Table Of Content Barbara Muraca
Gutes Leben jenseits von Wachstum:
eine ethische Perspektive
1 Einleitung: Die Indikatorendebatte – eine alte und immer wieder
neue Geschichte
Die Indikatorendebatte begleitet uns spätestens seit der Selbstver-
pflichtung von über 170 Nationen, den Pfad einer nachhaltigen Ent-
wicklung nach der Rio-Konferenz 1992 einzuschlagen. Seitdem stellt
sich die Frage, wie sich identifizieren lässt, wie nachhaltig eine Na-
tion, eine Region oder eine Kommune sei bzw. welche Schritte hin zu
einer nachhaltigen Entwicklung Jahr für Jahr gemacht worden sind.
Indikatoren bieten eine quantitative Grundlage für die Messung be-
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stimmter für relevant gehaltener Variablen, denen eine Schlüsselbe-
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00
deutung für die Identifizierung von Nachhaltigkeitspfaden beigemes-
22
//
sen wird. Der Rückgriff auf Indikatoren für eine begleitende Evalu- 11
ierung des Erfolgs von politischen Steuerungsmechanismen ist ein tftf
aa
wesentliches politisches Instrument zumindest seit Roosevelts New hh
cc
Deal. Als Reaktion gegen die verheerenden Weltwirtschaftskrise eta- ss
ll
ll
blierte sich auf der Grundlage des sich kurz zuvor etablierten ee
ss
ee
Keynesianismus eine stärkere regulative Rolle des Staates in der
gg
dd
Steuerung einer jeden Volkswirtschaft. Ein Kind dieser Wende ist
nn
auch die Einführung eines allgemeinen Indikators für die Messung der uu
kk
Gesamtwirtschaftsleistung einer Nation: das, was wir heute als hihi
tt
Bruttoinlandsprodukt (BIP) kennen. Das ee
BIP galt lange Zeit als eine zuverlässige
Grundlage für die Bestimmung des
Muraca, Barbara: Dr. phil., Studium der Philosophie in
Steueraufkommens und nicht zuletzt des
Turin, Claremont und Greifswald. 2008, Promotion in
Wohlstands einer Nation, der im engen
Philosophie an der Universität Greifswald. Wissenschaft-
Zusammenhang mit der Steigerung der
liche Mitarbeiterin am DFG-Kolleg »Postwachstums-
Wirtschaftsleistung konzipiert wurde. Wirt-
gesellschaften« der Universität Jena.
schaftswachstum wurde seitdem als BIP-
Wachstum verstanden, wobei mit Wachs-
tum des Bruttoinlandsprodukts immer eine
Wachstumsrate gemeint ist (prozentual
hinsichtlich des vorherigen Jahres und
nicht in absoluten Zahlen). Erst mit der
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Ressourcen- und Umweltkrise der 1970er Jahren wurde das BIP als
Hauptindikator vermehrt in Frage gestellt, nicht nur weil es Umwelt-
zerstörungen nicht adäquat abbildet1, sondern auch weil laut dem
Club of Rome gerade das Diktum des Wirtschaftswachstums der
Haupttreiber der zunehmenden globalen Ressourcen- und Umwelt-
krise sei (Meadows 1973). In einem fast zwanzigjährigen Takt seit der
Veröffentlichung des Berichtes des Club of Rome kristallisierte sich je-
weils eine erneute Welle der Kritik an Wachstum mit unterschied-
lichen Schwerpunktsetzungen und mehr oder weniger erfolgreicher
Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse heraus. Die Rio-
Konferenz 1992 etablierte weltweit Brundlandts Definition einer nach-
haltigen Entwicklung als eine, »that meets the needs of the present
without compromising the ability of future generations to meet their
own needs« (WCED 1987). Für viele gilt diese Definition jedoch als
ein schlechter Kompromiss zwischen den Bedürfnissen einer fort-
währenden wirtschaftlichen Entwicklung und der Berücksichtigung
von ökologischen Grenzen sowie von den Rechten zukünftiger Ge-
nerationen. Im Schatten von Rio wurden von zahlreichen Wissen-
schaftlerInnen und NGOs komplexe Nachhaltigkeitsindikatorenpa-
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1
letten bzw. Nachhaltigkeitsdashboards bis hin zu wahrhaften BIP-Al- 0
2
ternativen entwickelt (ISEW, GPI, (Diefenbacher et al. 2004; Muraca/ /
1
Melis 2005c). Beim ISEW (Index of Sustainable Economic Welfare)
t
f
zum Beispiel, der von Daly zusammen mit dem Prozesstheologen a
h
John Cobb als alternativer Wohlfahrtmessungsindikator entwickelt c
s
l
wurde, werden defensive Kosten und die Entwertung von Naturkapital l
e
s
vom BIP abgezogen, während nicht marktförmige Dienstleistungen in-
e
g
klusive Hausarbeit addiert werden (Daly/ Cobb 1994).
