Table Of ContentWERNER MANGOLD - GRUPPENDISKUSSIONSVERFAHREN
FRANKFURTER BEITRAÄGE ZUR SOZIOLOGIE
Im Auftrag des Instituts für Sozialforschung
herausgegeben von Theodor W. Adorno und Walter Dirks
Band 9
WERNER MANGOLD
GEGENSTAND UND METHODE
DES GRUPPENDISKUSSIONSVERFAHRENS
Aus der Arbeit des Instituts für Sozialforschung
EUROPÄISCHE VERLAGSANSTALT
D 30
© 1960 BY EUROPAISCHE VERLAGSANSTALT, FRANKFURT A. M.
HERSTELLUNG: AZ-DRUCKEREI, MANNHEIM
PRINTED IN GERMANY
VORWORT
Nicht ganz selten fallen der empirischen Sozialforschung Materialien zu,
die sich nach Thematik und Gehalt auf wesentliche gesellschaftliche Fragen
beziehen, aber ihrer Aufbereitung und Auswertung nach den etablierten
Methoden widerstreben. Man pflegt das von alters her mit der Jugend der
Disziplin zu erklären, deren Methodologie immer noch nicht ausgebildet
und verfeinert genug sei, während freilich Analoges aus den Frühzeiten
der Naturwissenschaften kaum berichtet wird. Der wahre Grund der Ver-
Jlegenheit liegt wohl eher in der spezifischen Beschaffenheit der soziologi-
schen Gegenstände, vorab in den irrationalen Aspekten der Gesellschaft,
die sich den mathematisch-naturwissenschaftlichen Verfahrungsweisen nicht
so bruchlos einfügen, wie es dort postuliert wird, wo man auf der rigorosen
Ausbildung der soziologischen Methodologie besteht. Das jedoch dispen-
siert nicht davon, wann immer Materialien zur Verfügung stehen, die viel
versprechen, mit denen man aber nicht recht fertig ward, sich anzustrengen,
sie methodologisch zu bewältigen, anstatt sie der Wissenschaft verloren
gehen zu lassen.
Das ist die Situation der Befunde, welche das Gruppenexperiment des
Instituts für Sozialforschung ergab, über das im zweiten Band der Frank-
furter Beiträge zur Soziologie berichtet wurde. Schwer wird es dem Unbe-
fangenen, sich der Evidenz der Folgerungen zu verschließen, die aus den
Außerungen der Gesprächsteilnehmer mit Rücksicht auf den zur Zeit des
Experiments herrschenden Stand des objektiven Geistes in Deutschland
gezogen wurden. Ebenso schwer aber ist es, solche Plausibilität in hieb-
und stichfeste Urteile über den repräsentativen Charakter der untersuchten
Meinungen und Haltungen umzusetzen. Wenn den Inhalt der qualitativen
Analysen jener Studie vielfach die Widerstände bilden, welche das öffent-
liche, zumal das von Franz Böhm so genannte nicht-öffentliche Bewußtsein
der Anamnese des Hitlerschen Grauens entgegensetzt, dann wiederholen
sich diese Widerstände, ganz wie es der Psychoanalyse vertraut ist, der
Studie selber gegenüber. Sie heften sich an ihre vorgeblichen oder wirk-
lichen methodologischen Mängel. Was sie zeigt, wird abgewehrt, weil es
nach den eingespielten Regeln des Wissenschaftsbetriebs der objektiven
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Gültigkeit entrate. In einer öffentlichen Kontroverse ist all das zur Sprache
gebracht worden *).
Dabei aber konnte das Institut für Sozialforschung, das zunächst die
Gruppendiskussionsmethode vornehmlich um der konkreten Fülle des
Materials und der Realitätsnähe der Forschungssituation willen entwickelt
hatte, sich nicht bescheiden. Das Buch von Mangold will weiterführen. Es
fällt in die Kontinuität der Arbeit des Instituts; ebenso darin, daß es dem
analysierten Stoff nach auf unsere Gruppendiskussionen sich stützt, wie
darin, daß es der Verbesserung des Gruppendiskussionsverfahrens sich
widmet. Die Schwierigkeiten bei der Auswertung von Gruppenexperi-
menten waren uns von Anbeginn bewußt; sie sind im Anhang des älteren
Buches rückhaltlos ausgesprochen. Erinnert sei, außer an die bei dieser
Technik sich aufdrängenden Bedenken, die sich auf Repräsentativität,
Quantifizierung und Verallgemeinerung beziehen, an die Frage des Ge-
wichts der Außerungen der einzelnen Sprecher in der Diskussionssituation;
an die Frage, wessen »Meinung« sie eigentlich aussprechen, für welche
realen Kommunikationssituationen die Außerungen gelten; schließlich, in
welchem Verhältnis die Sprecher und die Schweiger zueinander stehen.
