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ANTON MARTY
GESAMMELTE SCHRIFTEN
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HERAUSGEGEBEN
VON
JOSEF EISENMEIER ALFRED KASTIL
OSKAR KRAUS
1. BAND, 2. ABTEILUNG
SCHRIFTEN ZUR GENETISCHEN SPRACHPHILOSOPHIE
s.
HALLE
A.
VERLAG VON MAX NIEMEYER
1916
LIBRARY
753336
UNIVERSITOYF T ORONTO
Inhaltsverzeichnis
der 2. Abteilung des I. Bandes.
Seite
Vorwort ............... . V
X. Uber Sprachreflex, Nativismus und absichtliche Sprachbildung 1
XI. Selbstanzeige der zehn Artikel „Über Sprachreflex, Nativismus und
absichtliche Sprachbildung" 305
XII. Sur l'origine du langage. (Gegen Regnaud.) . 313
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Vorwort.
Den wesentlichen Inhalt des vorliegenden Bandes bilden die
zehn Artikel „Über Sprachreflex, Nativismus und absichtliche
Sprachbildung", welche l\fa r t y von 1884 bis 1892 in der
,,Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie" hatte er
scheinen lassen. Die Vereinigung dieser Aufsätze wird von
allen Kennern des Gegenstandes sicher mit Freuden begrüßt
werden. Bilden sie doch inhaltlich ein geschlossenes Ganze, das
bisher nur mühsam dem Studium unterzogen werden konnte.
Ihr wesentlicher Gegenstand ist eine durch Jahre fort
gesetzte Verteidigung , welche M a r t y seiner 'rheorie über
den Sprachursprung gewidmet hat. Das Thema „Über den
Ursprung der Sprache" lag der ersten Publikation Martys zu
grunde, es nahm aber auch zeitlebens das lebhafteste Interesse
des unvergeßlichen Forschers in Anspruch. Dabei ist als seltene
Erscheinung hervorzuheben, daß die erste Darlegung l\Iartys
sofort den richtigen Kern getroffen hatte, so daß die folgenden
gleichsinnigen Veröffentliclrnngen im wesentlichen nur den
ursprünglichen Standpunkt gegen allerlei Angriffe und l\Iiß
verständnisse zu verteidigen hatten. Infolgedessen spiegeln
auch l\fartys Ausführungen in interessanter Form die sprach
philosophische Ent,vicklung der letzten vier J ahrzelmte wieder.
Diese Entwicklung geht deutlich unter dem Einflusse der
:Martyschen Publikationen vor sich. Die angesehensten Forscher
auf dem Gebiete der Sprachphilosophie können nicht anders als
ihre Theorien .mehr und mehr der Lehre l\Iartys über den
Sprachursprung anzupassen, mögen sie dies nun mehr offen oder
auch versteckt tun, mögen sie der allmählich gereiften Über
zeugung nun deutlich Ausdruck leihen oder wenigstens un
eingestandenermaßen sich durch allerlei Kompromisse der Marty
schen Darstellung zu nähern trachten. Heute kann schon
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behauptet werden: Marty hat bereits in seiner ersten Schrift
vom Jahre 1875 die richtige Theorie verfochten, er hat Recht
behalten durch die ganze, Jahrzehnte hindurch fortgeführte
Polemik, und es ist ganz sicher, daß sein Verdienst von Jahr
zu Jahr immer mehr und deutlicher erkannt und anerkannt
werden wird. l\fit berechtigtem Stolze konnte Marty schon im
Jahre 1908 erklären: ,,Nach uns ist die Sprache nicht unabsichtlich
und wahllos, aber unsystematisch und planlos entstanden, und
diese Ansicht teilt heute - wenn mich nicht alles trügt - die
große Zahl jener Vertreter der Sprachwissenschaft, welche über
haupt auch den allgemeinsten und höchsten Fragen ihres Gebietes
ein reges Interesse entgegen bringen . . . Nicht bloß der der
Wissenschaft (und auch speziell der Sprachphilosophie) allzu frühe
entrissene W. Scherer und der von Jespersen mit vollem Recht
ob der Nüchternlieit und überlegenen Klarheit seiner Denkweise
gefeierte N. l\[advig waren entschiedene Anhänger unserer em
piristisch-teleologischen Anschauung, sondern ebenso J espersen
selbst, ferner Whitney, Breal und von der Gabelentz. Auch
K. Brugmann scheint ihr im wesentlichen zugetan, ja mehr
und mehr auch eine Anzahl hervorragender deutscher Sprach
forscher, die - von Steinthal ausgehend - ursprünglich, gleich
ihm, mehr zu nativistischen Ansichten neigten oder von denen
dies wenigstens, um dieses Zusammenhanges willen, zu vermuten
gewesen wäre. Ich meine Männer wie L. Tobler, H. Paul,
Delbrück, Bruchmann und. andere."
Zur Zeit, als Marty seine Artikel zu schreiben begann,
lagen die Verhältnisse noch ganz anders. Die Nativisten waren
durchwegs tonangebend. Umsog rößer aber das Verdienst l\fartys,
der damals allein, ganz vereinsamt den hochangesehenenSteinthal
bekämpfte und sich durch keinerlei literarische Praktiken in
der Verteidigung seines Standpunktes wankend machen ließ, was
ja jeder unbefangene Leser der zehn Artikel anerkennen muß.
Ebenso unbeirrt trat er aber auch dem damals in der Sprach
philosophie aufstrebenden Wundt entgegen, den er zu mannig
fachen offenen und verhüllten Zugeständnissen zwang.
