Table Of ContentMICHAEL STADLER
Gestalttheorie
und dialektischer Materialismus
[Sonderausgabe aus: S. Erle/, L. Kemmler, M. Stad/er (Hrsg.),
Gestalttheorie in der modernen Psychologie}
Mit 4 Abbildungen und 1 Tabelle
Springer-Verlag Berlin Heidelberg 197 5
ISBN 978-3-7985-0436-3 ISBN 978-3-662-41449-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-41449-1
Gestalttheorie und dialektischer Materialismus1>
Michael Stad/er
Mit 4 Abbildungen und 1 Tabelle
"Es gibt nichts, was ,in der
Praxis falsch' und trotzdem
,in der Theorie richtig'
sein könnte"
Metzger (1954)
Problemstellung
Sucht man nach den treibenden Kräften, die den Fortschritt der Wissenschaft
Psychologie in diesem Jahrhundert bewirkt haben, so wird man zunächst im
Rahmen der zunehmenden Vergesellschaftung der Wissenschaft in der Entwick
lung der Sozialwissenschaft Psychologie zur unmittelbaren Produktivkraft die
determinierende Kraft sehen. Jedoch ist dieser Fortschritt auch aus einem inne
ren Widerspruch der Wissenschaft Psychologie selbst heraus zu erklären, indem
es nämlich bei ihrem übergang von der ideologischen zur Kontrollfunktion auf
grund des "interhistorisch" gesehen unterschiedlich weit fortgeschrittenen Ent
wicklungsstadiums des Kapitalismus in den USA und in Europa zu Beginn die
ses Jahrhunderts zur Ausbildung verschiedener sich stark bekämpfender psycho
logischer Schulen gekommen ist (vgl. AK Wissenschaftspsychologie 1975). Der
Widerspruch zwischen der in Deutschland entstandenen Gestalttheorie und dem
friihen amerikanischen Behaviorismus kann wissenschaftsimmanent als Kampf
zwischen einer idealistischen und einer materialistischen Grundlegung der Psycho
logie beschrieben werden. Daß der Begriff des Kampfes hier durchaus angemessen
ist, läßt sich an der Pointiertheit und Polemik der Formulierungen beider Rich
tungen in den 20er Jahren ablesen. Gestalttheorie und Behaviorismus hatten we
der in ihren erkenntnistheoretischen Grundpositionen noch in ihren Methoden
oder ihrem Gegenstand (den bevorzugten Arbeitsgebieten) viel gemein. Während
die Gestalttheorie die phänomenale Welt als einzigen der Wissenschaft zugäng
lichen Seinsbereich ansah, schloß der Behaviorismus, in der Beschränkung seiner
Forschungsperspektive auf das Verhalten, das Bewußtsein und alle mentalistischen
Begriffe aus seinen wissenschaftlichen Fragestellungen aus. Während erstere dem
entsprechend der phänomenologischen Methode den Vorrang gab, beschränkte
sich letzterer auf objektive Beobachtung und Messung des Verhaltens bzw. der
Körperfunktionen. Waren die Hauptforschungsbereiche der Gestalttheorie Wahr
nehmung und Denken, so untersuchten die Behavioristen fast ausschließlich
Lernen und Verhalten. Kurz, man könnte von der Entwicklung zweier verschie
dener Wissenschaften sprechen, wenn nicht mit der Zeit - beginnend in den
40er Jahren - die beiden Schulen zunehmend ineinander diffundiert wären.
Dies jedoch nicht, weil etwa die bestehenden Widersprüche gelöst worden wären,
1) Für kritische Hinweise danke ich H. Berwald, S. Ertel, P. Keiler, W. Metzger,
G. van Nuland und A. Raeithel.
sondern weil die Grundpositionen weniger explizit ausformuliert und eingehal
ten wurden, weil das Methodeninventar und die Gegenstandsbereiche der jeweils
anderen Schule im Sinne von totalisierenden Bemühungen beider Seiten mit auf
genommen wurden. So entwickelte sich der Behaviorismus zum ,,subjektiven"
Behaviorismus weiter (Miller, Galanter und Pribram 1960) und die großen kog
nitivistischen Ansätze in den USA, die sich von der Gestalttheorie herleiten,
übernahmen z. T. das behavioristische Verstärkungsprinzip (s. etwa Feldman
1966). Neben dem Modell der Widerspruchslösung durch gegenseitige Konver
genz unter Aufgabe grundsätzlicher Positionen, gab es wohl bei der großen
Mehrzahl der Forscher Konfliktlösungen im Sinne des Lewinsehen Aversions
Aversionskonfliktes: man ging aus dem Felde, indem man nur noch Theorien
bestenfalls mittlerer, meist aber kleinster Reichweite, die häufig mit den Hypo
thesen identisch waren, entwarf und davon seine empirischen Ansätze ableitete.