Manche dieser Schwierigkeiten bereitet auch das traditionelle Interview;
bei der Technik der Gruppendiskussion sind sie besonders auffällig.
Eine Reihe von methodologischen Teiluntersuchungen gingen der Arbeit
von Mangold voraus: von Lothar Herberger, Volker von Hagen und
Erwin Kohl. Sie berücksichtigt deren Resultate, auch erreichbare auslän-
dische Publikationen über das Verfahren, legt jedoch das Hauptgewicht
auf das Urmaterial: sowohl die Diskussionen des alten Gruppenexperi-
ments wie spätere empirische Studien des Instituts, in denen dieselbe Technik
verwendet wird. Ihr Ziel ist es, Möglichkeiten und Grenzen der Methode
für die systematische und kontrollierte Ermittlung von Meinungen, Ein-
stellungen und Verhaltensweisen zu bestimmen und daraus nicht nur Vor-
schläge für die Auswertung, sondern auch solche für die konkrete Aus-
gestaltung des Verfahrens selbst abzuleiten.
Als Hauptergebnis mag gelten: in Diskussionsgruppen können informelle
Gruppenmeinungen sich ausdrücken, die auch in der Realität Bewußtsein
und Attitüden der Diskussionsteilnehmer wesentlich bestimmen. Diesen
informellen Gruppenmeinungen gegenüber werden die Meinungen und
Einstellungen der Einzelnen weithin untergeordnet. Jene kollektiven Mei-
*) Peter R. Hofstätter: »Zum Gruppenexperiment von F. Pollock«, in: »Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie«, 1957, 1, S. 97 fi. Dazu Theodor W. Adorno: »Replik«,
a.a.O., S. 105 ff.
nungen verselbständigen sich zu faits sociaux im Sinne Durkheims und
sind keineswegs mit den Meinungen aller Einzelnen, nicht einmal stets mit
denen der Mehrheit, identisch, sondern entsprechen dem realen oder ima-
ginären Geist der Großgruppe, mit welcher die Sprechenden jeweils sich
identifizieren. Das Gruppendiskussionsverfahren eignet sich daher vorab
dazu, solchen informellen Gruppenmeinungen auf die Spur zu kommen.
Insbesondere wird dargetan, daß unter den Angehörigen sozialer Groß-
gruppen jeweils gleichartige informelle Gruppenmeinungen verbreitet sind,
vor allem zu Fragen, von denen die Mitglieder der Großgruppe objektiv
gleichermaßen betroffen sind. Das läßt sich zumal am Vergleich von Dis-
kussionsgruppen identischer sozialer Zusammensetzung herausarbeiten.
Daß auch Mangolds Arbeit zahlreiche Fragen offen läßt, sollte, um
Mißverständnisse zu vermeiden, nachdrücklich betont werden. Noch fehlt
es an präziseren Bestimmungen der Struktur informeller Kommunikations-
und VerhaltenssituationOeffne.n ist, welches Gewicht informelle Gruppen-
meinungen im Verhältnis zu mehr oder minder offiziell etablierten Nor-
men und Kontrollen haben; ebenso, welche Wechselwirkung zwischen
den sogenannten Einzelmeinungen, den Meinungen der informellen Grup-
pen und den Massenmedien besteht. Dergleichen Aspekte können kaum an
dem bisher vorliegenden Material zureichend behandelt werden, sondern
bedürften eigens gezielter, neuer Untersuchungen.