d
n
Länder wie Deutschland haben einerseits eine Nachhaltigkeitsstrate-
u
k
gie verabschiedet, die auf der Grundlage verschiedener Indikatoren
i
h
regelmäßig in einem Nachhaltigkeitsbericht überprüft wird. Anderer- t
e
seits verlaufen aber diese Indikatoren parallel und nicht alternativ zum
BIP und haben an der Grundorientierung am Wirtschaftswachstum
nichts geändert. So wird auch der Fokus der in diesem Jahr erneut in
Rio geplanten Rio+20-Konferenz auf ›Green Economy‹ bzw. Grünes
Wachstum gelegt, während die OECD ebenfalls sich Grünem Wachs-
tum als Hauptstrategie für die kommenden Jahre verpflichtet hat.
(1) Defensive Kosten, i.e. die Ausgaben für die Wiedergutmachung von Umwelt- und Ge-
sundheitsschäden werden positiv ins BIP eingerechnet; qualitative Unterscheidungen und
Verteilungsmuster sind aufgrund der aggregativen Struktur von BIP bzw. der bloß sta-
tistischen Berechnung von BIP pro Kopf ebenfalls nicht identifizierbar.
3
Zwanzig Jahren nach Rio macht sich wieder eine weltweite wachs-
tumskritische Bewegung bemerkbar, die auf die Inkompatibilität
zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum aufmerksam macht, sowohl
aus der Perspektive der ökologischen Grenzen von Wachstum als
auch bezüglich der sozialen Konsequenzen einer am fortwährenden
Wachstum orientierten Wirtschaftsweise. Die zumindest in Südeuropa
schon seit Anfang der 2000er Jahre aktive ›Degrowth‹-Bewegung for-
dert im Namen des guten Lebens für heute lebende und zukünftige
Generationen und des Wohles des Planeten eine Abkehr von der
Wachstumsideologie, in der die modernen westlichen Gesellschaften
verfangen seien. Ihre Kritik richtet sich sowohl gegen die Zugrun-
delegung des BIP-Indikators und dessen Wachstum als Maßstab für
Wohlstand als auch gegen die darauf basierende symbolisch-kul-
turelle Wirksamkeit der Wachstumslogik, die als fetischistische Stei-
gerungslogik nicht nur die Sphäre der Produktion sondern nahezu alle
Lebensdimensionen in unserer Gesellschaft infiziert hat (Muraca/
Egan-Krieger 2011).
Aus allen diesen Gründen lässt sich in verschiedenen Ländern Euro-
pas die politische Bemühung beobachten, sich kritisch mit der Mess-
2
1
größe Bruttoinlandsprodukt zu beschäftigen und nach alternativen
0
2
bzw. ergänzenden Indikatoren zum BIP zu suchen, die nicht nur öko- /
1
logische Aspekte, sondern auch Fragen des guten Lebens bzw. des
t
f
subjektiven Glücks berücksichtigen (u.a. Großbritannien: Forschung a
h
zu Glücksindikatoren (GB Office for National Statistics 2011); Frank- c
s
reich: (Stiglitz, Sen et al. 2010); Deutschland: Enquete-Kommission ll
e
s
»Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität«).