Dies führte nach dem zweiten Weltkrieg zu einer sehr starken Desintegration
psychologischer Forschungsergebnisse und zu Zerfalltendenzen der Psychologie
als einheitlicher Wissenschaft (vgl. Holzkamp 1972). ·
Demgegenüber versteht sich die Psychologie auf der Grundlage des dialekti
schen und historischen Materialismus, wie sie heute vorwiegend in der UdSSR
(Rubinstein, Wygotsky, Leontjev, Galperin, Lomov, Luria) und der DDR
(Hacker, Hiebsch, Klix, Schmidt} vertreten wird unter anderem als dialektische
Aufhebung des Widerspruchs zwischen Gestalttheorie und Behaviorismus und
damit als qualitativ neue Psychologie (vgl. Lomov 1971). In diesem dialekti
schen Prozeß ist die Gestalttheorie (sowie auch der Behaviorismus) nicht nur
überwunden, sondern auch gleichzeitig in ihrem rationalen Kern aufgehoben
und weiterentwickelt worden (worauf auch Klix in diesem Bank hinweist).
Das qualitativ Neue dieser Psychologie ist ihre Begründung durch das vereinheit·
liehende Prinzip der Tätigkeit (s. u.).
Es geht in diesem Beitrag darum, den rationalen Kern der Gestalttheorie im
Vergleich mit der materialistischen Psychologie (hier kurz für: Psychologie auf
der Grundlage des dialektischen und historischen Materialismus, s. o.) heraus
zuarbeiten und davon Möglichkeiten der konkreten Weiterentwicklung der Psy
chologie abzuleiten.
Die Notwendigkeit eines solchen Vergleichs ergibt sich nicht zuletzt daraus,
daß sowjetische Autoren in ihren erkenntnistheoretischen und wahrnehmungs
psychologischen Schriften die Auseinandersetzung mit der Gestalttheorie zu.
meist bei dem kurzen Hinweis bewenden lassen, daß deren Fehler in der materia
listischen Psychologie überwunden seien (Rubinstein 1962, 16; Lomow 1971,
175; Luria 1973, 229). Lediglich in Pawlows Mittwochskolloquien von 1934
(Pawlow 1953, 417 ff) und bei Leontjew (1973, 150 ff) finden wir eine
kritische Auseinandersetzung mit Köhlers Affenversuchen von 191 7. Noch zurück
haltender ist die theoretische Auseinandersetzung mit der materialistischen Psy
chologie von seiten der Gestalttheorie. In ihren grundlegenden erkenntnistheore
tischen Arbeiten erwähnen weder Metzger (1954) noch Bischof (1966 a) die
Widerspiegelungstheorie Lenins (1908) und ihre Weiterentwicklung zur Rahmen
theorie der Psychologie durch Rubinstein, Galperin und Leontjew mit einem
Wort. Lediglich Keiler (1972) hat neuerdings Aspekte der Feldtheorie Köhlers
mit Sichtweisen der dialektisch-materialistischen Auffassungen vom psycho
physischen Problem in Verbindung gebracht.
Das Ausbleiben einer Auseinandersetzung zwischen Gestalttheorie und materia-
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listischer Psychologie ist umso erstaunlicher, als sich manche theoretischen Grund
sätze der Gestalttheorie lesen, als seien sie einem Lehrbuch der Dialektik ent
nommen: so etwa die Ganzbestimmtheit der Teile und Stellen eines Ganzen bei
Metzger (1954, 75):
"Bei der Einführung in ein Ganzes, beim Verlassen und Wechseln des Ganzen
können auch die einzelnen Teile und Teilbestimmungen selbst echte Änderungen
erleiden; ändert man ein Teil oder eine Stelle oder eine Eigenschaft eines Gan
zen, so können dadurch grundsätzlich auch alle anderen, nicht unmittelbar be
troffenen Teile oder Stellen oder Eigenschaften des Ganzen geändert werden ..."