Zu bedenken ist endlich, daß exponierte Einzelmeinungen, die dem
Gruppenkonsensus nicht sich einfügen, gerade als Extrem Licht auf ein
Potential werfen können, das unter veränderten gesellschaftlichen Um-
ständen Gewalt über die Gruppen gewinnen mag. Die wissenschaftliche
Entfaltung solcher qualitativen Momente wird freilich kaum dem rein
objektivierenden, von dem angeblich bloß subjektiven Faktor des Analy-
sierenden absehenden Verfahren gelingen. Ihre Objektivität, das Begreifen
der Sache selbst, bedarf nicht eines Weniger, sondern eines Mehr an Sub-
jektivität: an Erfahrenheit und interpretativer Kraft des einzelnen For-
schers. Die damit aufgeworfenen erkenntnistheoretischen und methodolo-
gischen Kontroversen jedoch liegen jenseits der Aufgabe, die Mangolds
Buch sich gesetzt hat.
Seine Konzeption verdankt es der Kritik an den üblichen Maßstäben
und Standards der Sozialforschung, soweit sie der Realität, deren adäquate
Erfassung sie gewährleisten sollen, äußerlich bleiben. Der Versuchung, den
Gegenstand von den verfügbaren Methoden her zu bestimmen und nicht,
wie es der eigenen Intention exakter empirischer Forschung entspricht, die
Methode dem Gegenstand fügsam zu machen, vermag der Research-Betrieb
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häufig nur schwer sich zu entziehen. Indem Mangold die immanenten Be-
dingungen der Diskussion mit denen der Realität konfrontiert, in der
Individuen Meinungen austauschen und zu kollektivem Verhalten zusam-
menfinden, liefert er mehr als einen bloß methodologischen Beitrag: seine
Ergebnisse regen nicht zuletzt auch dazu an, den Gegenstand der soge-
nannten Meinungs- und Einstellungsforschung im Hinblick auf seine realen
Erscheinungsformen und gesellschaftlichen Wirkungen differenzierter und
damit präziser ins Auge zu fassen.
Frankfurt am Main, Herbst 1959
Max Horkheimer
Theodor W. Adorno
EINLEITUNG
Die vorliegende Arbeit setzt Untersuchungen fort, zu denen Max Hork-
heimer nach der Wiedererrichtung des Instituts für Sozialforschung in
Deutschland vor nunmehr zehn Jahren den Anstoß gab: sie ist als Beitrag
zur Weiterentwicklung des sogenannten Gruppendiskussionsverfahrens
anzusehen, das in der empirischen Soziologie seit einer Reihe von Jahren
immer häufiger zur Untersuchung von Meinungen, Einstellungen und Ver-
haltensweisen angewendet wird. Der hier unternommene Versuch, die
Erfahrungen, die das Institut selbst in mehreren empirischen Studien mit
Gruppendiskussionen gewonnen hat, für die präzisere Bestimmung der
theoretischen und methodologischen Grundlagen des Verfahrens fruchtbar
zu machen, wurde durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ent-
scheidend gefördert. Ihnen verdankt die Arbeit zahlreiche Anregungen
und eingehende Kritik. Auch die fortwährende Diskussion mit Egon
Becker und den übrigen Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung hat
in ihr allenthalben sich niedergeschlagen.
Das Gruppendiskussionsverfahren wurde vom Institut erstmals im
Winter 1950/51 in größerem Umfang für die Untersuchung von Phäno-
menen politischen Bewußtseins in Deutschland angewendet!). 121 Diskus-
sionen mit Angehörigen der verschiedensten Bevölkerungsgruppen sollten
Einblicke vermitteln in die Gestalt jener Vorstellungen, die fünf Jahre
nach Kriegsende über die Demokratie, über die Stellung Deutschlands in
der Welt, über die Ursachen des Krieges und über die Mitverantwortung am
Nationalsozialismus unter der deutschen Bevölkerung in Umlauf waren.
Die einzelnen Diskussionsgruppen bestanden aus acht bis sechzehn Teil-
nehmern, die nach Gesichtspunkten statistischer Repräsentanz ausgewählt
worden waren und an einem möglichst neutralen Ort (etwa in Gaststätten
oder Kantinen) für einen Abend zusammenkamen. Als Diskussionsgrund-
Jlage diente der Brief eines amerikanischen Sergeanten, in dem dieser seine
Meinungen und Erfahrungen über Deutschland zum Ausdruck brachte
1) Siehe den Bericht über die Wiedereröffnung des Instituts für Sozialforschung, Frankfurt am
Main 1952, S. 32 ff.