e
g
Die Auseinandersetzung mit Wohlstands- oder Wohlfahrtsindikatoren
d
n
verläuft allerdings bisher zumindest in Deutschland ohne Einbe-
u
ziehung einer ethischen Expertise. In der Enquete-Kommission finden k
i
h
sich keine Sachverständige, die aus einer ethischen Perspektive bri- t
e
sante Diskussionen über Fragen des guten Lebens, der intra- und in-
tergenerationellen Gerechtigkeit und der Wohlstandsindikatoren be-
gleiten. Zahlreiche flankierende Studien beziehen sich zwar auf den
europäischen Vergleich, verzichten aber auf grundlegende Diskus-
sionen darüber, wie überhaupt ein ›gutes Leben‹ zu verstehen sei und
welche gerechtigkeitsrelevanten Aspekte auf der Suche nach alterna-
tiven Indikatoren tangiert werden. Darüber hinaus lässt sich eine stei-
gende Faszination für subjektive Glücksindikatoren als Alternativen
zum BIP in ganz Europa feststellen. In einer Studie zur Darstellung
verschiedener alternativer Indikatoren zur Vermessung von Fortschritt
und Wohlergehen im Auftrag der Ebert-Stiftung schreibt Kroll bezüg-
lich subjektiver Glücksindikatoren, dass sie »die Auswahl und
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Gewichtung der Faktoren, die beim Befragten zur Bewertung seiner
persönlichen Lebenszufriedenheit bedeutsam sind, dem Bürger
selbst« überlassen (Kroll 2011a, 23) und daher »das demokratischere
Mittel (eher bottom up als top down)« sind. Es handelt sich jedoch um
eine statistische Befragung, ein ›Survey‹, die hier stillschweigend und
ohne weitere Begründung als Modell demokratischer Verhandlungs-
und Entscheidungsprozesse präsentiert wird: sie sei jedenfalls demo-
kratischer als ›objektive‹ Studien über Grundbedingungen für ein gu-
tes Leben, weil hier wenigstens die Meinung der Befragten zähle.
Dass es sich um eine gefährliche Verwechslung zwischen delibera-
tiven Teilhabeprozessen und asymmetrischen empirischen Unter-
suchungen handelt, scheint dem Autor nicht aufzufallen: wissen-
schaftstheoretisch voraussetzungsreiche statistische Befragungen,
egal wie subjektiv die dort zusammengefassten Meinungen sind,
folgen ganz anderen Kriterien als demokratische Entscheidungspro-
zesse, u.a. weil der Kommunikationsrahmen (inklusive der vermeint-
lich freien Entscheidung des Befragten) und Differenzierungspotential
durch das Befragungskorsett festgelegt und nicht verhandelbar sind.
Subjektiv wahrgenommenes Glück ist außerdem nicht ausschlag-
2
1
gebend für gerechtigkeitsrelevante politische Entscheidungen, wie im
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2
Folgenden erläutert wird. Triftig hat Castoriadis in einem kritischen /
1
Kommentar zu Rortys Behauptung, Glück sei das Ziel politischer
t
f
Maßnahmen, dies in aller Deutlichkeit abgelehnt: vielmehr sei Freiheit a
h
Gegenstand und Ziel von Politik, wobei er nicht nur negative (formale) c
s
Freiheit, sondern auch substantielle Freiheit damit meinte: ll
e
s
If indeed the aim of politics were to make people happy, it e
g
would suffice to vote laws declaring universal happiness d
n
through something or other, John Cage’s music, the u
k
repeated reading of the Upanishads, some sexual practice i
h
(…) But all that pertains to the private sphere, to intimacy, t
e
and it is perfectly illegitimate to deal with that in the agora,
the public/private sphere, and more still in the ekklesia,
the public/public sphere. That would be a perfect total-
itarian position. (...) The object of politics is not happiness;
the object of politics is freedom (Castoriadis 2010, 74).
