiven auszuloten und einer kritischen Diskus-
sion zu unterziehen. Die im Titel verwandte – von Castel inspirierte – biologische Metapher
der Metamorphose unterstellt nicht etwa eine Konstanz unter dem Wandel der Oberfläche,
sondern zielt ganz im Gegenteil auf die Radikalität der sozioökonomischen Umwälzungen:
„Eine Metamorphose erschüttert die Gewissheiten und setzt die gesamte Gesellschaftsland-
schaft neu zusammen.“ (Castel)
Der Band versammelt Beiträge von NachwuchswissenschaftlerInnen wie von exponier-
ten FachvertreterInnen. Unser Dank gebührt allen AutorInnen gleichermaßen, nicht zuletzt
aber auch den Kolloquiumsmitgliedern, die keinen eigenen Beitrag verfasst, durch ihre rege
Diskussionsbereitschaft jedoch zum Gelingen des Projekts beigetragen haben.
Herrn Frank Engelhardt vom VS-Verlag danken wir für die gute verlegerische Betreuung.
Rolf Eickelpasch Münster, den 15. Mai 2008
Claudia Rademacher
Philipp Ramos Lobato
Diskursverschiebungen der Kapitalismuskritik –
eine Einführung
Rolf Eickelpasch/Claudia Rademacher/Philipp Ramos Lobato
Der Zusammenbruch des ‚real existierenden Sozialismus’ in Osteuropa und der folgende
globale Siegeszug eines entfesselten Kapitalismus haben die kritischen Gesellschaftswis-
senschaften in eine tiefe Identitäts- und Orientierungskrise gestürzt, von der sie sich bis
heute nicht erholt haben. Die klassischen, diskurskonstituierenden Vokabeln der Gesell-
schafts- und Kapitalismuskritik – ‚Revolution’, ‚Sozialismus’, ‚Klasse’, ‚Ausbeutung’,
‚Entfremdung’ etc. – sind vielfach diskreditiert und erscheinen merkwürdig stumpf und
verbraucht, allenfalls „gut für die Vitrinen historischer Museen“ (Schultheis 2006: 128).
Die globale Durchsetzung des Kapitalismus, verbunden mit der warenförmigen Eineb-
nung traditioneller Lebenszusammenhänge und kultureller Milieus, erzeugt eine Eindimen-
sionalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, der gegenüber es kein Entrinnen mehr zu
geben scheint. „Die grenzenlose Durchkapitalisierung der Welt erscheint unaufhaltsam.“
(Hirsch 1990: 118) Der unangefochten den Globus umspannende und jeden Blick nach
außen verwehrende „Weltinnenraum des Kapitals“ (Sloterdijk 2005) verleiht den düsteren
Diagnosen der Kritischen Theorie eine bedrückende Aktualität. „Kein Standort außerhalb
des Getriebes lässt sich mehr beziehen, von dem aus der Spuk mit Namen zu nennen wäre“,
hatte Adorno (1972: 369) schon vor 40 Jahren geklagt.
Nicht nur für Adorno hat sich der Glaube an die welthistorische Mission der Arbeiter-
klasse als Trugschluss erwiesen. Zwar bestehen ‚objektiv’ Klassengegensätze weiter oder
haben sich gar noch verschärft (wie schon ein oberflächlicher Blick in den „Armuts- und
Reichtumsbericht“ der Bundesregierung belegt), doch ist die ‚Klasse’ der Ausgebeuteten
und Unterdrückten im ‚postfordistisch’ transformierten Kapitalismus durch immer neue
‚Individualisierungsschübe’ vielfach durchmischt und durcheinander gewirbelt worden. Im
Zuge der Individualisierung alltäglicher Lebensformen und Verhaltensmuster und des
schrittweisen Rückzugs des Staates aus der Verantwortung für eine solidarische Daseins-
vorsorge werden die Individuen aus den traditionellen Sozial- und Solidarformen ‚entbettet’
und schutzlos dem eisigen Wind einer brutalen Marktradikalisierung ausgesetzt. Begleitet
und verstärkt wird dieser Prozess von einer grundlegenden Veränderung der normativen
Anforderungen an das ‚Humankapital’, zentriert um Begriffe wie ‚Eigenverantwortung’,
‚Autonomie’, ‚Selbstbestimmung’, ‚Mobilität’, ‚Flexibilität’, ‚Kreativität’. Der geforderte
Persönlichkeitstypus des marktgängigen, geographisch mobilen, beruflich flexiblen und
privat ungebundenen ‚employable man’ bzw. des ‚unternehmerischen Selbst’ spiegelt di-
rekt die Grundzüge des neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells wider. Die
‚Logik’ des Kapitals, seine Tendenz zur totalen Unterwerfung allen Lebens unter das Wa-
renverhältnis und zur Verdinglichung der sozialen Beziehungen, scheint endgültig zu tri-
umphieren, und zwar weltweit.