Inzwischen hat gerade der letztere Forscher durch immer
umfangreichere Schriften zur Sprachphilosophie weniger unter
den Vertretern der Sprachwissenschaft als unter den Philo
sophen an Ansehen in sprachphilosophischen Fragen bedeutend
gewonnen. Kein Wunder daher, daß Uarty von neuem irrige
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Aufstellungen Wundts bekämpfte und in neuen Schriften dem
einflußreichen Forscher entgegentrat. Solcher Polemik sind viel
fach l\Iartys „Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen
Grammatik und Sprachphilosophie." Halle 1908 gewidmet. Der
bisher erschienene erste Band führt eine ganze Reihe von Frage
punkten, die bereits in den „Artikeln" behandelt worden waren,
weiter aus, schützt die hier aufgestellten Lehren gegen neu er
hobene Einwände und stützt sie durch inzwischen neu bekannt
gewordenes 'fatsachenmaterial. So stellen sich die „Unter
suclmngen" in manchen Partien, besonders aber in dem Anhang
,,Zu Wund ts Lehre vom regulären und singulären Bedeutungs
wandel und seiner Kritik der teleologischen Sprachbetrachtung",
als eine Fortführung und Ergänzung der „zehn Artikel" dar.
Anderseits nehmen aber auch die Untersuchungen wiederholt
Bezug auf das in den „Artikeln" bereits vollkommen Bereinigte.
Als Herausgeber dieser „Artikel" hätten wir daher an zahl
losen Stellen diese Zusammenhänge mit den „Untersuchungen"
feststellen und anmerken können. Es wäre dadurch vielleicht
der unbeirrt einheitliche Charakter der Martyschen 'l'hesen
besonders deutlich auch für den weniger Eingeweihten hervor
getreten. Doch fürchteten wir, damit die Mehrzahl der Leser
nicht zu Dank zu verpflichten. Wäre doch durch solche Ein
schaltungen die jetzt so durchsichtige historische Entwicklung
nur verhüllt und zerrissen worden. Deshalb beschränkten wir
uns auf kurze Anmerkungen bei jenen wichtigen Punkten, be
züglich welcher Marty in späteren Jahren andere Ansichten
vertrat, als sie noch in den „Artikeln" ausgesprochen werden.
Sie betreffen durchwegs Gegenstände, die nicht im engeren
Sinne sprachphilosophischer Natur sind.
Marty hat ja an den einmal vertretenen Ansichten durch
aus nicht starr festgehalten, wenn er durch gute Gründe von
deren Unrichtigkeit sich überzeugte oder durch andere überzeugt
wurde. Man muß nicht ihn persönlich gekannt haben, um zu
wissen, daß ihm. die Wahrheit, die Erkenntnis der Wahrheit
und das Bekennen der erkannten Wahrheit über allem stand;
seine Schriften sprechen ja für jedermann eine laute Sprache.
Aber gerade seine Theorie über den Sprachursprung ist ihm,
wie gesagt, während seines ganzen Forscherlebens in gleicher,
unveränderter Gestalt feste Überzeugung geblieben. Der Lauf
der Jahre hat ihm nur immer neue Gründe für sie zugeführt
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und zu immer schärferer, tieferer Darstellung der ursprünglichen
Lehre verholfen. Deshalb muß es jeden Kenner.der Martyschen
Schriften zu diesem Gegenstande höchst sonderbar berühren,
wenn vor kurzem eine Bonner Doktordissertation 1) die Sachlage
nun derart darstellt, als habe Marty im Laufe der Jahre unter
dem Einflusse seiner literarischen Gegner (besonders Wund ts)
seine sprachphilosophischen Ansichten mehr und mehr modifiziert
und dem Standpunkte der Gegner angepaßt. Das gerade Gegen
teil ist die offenkundige historische Wahrheit. Das ist schon
ganz deutlich bei Steinthal hervorgetreten und ließe sich nun
wieder mannigfach bei Wundt nachweisen (freilich auch bei
manchem andern Forscher). Was Wundt betrifft, ist diese
Abänderung eigener früherer Ansichten ja auch der erwähnten
Dissertation nicht entgangen. Freilich wird dieses Zugeständnis
in eine nicht allgemein übliche Form gekleidet. Der Verfasser
beklagt sich über Marty, der Wundt eine Reihe von Wider
sprüchen und verfehlten Annahmen zuschreibe; Wundts Werk
• über die Sprache lasse diese Widersprüche und verfehlten An
nahmen als gar nicht vorhanden erkennen. Allerdings, setzt der
Verfasser verschämt hinzu, habe Wundts Werk über die Sprache
zur Zeit der Abfassung der Martyschen Artikel noch nicht
vorgelegen. ,Neben solcher Gewandtheit wirkt der Vorwurf ge
ringer stilistischer Gewandtheit, den der junge Doktor gegen
Marty erhebt, wohl kaum mehr befremdend.
Doch genug hiervon. Über Martys Bedeutung haben ja
Berufenere zu urteilen, und deren Urteil hat bisher ganz anders
gelautet und wird immer günstiger und damit gerechter werden.
Da die hier neugedruckten Aufsätze häufig in der Literatur
zitiert worden sind, haben wir die Seitenzahlen des Erstdruckes
in [] beigesetzt.
1) Otto Broens, Darstellung und Würdigung des sprachphilosophischen
Gegensatzes zwischen Paul, Wundt Un!l Marty. 1913.
Die Herausgeber.
I
X.
Über Sprachreflex, Nativismus und
absichtliche Sprachbildung.
1'fa rty, Gesammelte Schriften I, 2, 1
1