Im Folgenden werde ich diesen Aspekt mithilfe des Fähigkeiten-
ansatzes erläutern.
In einer weiteren Studie behauptet außerdem Kroll, dass durch »den
Fokus auf nachvollziehbare und akzeptierte Messgrößen als Grad-
messer für politisches Handeln (...) die Debatte wieder entscheidend
versachlicht« werde (Kroll 2011, 3). Indikatorenpaletten werden
folglich als Grundlage für ›evidenzbasierte‹ Politikmaßnahmen prä-
5
sentiert. Es besteht hier ebenfalls die Gefahr, Indikatoren alleine
sprechen lassen zu wollen, als könnten sie objektive Tatsachen ver-
mitteln. Indikatoren sind aber – wie der Name sagt – Indices, Zeichen
für Größen, deren Messung für politisch bzw. gesellschaftlich relevant
gehalten wird. Die durch die Indikatoren vermeintlich vermittelte Sach-
lichkeit beruht auf einer Relevanzzuschreibung, die eine normativ
mehr oder minder explizierte, politisch begründete Entscheidung ist.
Was gemessen werden soll und warum ist nicht selbstevident und
bedarf daher einer normativen bzw. politischen Rechtfertigung. Es ist
daher von großer Bedeutung, sich mit ethischen Aspekten des
Wachstums- und Nachhaltigkeitsdiskurses an dieser Stelle zu be-
schäftigen.
2 Wachstum und Wachstumskritik
In den westlichen Industrieländern stellen wir fest, dass die Wirtschaft
entweder nicht mehr längerfristig wächst2 oder – wenn überhaupt –
auch für die Zukunft nur mit niedrigen Wachstumsraten zu rechnen
ist. Da das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bisher als eine der 22
11
wesentlichen Indikatoren für die ›Gesundheit‹ einer Volkswirtschaft 00
22
und ferner als fundamentale Grundbedingung für Wohlstandssicher- //11
ung, politische Stabilität, Armutsbekämpfung, hohe Beschäftigungs- tt
ff
aa
zahlen und sogar für Investitionen in grüne Technologien galt, hat hh
cc
diese Feststellung zu großer Besorgnis und politischer Hilflosigkeit ss
ll
ll
geführt. Politiker reagieren in verschiedenen EU-Ländern einerseits ee
ss
mit verzweifelten Wachstumsbeschleunigungsgesetzen, andererseits ee
gg
tasten sie sich mühsam an alternative Pfade heran, die politische dd
nn
Handlungsfähigkeit jenseits von Katastrophismus ermöglichen. Neben uu
kk
Studien und Kommissionen über alternative Wohlfahrtsmessungen ii
hh
tt
bzw. Anpassungen des BIPs orientiert sich die Politik der OECD- ee
Länder verstärkt an einem anderen ›Wachstum‹, sei es nachhaltig,
grün oder qualitativ.
WachstumskritikerInnen weisen dagegen daraufhin, dass gerade das
Wachstumsdiktat sowohl auf regionaler, nationaler und globaler
Ebene als auch bezogen auf die Gerechtigkeit gegenüber zukünftigen
Generationen an der Wurzel sozialer Ungerechtigkeit liegt. Die Krise
der an Wachstum orientierten Wirtschaft und Gesellschaftsstruktur wird
(2) Der jetzige Aufschwung der deutschen Wirtschaft, aufgrund dessen wieder eins wenn
auch minimalen Wachstum des BIPs verzeichnet werden konnte, hat gerade mal das Niveau
von vor der Krise erreicht. Längerfristige hohe Wachstumsraten scheinen für die westlichen
Industrienationen nicht mehr als ein realistisches Ziel zu sein.
6
demnach als eine Chance für mehr soziale Gerechtigkeit wahrge-
nommen, nach dem Motto: Die Schrumpfung der Ökonomie steht uns
bevor – entweder gestalten wir den Wandel gemäß Prinzipien inter-
generationeller und globaler Verteilungsgerechtigkeit sowie alterna-
tiver Vorstellungen eines ›guten Lebens‹ oder wir werden mit den un-
erwünschten Folgen einer Stagnation konfrontiert (Latouche 2007).