Alles in allem haben die hier nur angedeuteten realhistorischen Transformationen des
Kapitalismus die Bedingungen für eine emanzipative Veränderung der gesellschaftlichen
R. Eickelpasch et al.(Hrsg.), Metamorphosen des Kapitalismus – und seiner Kritik,
DOI 10.1007/978-3-531-91079-6_1, © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008
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Verhältnisse um die Jahrtausendwende grundlegend gewandelt. Der neoliberal-postfordis-
tische Kapitalismus von heute ist ein radikal anderer als der keynesianisch-fordistische,
sozialstaatlich eingehegte Kapitalismus der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts: Er zeigt
andere Vergesellschaftungsformen, andere Ungleichheitsstrukturen, andere soziale Kon-
fliktfronten, andere Krisenverläufe. Eine sozialwissenschaftliche Kapitalismusanalyse und
-kritik, die nicht in politische Bedeutungslosigkeit verfallen will, muss den veränderten
historischen Bedingungen Rechnung tragen. Sie darf sich daher weder in den antiquierten
Begriffsschablonen einer marxistischen Klassen- oder Revolutionstheorie verfangen noch
darf sie der Gefahr erliegen, die herrschenden Tendenzen warenförmiger Vergesellschaf-
tung negativistisch zu einem hermetisch geschlossenen und widerspruchslosen „Verblen-
dungszusammenhang“ (Adorno) oder zu einem unentrinnbaren „stahlharten Gehäuse der
Hörigkeit“ (Weber) zu verdichten. Eine avancierte und politisch wirksame Gesellschafts-
und Kapitalismuskritik muss die neuen Erscheinungsformen des Kapitalismus zur Kenntnis
nehmen und sie unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit darstellen. Vor allem aber muss sie
die wissenschaftliche Analyse mit den Erfahrungen vorhandener Oppositions- und Protest-
bewegungen verbinden.
Eben diesem Anspruch suchen prominente Theorieentwürfe zu genügen, die seit einiger
Zeit den kapitalismuskritischen Diskurs in den Sozialwissenschaften bestimmen. Beispiel-
haft sei hier auf das Buch Empire von Michael Hardt und Antonio Negri, auf die Studie
Der neue Geist des Kapitalismus von Luc Boltanski und Ève Chiapello und auf die von
Michel Foucault inspirierten governmentality studies verwiesen. Bei aller Differenz der
theoretischen Zugänge und der politischen Verortung treffen sich diese Theoriemodelle in
einer Grundannahme, die gewissermaßen das Leitmotiv der Kapitalismuskritik in Zeiten
des ‚Postfordismus’ bildet: der Unterstellung einer radikalen Immanenz und Selbstbezüg-
lichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. „Es gibt keinen ‚Weg nach draußen’, weil es kein
‚draußen’ gibt“, wie Keenan (1987: 29) im Anschluss an Foucault insistiert. Diese geradezu
paradigmatische Diskursverschiebung wirft nun aber gravierende Probleme für die Begrün-
dung einer theoretisch schlüssigen und politisch wirksamen Kapitalismuskritik auf. Worauf
könnte sich eine kritische Perspektive gründen, an welche Instanz könnte sie appellieren,
auf welche sozialen Trägergruppen sich stützen, wenn sich jede ‚archimedische’ Kritik,
jede Berufung auf einen transzendenten oder externen Standort, jedes Operieren mit den
vertrauten Oppositionen von Basis/Überbau, Sein/Bewusstsein, Selbstbestimmung/Fremd-
bestimmung, Freiheit/Unterdrückung verbietet? Der Beantwortung eben dieser Frage gelten
die theoretischen Anstrengungen der erwähnten Forschungsansätze – mit höchst unter-
schiedlichen Ergebnissen, wie sich zeigen lässt.