Einer solchen Eigenschaftsbeschreibung wird die methodische Forderung der
Allseitigkeit der Analyse der Zusammenhänge der materialistischen Dialektik
gerecht (AK Wissenschaftspsychologie 1975):
"die Analyse darf nicht nur eine Seite der Erscheinung herausgreifen, sondern
muß diese nach allen Seiten hin analysieren. Die dialektische Analyse muß das
einheitliche Ganze in gegensätzliche Bestandteile aufspalten, das Wesen dieser
Bestandteile und deren Wechselbeziehungen untereinander untersuchen, um so
über die Erkenntnis des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen zu kommen."
Und Gropp (1971, 87):
"Ein und dieselbe Erscheinung nimmt unter verschiedenen historischen Um
ständen und Bedingungen vielfach eine grundverschiedene Bedeutung an. In der
gesellschaftlichen Praxis ist es von größtem Wert, bei der Analyse der Erscheinun
gen jeweils die Seite herauszufinden, die in der bestimmten Situation eine zen
trale Bedeutung erlangt hat und von der alles andere abhängt."
Ist nicht überhaupt der klassische Satz der Gestalttheorie "das Ganze ist mehr
als die Summe seiner Teile", der flir die rein sprachlogische Methode des Posi
tivisten sinnlos bleiben muß (Nagel 1968), eine andere Formulierung des dialek
tischen Prinzips vom Zusammenhang? Dialektische Formulierungen finden wir
bei den Gestalttheoretikern und ihren Nachfolgern in theoretischen Ansätzen
vieler Teilgebiete der Psychologie: Im Bereich der Wahrnehmungslehre (von
Allesch 1931; Pribram 1975) und der Denkpsychologie (Duncker 1935), der
Motivationslehre (Lewin 1926) und der Sozialpsychologie (hier z. B. Festingers
Theorie der "kognitiven Dissonanz," 1957). ·
Die Kritik der Gestalttheorie aus der Position des dialektischen Materialismus
kann auf zwei Ebenen geübt werden: A~f der erkenntnistheoretischen Ebene
des Verhältnisses von Idealismus und Materialismus und auf der inhaltlichen
Ebene in der Frage, inwieweit die Gestalttheorie dialektische Modelle in ihrer
Theoriebildung entwickelt hat.
Im folgenden soll versucht werden, anhand von Beispielen aus dem Bereich
der Wahrnehmung und der Entwicklungs- und Motivationslehre Obereinstimmun
gen und Widersprüche zwischen theoretischen Ansätzen der Gestalttheorie und
der materialistischen Psychologie aufzuzeigen.
Idealismus vs. Materialismus
Der Gestalttheorie wird von seiten materialistischer Psychologen häufig der
Vorwurf gemacht, sie sei eine idealistische Konzeption. Besonders drastisch
äußert sich in dieser Richtung Pawlow 1934 (1953, 407 ff). Der Vorwurf
wird zumeist damit begründet, daß die Gestalttheorie versuche, von Gesetz
mäßigkeiten auf der Bewußtseinsebene, auf entsprechende Gesetzmäßigkeiten
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im neurophysiologischen, d. h. materiellen Bereich zu schließen, bzw. die
Übertragung phänomenaler Gesetzmäßigkeiten auf materielles Geschehen
schlicht zu postulieren. In der Tat läßt das sog. "phänomenologische Postulat"
bzw. der "methodische Primat des Seelischen", wie Metzger (1952) es nennt,
eine solche Vorgehensweise vermuten. Jedoch muß man, besonders wenn man
an die Anfänge der Gestalttheorie zurückgeht, die Auffassung des Problems
des Verhältnisses vom Materiellen zum Ideellen ,differenzierter betrachten. Nach
dem Wertheimer (1912) im Zusammenhang mit der Untersuchung von Schein
bewegungen die Ganzheitlichkeit bestimmter Vorgänge auf Bewußtseinsebene
herausgestellt hatte und fur deren Grundlage im physiologischen Geschehen
auch bereits bestimmte Hypothesen geäußert hatte (Kurzschlußtheorie), begann
Köhler (1924) ganzheitliche bzw. gestaltete Prozesse in der (unbelebten) Natur
zu suchen, die die Grundlage für gestaltete Bewußtseinsvorgänge darstellen
könnten. Er fand solche Vorgänge, elektrostatische Felder und Strömungsfelder
wie sie durch die Physik beschrieben wurden, und postulierte ihr Vorkommen
auf zentral-nervöser Ebene. Solche zentral-nervösen Feldprozesse sollten nun
den gestalteten Wahrnehmungen und Erlebnissen isomorph oder gleichgestaltig
sein. Wenn auch Köhlers Vorstellung eines psycho-physischen Feldes, welches
sich als durch die Neuronentätigkeit unterhaltener schwacher Gleichstrom im
Glia-Gewebe der Großhirnrinde darstellt, bis heute nicht sehr viel physiologi
sche Evidenz für sich beanspruchen kann (da sich die Physiologen vornehm-
lich der Untersuchung einzelner Zellen zugewandt haben) so hat doch gerade
die aus dieser Forschungsrichtung entstandene Theorie der "rezeptiven Fel-
der" (Hubet und Wiesel 1959) die Köhlersehe Feldtheorie auf zunächst niede
rer Ebene der Analyse bestätigt.