In diesem komplexen Diskurs treffen deskriptive, funktionale und nor-
mative Perspektiven unvermeidlich aufeinander: Wachstum wird zeit-
diagnostisch als ein, wenn nicht der fundamentale Faktor für die dyna-
mische Stabilisierung moderner (kapitalistischer) Gesellschaften und
daher auch als die Grundlage für den sozialen Frieden und die gesell-
schaftliche Reproduktion identifiziert. Wir stehen allerdings vor funk-
tionalen Einschränkungen eines fortwährenden Wachstums wie wir es
kennen (aufgrund von absoluten ökologischen Grenzen bzw. abso-
luten Knappheiten) oder vor normativen Unvereinbarkeiten (Umwelt-
gerechtigkeit, globale Umweltkonflikte, intergenerationelle Gerechtig-
keit), zumal das an Wachstum gekoppelte Versprechen einer stetigen
Steigerung von Lebensqualität auch nicht mehr in Erfüllung zu gehen
scheint. Auf der anderen Seite wird die Abkehr vom Wachstum je
2
1
nachdem als ein unvermeidbares Schicksal, was als Katastrophe oder
0
2
als Transformationschance gedeutet wird, oder wiederum als eine /
1
normativ gebotene Zielsetzung im Sinne der Nachhaltigkeit gesetzt.
t
f
Tim Jackson fasst das Dilemma wie folgt zusammen: Wachstum ist a
h
jedenfalls unter den jetzigen Bedingungen nicht nachhaltig (un- c
s
sustainable), während Schrumpfung (degrowth) ebenfalls unter jet- ll
e
s
zigen Bedingungen nicht stabil ist (unstable). Das Ziel sei demnach,
e
g
entweder Wachstum nachhaltig zu machen oder aber degrowth zu
d
n
stabilisieren.
u
Was an der jetzigen internationalen Wachstumsdiskussion negativ k
i
h
auffällt ist jedoch, dass die Auseinandersetzung stark von der funktio- t
e
nalen bzw. technischen Seite geführt wird, während die ethische
Perspektive mit wenigen Ausnahmen vernachlässigt wird (Ott 2012,
Muraca 2012). Aufgrund der Verflochtenheit normativer und funktio-
naler Aspekte ist jedoch eine ethische Betrachtung unentbehrlich.
Der aktuelle Wachstumsdiskurs lässt sich entlang von vier Leitfragen
darstellen (Muraca 2009):
Ist Wachstum überhaupt unter den biophysischen Bedingung-
en des Planeten möglich – also können wir (noch) wachsen?
Ist Wachstum moralisch zu rechtfertigen – also dürfen wir
wachsen? Welche Gerechtigkeitsfragen sowohl für die heute le-
benden als auch für künftige Generationen stellen sich auf dem
Weg zu einer Postwachstumsgesellschaft?
7
Ist Wachstum als ökonomische und gesellschaftliche Zielset-
zung überhaupt sinnvoll und klug? Selbst wenn Wachstum mög-
lich und moralisch zu rechtfertigen wäre, ist es ethisch akzep-
tabel? Steht es aus der Perspektive der praktischen Vernunft im
Einklang mit unseren Vorstellungen eines »guten Lebens«?
Oder, anders gefragt: wollen wir überhaupt noch wachsen?
Wer ist wir? Wer hat das Sagen in dem wachstumskritischen
Diskurs? Welche sind die relevanten Akteure? Wer ist ausge-
schlossen?
Ich werde mich in diesem Text vor allem auf die zweite und dritte
Frage konzentrieren, da sie für die ethische Perspektive ausschlag-
gebend sind.