(»Grundreiz«). Die Diskussionen selbst wurden sehr wenig gelenkt, um
die Teilnehmer zu ungezwungenen, spontanen Meinungsäußerungen anzu-
regen; erst in der zweiten Hälfte der Diskussion brachten die Diskussions-
leiter standardisierte Argumente und Gegenargumente zu einzelnen Teil-
fragen vor. Zur Wahrung ihrer Anonymität erhielten die einzelnen Grup-
penmitglieder Karten mit Decknamen, unter denen sie sich während des
Gesprächs auch untereinander anredeten. Die Diskussionen dauerten in
der Regel eineinhalb bis zwei Stunden und wurden auf Tonband aufge-
nommen; der Auswertung lagen die mehrfach kontrollierten Diskussions-
transkriptionen zugrunde. Zusätzliche Informationen statistischer Art
wurden mit Hilfe von kurzen schriftlichen Fragebogen gewonnen, die vor
Beginn der Diskussionen von den einzelnen Teilnehmern ausgefüllt
wurden ?).
Die Wahl von Gruppendiskussionen anstelle herkömmlicher Methoden
der Umfrage ging auf zwei Überlegungen zurück. Einmal wurde ange-
nommen, daß die Diskussionssituation eher als die des Einzelinterviews
zur Aktualisierung und Explikation »tieferliegender« Meinungen und
Einstellungen beitrage. Meinungen und Einstellungen in politischen Fra-
gen, heißt es bei Osmer, seien »oft nicht sonderlich dezidiert, sondern
stellen eher ein vages und diffuses Potential dar. Dem Einzelnen werden
sie häufig erst während der Auseinandersetzung mit anderen Menschen
deutlich ... Zu ihrer Ermittlung ist es notwendig, eine ... Situation her-
zustellen, in welcher die Einstellungen gleichsam aktiviert werden und so
plastisch erscheinen, daß sie wissenschaftlich festgehalten werden können.«
Die gemeinsame Diskussion der ausgewählten Versuchspersonen sollte zu
unkontrollierten Außerungen und spontanen Assoziationen provozieren,
die auf den latenten Inhalt der geäußerten Meinungen schließen ließen ?).
Die zweite Überlegung galt den realen Bedingungen, unter denen Mei-
nungen und Einstellungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit sich bilden
2) Vgl. im einzelnen »Gruppenexperiment«, Ein Studienbericht, bearbeitet von F. Pollock, Bd. 2
der »Frankfurter Beiträge zur Soziologie«, Frankfurt am Main 1955. Der Band enthält in
gekürzter Form u. a. Arbeiten von Diedrichh Osmer: »Die Gruppendiskussionsmethode / Ein
neues Verfahren der empirischen Soz:olog:e«‚ Dissertation, Frankfurt am Main 1953, und von
Volker v. Hagen: »qu:.;:u 0 in Diskussionsgruppen«, Dissertation, Frankfurt
am Main 1954, zwei methodolognsdue Untersuchungen, die als Ausgangspunkte für die hier
vorliegende Arbeit von besonderer Bedeutung sind. Wir zitieren im folgenden die Originale,
verweisen jedoch, wenn möglich, in Klammern auf die entsprechenden Stellen im »Gruppen-
experiment«.
3) Osmer, a.a.O., S. 50 (S. 34 f.). Auch die Gesprächseinführung wurde unter dem Aspekt kon-
struiert, »Oberflächenmeinungen« zu durchstoßen. Der »Grundreiz« hatte nicht nur die Auf-
gabe, die zu erörternden Themen vorzugeben; er sollte darüber hinaus »durch Anrühren psy-
chologischer »Nervenpunkte« eine stimulierende Wirkung ausüben und ... Abwehrmechanismen
und Rationalisierungen mobilisieren, um damit, nach Analogie zur psychoanalytischen Technik,
das zum Erscheinen zu bringen, was von jenen gewöhnlich verdeckt wird«. A.a.O., 5. 51 (S. 35).
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