In diesem Punkt kann Köhler der Vorwurf des Idealismus sicher nicht ge
macht werden, da er die Grundlage seelischen Geschehens immer in physikali
schen Vorgängen gesehen hat und dieses vollständig in physikalischen Begriffen
für beschreibbar hielt. Die idealistische Denkweise liegt eher in der Qualität
der Zuordnungsbeziehung zwischen somatischen und psychischen Vorgängen.
Auch Rubinstein (1962) weist darauf hin, daß der Dualismus des psycho
physischen Parallelismus zwingend idealistische Vorstellungen impliziert: mag
die Zuordnungsbeziehung der Parallelismustheorie nun als "prästabilierte Hanno
nie", (Leibnitz), wo die Qualität der psychophysischen Parallelität vor ihrem
Beginn bereits und damit von außen determiniert ist, als Wechselwirkung wo
die Eigenaktivität des Psychischen unerklärt bleibt, oder aber eben wie bei
Köhler als Isomorphie angesehen werden.
Aktuelles Bewußtsein ist in jedem Falle zugehörigem psychophysischen
Geschehen den (phänomenal und physisch) realen Struktureigenschaften nach
verwandt, nicht sachlich sinnlos nur zwangsläufig daran gebunden" (Köhler
1924, 193).
Demnach sind alle psychischen Vorgänge eines Subjekts einschließlich aller
ihrer Beziehungen untereinander auf physische (neurophysiologische) Vorgänge
abbildbar. Köhler formuliert die vollständige Zurückftihrbarkeit ausdrücklich
(1924, 193):
"Es ist im Prinzip eine Hirnbeobachtung denkbar, welche in Gestalt- und
deshalb in wesentlichsten Eigenschaften Ähnliches physikalisch erkennen würde,
wie der Untersuchte phänomenal erlebt."
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Noch deutlicher faßt Bischof (1966 b, 332) diesen Sachverhalt:
"1. Es gibt grundsätzlich keine psychologischen Gesetze, die nicht zugleich
Gesetze der im ZNS geltenden Physik wären. 2. Für jemanden, der im Besitze
einer vollständigen Zustandsbeschreibung eines lebendigen menschlichen Gehirns
wäre und die Gesetze der inneren Psychophysik kennen würde, wäre es möglich,
die Erlebniswelt des zugehörigen Subjekts bis in die letzte sprachlich beschreib
bare Einzelheit hinein zu kennzeichnen".
In diesen Formulierungen wird der erkenntnistheoretische Dualismus der
Gestalttheorie deutlich zum Reduktionismus: Der Erlebniswelt, dem Psychischen,
wird keine eigene Qualität mehr zugestanden, sondern sie ist letztlich zurück
fUhrbar auf neurophysiologische Prozesse. Diese Annahme ist jedoch ebenso
absurd als wollte man aus den genauen Beschreibungen der Schwingungen einer
Telefonmembran die Bedeutung eines gesprochenen Satzes erschließen. In der
Widerspiegelungstheorie des dialektischen Materialismus wird dagegen sehr genau
unterschieden zwischen zwei Aspekten der Widerspiegelung eines materiellen
Prozesses: 1. dem materiellen Trägerprozess (neurophysiologische Vorgänge),
der durch den materiellen Prozess verursacht ist, und 2. dem Informations
strom (Bedeutungen, Erlebnisse), der den materiellen Prozess abbildet. Die
materielle Realstruktur (objektive Realität) besitzt demnach im Subjekt eine
materielle Abbildstruktur, den Trägerprozess und eine ideelle Abbildstruktur,
den Informationsstrom, die beide in der Einheit des Widerspiegelungsprozesses
bestehen (vgl. Abb. 1). Bedeutungen können sich nicht, wie es die Köhlersehe
Abb. 1 Das Verhältnis von Materiellem und Ideellem; aus Stadler, Seeger und
Raeithel 1975.