3 Ist Wachstum möglich – können wir (noch) wachsen und wie?
Schon in den 1970er Jahren hat sich Herman Daly, der als Schlüssel-
denker der Nachhaltigkeitsdiskussion gilt, mit Fragen der »bio-
physischen Grenzen« von wirtschaftlichem Wachstum beschäftigt
2
(Daly 1973, 31). Ihm zufolge soll die geltende »ökonomische Norm«,
1
0
die auf die quantitative Ausdehnung menschlicher Produktion abzielt, 2
/
durch das Ziel einer »qualitativen Verbesserung« ersetzt werden. 1
Durch eine begriffliche Unterscheidung zwischen physischem Wachs- tf
a
tum einerseits und Entwicklung andererseits will Daly darauf aufmerk- h
c
sam machen, dass der Fortschritt menschlicher Gesellschaften ana- s
l
l
e
log zu den Entwicklungsstadien eines jeden menschlichen Individu-
s
e
ums von einer Anfangsphase schnellen physischen Wachstums zu
g
d
einer Phase fortschreitender geistiger Entwicklung kommt, bei der
n
u
sich zusätzliches physisches Wachstum eher destabilisierend aus-
k
i
wirkt und kontraproduktiv ist (Muraca 2009). Die Chance einer sol- h
t
chen qualitativen Verbesserung sieht Daly eben in dem normativen e
Ziel einer nachhaltigen Entwicklung, i.e. eine Entwicklung, die anders
als (materielles) Wachstum innerhalb der biophysischen Grenzen des
Planeten ›getragen‹ (sustained) werden kann. Dies bedarf für Daly
einer strikten Einhaltung der Bedingungen von Entmaterialisierung
und Bevölkerungskontrolle.
Das Konzept starker Nachhaltigkeit in der Formulierung von Daly ist
nur dann inkompatibel mit wirtschaftlichem Wachstum, wenn dieses
eine zunehmende Inanspruchnahme der Ressourcen- und Senken-
funktion von Ökosystemen in unserer ohnehin bereits ›vollen‹ Welt
impliziert. Auch für Daly gelten nicht nur funktionale Gründe für eine
Abkehr von (materiellem) Wachstum, sondern auch und vor allem
normative Gebote inklusive einer moralischen Verpflichtung ge-
8
genüber nicht-menschlichen Naturentitäten und -prozessen. Wachs-
tum ist mit anderen Worten nur dann möglich (bzw. normativ legi-
timierbar), wenn es nachhaltig ist. Die zentrale Frage wird somit auf
die theoretische Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Nach-
haltigkeit verschoben und mit der Möglichkeit eines Ent- oder De-
materialisierungspfades wirtschaftlicher Wertschöpfung gekoppelt.
Viele VertereterInnen der südeuropäischen wachstumskritischen Be-
wegung kritisieren dagegen den Begriff ›nachhaltige Entwicklung‹ als
ein Oxymoron, da wirtschaftliche Entwicklung unter den Vorausset-
zungen des jetzigen ökonomischen Mainstreams bzw. der geltenden
Stabilisierungsbedingungen spätkapitalistischer Gesellschaften per se
Wachstum impliziere; demnach könne Entwicklung gar nicht ›nach-
haltig‹ sein ohne eine radikale Veränderung der Bedingungen gesell-
schaftlicher Reproduktion (Latouche 2007).
Darüber, dass materielles Wachstum, wie es bisher der Fall war, nicht
mehr möglich ist, sind sich alle einig, bis auf wenige eher unglaub-
würdige Klimaskeptiker. Die ökologischen Grenzen des Wachstums
führen zu unmittelbaren Konsequenzen für die Reproduzierbarkeit
wirtschaftlicher Prozesse. Wachstum sei aber vielmehr – so einige
2
1
neoklassische Ökonomen wie Paqué – eine Frage der monetären
0
2
Wertschöpfung und daher nicht automatisch mit einer Steigerung ma-
/
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terieller Beanspruchung natürlicher Ressourcen und Senken verbun-
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f
den (Paqué 2010). Durch technologische Entwicklung ließe sich Res- a
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sourcenproduktivität steigern, Substitute für knappe Ressourcen auf- c
s
spüren und Lösungen für eine Ausweitung der Tragekapazität der ll
e
Senken finden (Geo-Engineering-Projekte). Die OECD hat letztes s
e
g
Jahr eine neue gemeinsame Strategie für alle OECD-Länder unter
d
dem Mantel des grünen Wachstums lanciert: n
u
k
Green growth means fostering economic growth and
i
h
development while ensuring that natural assets continue t
e
to provide the resources and environmental services on
which our well-being relies (OECD 2011, 9).