Hardt/Negri begründen die Perspektive der Immanenz, welche sie ihrer Analyse des ‚Empi-
re’ zugrunde legen, mit dem aus dem Poststrukturalismus (Foucault/Deleuze) entlehnten
Konzept der ‚Biopolitik’. Biopolitik markiert eine neue Etappe kapitalistischer Produktion,
den Übergang vom Imperialismus zum Empire. Die Schaffung von ‚Leben’ ist Hardt/Negri
zufolge im Empire nicht mehr auf die Reproduktionssphäre beschränkt, sondern integraler
Bestandteil der Produktion selbst. ‚Biopolitik’ verweist auf die vielfache Implosion über-
kommener Grenzziehungen, nicht nur zwischen Produktion und Reproduktion, sondern
auch zwischen gesellschaftlicher Produktion und ideologischer Legitimation, zwischen
Natur und Kultur, Mensch und Maschine. Insofern die imperiale „Kontrollgesellschaft“
Diskursverschiebungen der Kapitalismuskritik – eine Einführung 11
kraft ihrer „Biomacht“ Subjekte nicht nur unterwirft, sondern hervorbringt, Natur nicht nur
ausbeutet, sondern produziert, stellt sie eine „autopoietische Maschine“ (Hardt/Negri 2002:
48) dar, d.h. einen sich selbst erzeugenden und rechtfertigenden Kosmos.
Eine Perspektive von Widerstand und Kritik lässt sich innerhalb eines solchen post-
strukturalistischen, radikal anti-essentialistischen Bezugsrahmens, der jeden externen
Standort verbietet, offenbar nur um den Preis theoretischer Inkonsequenzen gewinnen. In
offenkundigem Widerspruch zu ihrer „revolutionären Entdeckung der Immanenz“ (ebd.:
84) suchen die Autoren Zuflucht bei einer messianisch-revolutionären Perspektive, die
einen neuen, letztlich ontologischen „Grundwiderspruch“ des imperialen Kapitalismus
unterstellt: den zwischen produktiver, vitaler und autonomer „Menge“ (multitude) und dem
unproduktiven, parasitär-zerstörerischen „Empire“. In dieser vitalistischen Perspektive
bestimmt nicht mehr das Sein das Bewusstsein, sondern das Begehren bestimmt das Han-
deln. „Der unterjochend-begrenzenden Macht steht die befreiende Entgrenzung der Multi-
tude (des ‚Volkes’ im Weltmaßstab) gegenüber.“ (Priester in diesem Band: 53f)
Fernab eines derartigen messianischen Irrationalismus liefern Boltanski und Chiapello in
ihrer Aufsehen erregenden Studie Der neue Geist des Kapitalismus eine originelle, empi-
risch und historisch ungemein informierte und auf die fortbestehende Deutungskraft klassi-
scher sozialwissenschaftlicher Paradigmen vertrauende Analyse der Funktionsweise und
inneren Dynamik des kapitalistischen Systems sowie der vor unseren Augen ablaufenden
gesellschaftlichen Transformationsprozesse. Auch Boltanski/Chiapello gehen – wenn auch
auf anderen und weit überzeugenderen theoretischen Grundlagen als Hardt/Negri – von
einer wesensmäßigen ‚Immanenz’ des kapitalistischen Systems aus; auch sie unterstellen,
dass sich der neue Kapitalismus mit den Instrumenten vergangener Protestbewegungen
kaum deuten und bekämpfen lässt.
Ihrer Kernthese zufolge beruht die immer wieder überraschende Vitalität und scheinbare
Unausweichlichkeit des Kapitalismus nicht etwa auf seiner Kritikresistenz, sondern auf
seiner Selbsterneuerungskraft, d.h. auf seiner Fähigkeit, kritische Gegenentwürfe und Pro-
testpotenziale aufzusaugen, ‚produktiv’ zu wenden und dadurch im gleichen Zuge zu depo-
tenzieren und zu paralysieren. Der „Geist des Kapitalismus“ ist, wie die beiden Autoren
überzeugend nachweisen, von Beginn an mit seiner Antithese, der Kapitalismuskritik, ver-
schwistert. Diese lässt sich in zwei Typen differenzieren, die sich aus unterschiedlichen
„Quellen der Empörung“ speisen: Während die „Künstlerkritik“, die ihre Wurzeln in der
Bohème des 19. Jahrhunderts hat, sich an entfremdeter Arbeit, an Sinnverlust und fehlender
Authentizität entzündet, wendet sich die „Sozialkritik“ der Arbeiterbewegung vorrangig
gegen Ausbeutung und materielle Not.
Vor allem die Künstlerkritik ist nun, so die Gegenwartsdiagnose von Boltanski/Chia-
pello, in den letzten Jahrzehnten in eine Art ‚Siegkrise’ geraten, weil ihre wichtigsten Be-
standteile, etwa die Forderungen nach Emanzipation, Autonomie und Authentizität, vom
neuen, „projektbasierten“ Netzwerkkapitalismus ‚einverleibt’ worden sind. In einer konne-
xionistischen Welt sind Eigenverantwortung, Selbstkontrolle, Kreativität, Flexibilität und
Mobilität Grundforderungen an das ‚Humankapital’.