Gestalttheorie postuliert, allein aus Gehirngeschehen ergeben, sondern diese wer
den erst durch den aktiv tätigen Umgang eines Subjekts mit den Objekten in
diesen historisch vergegenständlicht bzw. aktuell abgebildet (vgl. Leontjew 1963,
Holzkamp 1973).
Die unbefriedigende Behandlung des Bedeutungsproblems durch die Gestalt
theorie, welches den Kernpunkt der Beziehung zwischen der Erlebniswelt und dem
somatischen Geschehen bildet, läßt sich wissenschaftsgeschichtlich aus der Tren
nung von äußerer und innerer Psychophysik in der bürgerlichen Psychologie erklä
ren. Seit Fechner (1860) werden die Beziehungen zwischen Reizen und Empfm
dungen einerseits {äußere Psychophysik) und zwischen neurophysiologischen Vor
gängen und Erlebnissen andererseits (innere Psychophysik) in getrennten For
schungsansätzen untersucht. Durch die Trennung des Erkenntnisprozesses in diese
beiden Zuordnungsbeziehungen, die ihrem Wesen nach Teile eines einheitlichen
Vorganges sind, konnte die zentrale Rolle der Tätigkeit (die die Beziehung
zwischen objektiver Realität und Bewußtsein konstituiert) in der Entwicklung
s
des menschlichen Bewußtseins nicht erkannt werden. Entsprechend bezieht
Köhler die Isomorphiebeziehung ausdrücklich nur auf die inneren psychophysi
schen Vorgänge und leugnet damit die Tatsache, daß die Struktur der Wahrneh
mungen die Struktur der objektiven Realität abbildet (äußerer psychophysischer
Zusammenhang):
" ,Denn was innen, das ist außen'. Wir sahen, daß phänomenale Gestalten
nächste Verwandte in bestimmten anorganisch-physikalischen Gebilden haben,
und finden jetzt, daß gestaltete Geschehens- oder Zustandsarten im optischen
Sektor des Nervensystems, an denen wir die Eigenschaften jener anorganischen
Vorbilder voraussetzen, in wesentlichen Zügen mit der Konstitution des zugehö
rigen optisch-phänomenalen oder Gesichtsfeldes übereinstimmen dürften. Dagegen
kann man in einem bestimmten Sinne nicht sagen, was innen, das sei außen:
wir haben die übergeometrischen Eigenschaften der psychophysischen und
phänomenalen Gestalten der ,objektiven Geometrie der Reize' gegenübergestellt,
welche in vieler Hinsicht den wichtigsten Bedingungskomplex der optischen Ge
stalten bedeutet. Diese objektiven Bedingungen selbst und als solche sind im
allgemeinen sicherlich keine physischen Gestalten, sondern summativ geomet-ri
sche Mannigfaltigkeiten, wenn schon von Physischem." (Köhler 1924, 194).
Wir haben gesehen, daß das Problern der Leib-Seele-Auffassung der Gestalt
theorie in der Gleichsetzung des Informationsaspektes (Bewußtsein) mit dem
energetischen Aspekt (Hirnvorgänge) im Prozess der Widerspiegelung liegt. In
dieser Auffassung spielt die Tätigkeit des Subjekts keine wesentliche Rolle im
Erkenntnisprozeß, was als Reflex der Trennung von geistiger und körperlicher
Arbeit im Bewußtsein der Wissenschaftler anzusehen ist. Nun hat die Experimen
talpsychologie der letzten Jahrzehnte sowohl in den USA als auch in der UdSSR
Beispiele dafür geliefert, daß aktive Tätigkeit des Subjekts eine wesentliche Rolle
beim Erkennen und Orientieren in der Umwelt zukommt (vgl. zusammenfassend
Stad/er, Seeger und Raeithel 197 5). Die Beziehung zwischen dem Bewußtsein
(Plan, Intention) und der motorischen Aktivität des Subjekts muß jedoch wie
unsere Ausführungen gezeigt haben, unklar bleiben. Entsprechend stellt auch
Bischof (1966 a) in seinem erkenntnistheoretischen Modell des kritischen Realis
mus (s. Abb. 2) die Beziehung zwischen dem Motorik-Pfeil und der phänomena-
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Abb. 2: Erkenntnismodell des ,kritischen Realismus'; aus Bischof (1966 a). SO=
Sinnesorgane, PPN = Psychophysisches Niveau, WS= Weltschema, KS = Körper
schema, ä. Ps. Ph. = äußere Psychophysik, i. Ps. Ph. = innere Psychophysik.