Stillschweigende normative Annahme dieser Strategie ist, dass
Wachstum eine unverzichtbare Bedingung für Wohlstand, ja sogar ein
wesentliches Recht (vor allem für die Länder des globalen Südens)
sei. Grünes Wachstum wird als nachhaltig und somit als Lösungspfad
aus der ökologischen Krise propagiert.
Ist aber grünes Wachstum möglich und wenn ja unter welchen
Bedingungen?
9
3.1 Flow-Funds-Theorie: Wachstum als Steigerungs- und Intensi-
vierungslogik
Zweifel gegen ein naives Vertrauen in Entmaterialisierung und
technischen Fortschritt als Ausweg aus der ökologischen Krise lassen
sich mit Bezug auf Investitionslogik, Konsumverhalten und Produk-
tionsprozesse formulieren.
Auf der Seite des Konsumverhaltens von Individuen wird der tech-
nische Vorteil in Abwesenheit von regulatorischen Maßnahmen
wieder zunichte gemacht: In der Ökonomie ist dieses Phänomen als
Rebound-Effekt bekannt: wenn die Kosten bestimmter Produkte und
Dienstleistungen aufgrund technologischer Verbesserung sinken,
führt dies zu einer intensiveren Inanspruchnahme (wenn ein effi-
zienteres Auto weniger Benzin verbraucht, kann man größere Ent-
fernungen fahren) oder einer Parallelnutzung (der alte noch funktio-
nierende Kühlschrank kommt in den Keller) bzw. kann wiederum das
ersparte Geld für andere Zwecke (z.B. Fernurlaub) verwendet wer-
den. Während die relative Ressourcenproduktivität (pro Einheit) in der
Tat steigt, lässt sich keine Reduzierung des Impaktes auf Ressourcen 2
1
und Senken in absoluten Termini beobachten, weil entsprechend 0
2
auch die Gesamtzahl von Produkten zunimmt. Dieses Phänomen be- /1
trifft nicht nur das individuelle Konsumentenverhalten: auch für die t
f
a
Produzenten müssen die Kosten technologischer Investitionen durch h
c
einen höheren Marktabsatz gedeckt werden. Darüber hinaus kann s
l
l
man von »macroscopic rebound effects« reden, wenn technische Ver- e
s
besserungen generell zu einer Senkung der monetären, ökono- e
g
mischen, zeitlichen, sozialen, physischen, räumlichen und institutio- d
n
nellen Nutzungseinschränkungen von Ressourcen führen und daher u
k
ihre intensivere Inanspruchnahme begünstigen (Schneider 2008,29). i
h
t
Demnach sei es nahe liegend, dass »even Growth of an immaterial e
economy has the potential of a reallocation to the material economy«
(ebenda). Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die spanische Immobilien-
blase, in der ›immaterielles‹ Finanzkapital nach Investitionsmärkten
suchte. Es lässt sich laut Schneider vermuten, dass eben diese Real-
lokation kein unerwünschter Nebeneffekt, sondern eine grundlegende
Bedingung wirtschaftlichen Wachstums sei: Das Kredit- und Zins-
system, welches Grundbedingung für die Finanzierung von techno-
logischen Innovationen ist, führt zu einer wachstumstreibenden Stei-
gerungslogik.