Zu den Paradoxien dieses Gesellschaftstypus zählt es, dass das Mehr an Autonomie
durch ein Weniger an Sicherheit ‚erkauft’ wird. Die fortschreitende ‚Subjektivierung der
Arbeit’ erzeugt in Verbindung mit dem Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge neue
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„Verwundbarkeiten“ (Castel 2000) in Gestalt fragmentierter Erwerbsbiographien, prekärer
Beschäftigungsverhältnisse und sozialer ‚Exklusion’ all derjenigen, die durch die radikali-
sierte Marktkonkurrenz schlicht überfordert sind. An diesen systematisch erzeugten neuen
Formen der Verwundbarkeit, Schutzlosigkeit und Ausgrenzung entzündet sich eine erneu-
erte „Sozialkritik“. Einen dauerhaften Mobilisierungseffekt und damit politischen Erfolg
kann Boltanski/Chiapello zufolge die neue Sozialkritik – die sie in humanitären Aktionen
und sozialen Bewegungen der 80er und 90er Jahre in Frankreich repräsentiert sehen – nur
erzielen, wenn es ihr gelingt, die neuartigen Formen von Armut und individuellem Leid, die
im Zuge der kapitalistischen Formationen entstanden sind, zu politisieren. Dazu ist es aber
notwendig, das Ausgrenzungsthema, das zu einer „Politik des Gefühls“ gehört, in eine
revidierte, mit der konnexionistischen Welt kompatible Theorie der „Ausbeutung“ zu über-
führen. „Erst eine solche Theorie könnte den ‚Ausgegrenzten’ die Last einer einseitigen,
individuellen Verantwortung bzw. einer unausweichlichen Fatalität abnehmen.“ (Boltanski/
Chiapello 2003: 389)
Eine auf Wirksamkeit bedachte Kritik, so eine Zentraleinsicht der Autoren, muss sich
jedes externen Standorts entschlagen. Sie verzichtet auf die Aura von Revolte und vom
nahen Zeitalter eines Reichs der Freiheit und übt sich stattdessen in der Tugend reformisti-
scher Bescheidenheit, sucht mit den jeweiligen Transformationen des kapitalistischen Sys-
tems auf Tuchfühlung zu bleiben, unablässig Verschiebungen vorzunehmen und neue Waf-
fen zu schmieden. Noch in ihren extremsten Varianten „hat sie stets ‚etwas’ gemeinsam mit
dem, was sie kritisieren will.“ (Ebd.: 84) Diese unhintergehbare Dialektik zwischen Kapita-
lismus und Kritik, zwischen realgesellschaftlichen Transformationen und diskursiven Ver-
schiebungen verurteilt jede mit revolutionärem Pathos vorgetragene Radikalkritik, die dar-
auf zielt, „den Spieltisch umzustürzen“ (Bourdieu), zur politischen Bedeutungs- und Fol-
genlosigkeit.
Auch der dritte Theoriestrang innerhalb der aktuellen Diskursverschiebung der Kapitalis-
muskritik, zentriert um das den Spätschriften Michel Foucaults entlehnte Konzept der
‚Gouvernementalität’, nimmt unter Preisgabe jedes romantischen Rests revolutionärer
Phantasie eine Perspektive radikaler Immanenz gesellschaftlicher Machtverhältnisse ein –
wenn auch unter anderen theoretischen Vorzeichen als bei Boltanski/Chiapello und konse-
quenter durchgehalten als bei Hardt/Negri.
Im Mittelpunkt der theoretischen Neuorientierung Foucaults in den späteren Arbeiten
steht der Begriff des ‚Regierens’. Dieser greift weit über die Sphäre des Staates hinaus und
bezieht sich auf „die Gesamtheit von Prozeduren, Techniken und Methoden, welche die
Lenkung der Menschen untereinander gewährleisten“ (Foucault 1996: 118). Mit dem Kon-
zept der „Regierung“ führt Foucault eine neue Dimension in seine Machtanalyse ein, die es
erlaubt, Machtbeziehungen unter dem Aspekt von „Führung“ zu untersuchen. Die Begriffe
„Regierung“ und „Führung“ vermitteln zwischen Macht und Subjektivität. „Auf diese Wei-
se wird es möglich zu untersuchen, wie Herrschaftstechniken sich mit ‚Technologien des
Selbst’ verknüpfen.“ (Lemke/Krasmann/Bröckling 2000: 8) Foucaults Interesse für Selbst-
technologien in den Spätschriften signalisiert also nicht, wie vielfach angenommen, einen
Abschied von der Machtanalytik, sondern dient der Erweiterung und Verfeinerung seiner
„Mikrophysik der Macht“. Gerade die historisch spezifischen Formen der Artikulation
zwischen Herrschafts- und Selbststechniken – Foucault prägt hierfür den Begriff der Gou-