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len Welt nicht als Wirkungsbeziehung dar, sondern läßt sie vieldeutig durch eine
gepunktete Linie offen. Innerhalb der kritisch-realistischen Konstruktion, die eine
unüberwindliche Trennung zwischen phänomenaler Welt und transphänomenaler
Welt (Doppelstrich in Abb. 2) annimmt, bestehen Wirkungsbeziehungen nur zwi
schen dem somatischen Feld (Körperschema und Weltschema) und der Motorik,
das Problem des Zusammenhangs zwischen objektiver Realität, Bewußtsein und
Tätigkeit wird jedoch in die kritisch-phänomenale Welt (auf phänomenaler Ebene)
hineinverlegt Die phänomenale Welt hat damit keinen Kontakt zur objektiven
Realität und muß durch bewußtseinsimmanente Gesetzmäßigkeiten determiniert
sein. Dies kommt, wie Lomov ( 1971) hervorhebt einer Leugnung der Rolle des
Bewußtseins in der Lebenstätigkeit des Menschen gleich.
Die Verdoppelung der Realität in eine phänomenale und eine transphänome
nale Welt impliziert, wie Metzger (1965, 1969, 1971) hervorhebt, auch die Ver
doppelung des Reizvorganges in einen physiologischen Reiz und einen psycholo
gischen Reiz (den "Aufforderungscharakter" im Sinne von Lewin) und weiterhin
auch die Verdoppelung des Reaktionsvorganges in das unmittelbar beabsichtigte
anschauliche Handeln und die motorische Reaktion des Organismus. Metzger ver
sucht nun die bisher im kritisch-realistischen Modell ungeklärte Verbindung zwi
schen der phänomenalen Welt und der transphänomenalen motorischen Reaktion,
die Verbindung also zwischen Plan und Ausflihrung, durch ein Modell vom Typ
eines Servo-Mechanismus zu beschreiben. Servo-Mechanismen funktionieren nach
dem Prinzip der Folgeregelung. Abb. 3 zeigt zur Erläuterung ein einfaches Struk
tur- und Funktionsschema eines Regelkreises. Es handelt sich dabei um ein ge
genüber äußeren und inneren Störungen (Störgröße z) relativ stabiles Rückkopp
lungssystem. Das zu regelnde Objekt (Regelstrecke) wird durch den Regler über
I LFührungsgröfJe w
REGLER
Ste/1- Regel
grö!Je y größe x
Störgröße /REGELSTRECKE1t----...J
Abb. 3: Struktur- und Funktionsschema der Folgeregelung (Regelkreis).
die Stellgröße y gemäß einer Führungsgröße w eingestellt. Die Stellung der Re
gelstrecke wird über die Regelgröße x an den Regler zurückgemeldet, bei Abwei
chungen der Regelgröße x von der Führungsgröße w wird der Regelungsvorgang
fortgesetzt. Die einzelnen Glieder und Signalübertrager eines Regelkreises sind so
voneinander abgegrenzt, daß sie rückwirkungsfrei sind, d.h. daß jede Ausgangs
größe eindeutig von der oder den Eingangsgrößen bestimmt ist, die Ausgangs
größe jedoch keinen direkten Einfluß auf die Eingangsgröße hat. Die Blöcke in
einem Regelkreis sind demnach gerichtete Signalübertrager (vgl. Pressier 1967).
Nach Metzger gibt nun der Wille des Subjekts (Führungsgröße w) einen Be
fehl zur Ausflihrung einer Bewegung an den phänomenalen Arm (Regler), dieser
bringt über einen motorisch-sensorischen Erregungskreis den Arm als Teil des
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