Inwieweit eine radikale Verschiebung wirtschaftlicher Wertschöpfung
auf den Dienstleistungssektor eine Entmaterialisierung der Ökonomie
mit sich bringen würde, ist ebenfalls eine umstrittene Frage: die ener-
10
getische und stoffliche Bilanz der ITK-Branchen ist deutlich negativ
(Verbrauch von Großservern, Nutzung von seltenen Erden) und
gerade technologische Innovationen sind für die zunehmende Kurz-
lebigkeit der Produkte verantwortlich. So genannte personenbe-
zogene Dienstleistungen (Pflege, Erziehung) mögen vielleicht einen
geringeren ökologischen Fußabdruck haben, wobei selbst hier alle
Elemente berücksichtigt werden müssten. Ein ökonomisches Wachs-
tum, das durch personenbezogene Dienstleistungen getrieben wird,
wäre vielleicht möglich. Die Frage ist, ob in diesem Fall tatsächlich
von einer steigenden Wachstumsrate die Rede sein kann, bei der die
an Wachstum gekoppelten Versprechen gehalten werden können.
Was die stoffliche und energetische Basis von Produktionsprozessen
angeht, lassen sich laut dem rumänischen Ökonomen, Nicholas
Goergescu-Roegen, der als Vater der ökologischen Ökonomik gilt, bei
jedem ökonomischen Prozess3 zwei Arten von Faktoren unter-
scheiden, die wesentlich für die Durchführung und Reproduzierbarkeit
(Wiederholbarkeit) desselben sind: so genannte Fondsfaktoren und
Strom- oder Flussfaktoren (Georgescu-Roegen 1971):
Fondsfaktoren sind die kreativen Produktionsagenten, da sie den
2
1
Strom natürlicher Ressourcen in wertvolle Produkte verwandeln.
0
2
Fondsfaktoren müssen in einer konstanten spezifischen Effizienz /
1
erhalten werden, damit sie ihre Leistungen (services) erbringen kön-
t
f
nen. D.h. sie müssen immer wieder imstande sein, diese Leistungen a
h
erbringen zu können. Nehmen wir das Beispiel des Pizzabackens, c
s
sind z.B. die Tomaten, die im Prozess verwandelt und am Ende kon- ll
e
s
sumiert werden, Stromfaktoren, während der Backofen und die aktive
e
g
Zubereitung des Bäckers Fondsfaktoren sind (sie müssen imstande
d
n
sein, weitere Pizzen backen zu können und werden nicht im Prozess
u
stofflich abgenutzt: wenn der Finger des Kochs auf der Pizza landet, k
i
h
t
e
(3) Ein ökonomischer Prozess ist für Georgescu-Roegen ein kreativer (produktiver)
Verwandlungsprozess, durch den Menschen sich weiterentwickeln und Komplexität schöp-
fen, um ihr Leben zu verbessern. Analog zu biologischen Prozessen setzen ökonomische
Prozesse qualitativ hochwertige Energie aus dem Umfeld für das Hervorbringen und das
Erhalten größtmöglicher Komplexität ein, ohne dabei in einen Zustand der entropischen
Unordnung zu fallen (Muraca 2010). Lebewesen ›ernähren sich‹ (feed on) von der niedrigen
Entropie des Umfeldes und geben wiederum hohe Entropie an das Umfeld ab. Ökonomische
Prozesse sind eine kreative Erweiterung der endosomatischen (innerkörperlichen) Evolution
von Organismen, die die Menschen ein Stück weit von ihrer biologischen Abhängigkeit
befreit hat (Georgescu-Roegen1977a, 363ff.). Das Ziel der ökonomischen und techno-
logischen Entwicklung sei demnach die Sicherung und Erhöhung der Lebensqualität
(enjoyment of life) von Menschen (Georgescu-Roegen 1971, 18). Gerade wegen ihrer
kreativen und evolutorischen Komponente verbrauchen ökonomische Prozesse aber umso
mehr die niedrige Entropie (die qualitativ hochwertige Energie) des Umfeldes.
Description:In den westlichen Industrieländern stellen wir fest, dass die Wirtschaft entweder nicht mehr (2) Der jetzige Aufschwung der deutschen Wirtschaft, aufgrund dessen wieder eins wenn auch minimalen Castoriadis, Cornelius (2010): A society adrift: interviews and de- bates, 1974-1997, New York: