Table Of ContentFremdkontrolle
Michael Schetsche
Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.)
Fremdkontrolle
Ängste – Mythen – Praktiken
Herausgeber
Michael Schetsche Renate-Berenike Schmidt
IGPP Freiburg, Deutschland Universität Freiburg, Deutschland
ISBN 978-3-658-02135-1 ISBN 978-3-658-02136-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-02136-8
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Inhaltsverzeichnis
Michael Schetsche & Renate-Berenike Schmidt
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung ........................................... 7
Teil I Historische Diskurse und Praktiken
Johannes Dillinger
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre ...................... 31
Barbara Wolf-Braun
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinfl ussungstechnik ........ 45
Andreas Anton
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit .......................................... 59
Teil II Fiktionalisierungen
Martin Engelbrecht
Ich bin verbunden, also bin ich ............................................................................. 77
Matthias Hurst
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari ......................................... 91
Christian Vähling
Fremdkontrolle im Comic ..................................................................................... 109
6 Inhaltsverzeichnis
Teil III Psycho-Logik
Th omas Fuchs
Being a Psycho-Machine ........................................................................................ 127
Nahlah Saimeh
Beeinfl ussungserfahrungen als Th ema in der Forensischen Psychiatrie ....... 145
Th omas Bock & Gwen Schulz
Individuelles Erleben von Beeinfl ussung und Fremdkontrolle ....................... 159
Teil IV Kulturelle Gegenhorizonte
Werner Egli
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister ............................... 179
Bettina Schmidt
Zombies und andere Vodou-Praktiken ............................................................... 195
Teil V Im Bann der Technik?
Ralf Vollbrecht
Mentale Beeinfl ussung durch Massenmedien und Computerspiele? ............. 213
Georg Felser
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? ................................................ 229
Andreas Anton & Sascha Zorn
Fremdkontrolle durch Computerchips ............................................................... 247
Stephan Schleim
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle .................................................... 265
Autorinnen und Autoren des Bandes ............................................................ 281
Fremdkontrolle –
eine exemplarische Einführung
Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt1
Manche Bücher haben es schon vom Titel her schwer. Aus der Perspektive der
Verkaufsförderung wäre der vorliegende Band besser mit ‚Mind Control‘ über-
schrieben. Daran gestört hat uns als Projektinitiatoren und Herausgeber weniger
der Anglizismus als die spezifi sche Konnotation, die mit diesem englischen Be-
griff im deutschen Sprachraum einhergeht. Der Terminus ‚Mind Control‘ erzeugt
einen Assoziationsraum, der sich nach unserem Eindruck zu stark in Richtung
Verschwörungsdenken öff net – was gar nicht per se problematisch ist (vgl. Anton
et al. 2013), hier aber potenzielle Leser und Leserinnen auf eine falsche Fährte
hätte locken können. Wie bereits der Untertitel „Ängste – Mythen – Praktiken“
signalisiert, geht es im Band zwar auch, aber nur neben manch anderen Fragen, um
jene Neomythen, die heute allzu eng mit dem Begriff ‚Mind Control‘ verbunden
sind. Wir haben uns deshalb nach längerer Überlegung (und in Absprache mit
dem Verlag) für den unseres Erachtens deutlich neutraleren Titel ‚Fremdkontrolle‘
entschieden, auch wenn dies die Gefahr anderer Missverständnisse oder gar eines
vorgängigen Unverständnisses birgt, worum es in diesem Buch geht. Diese Ein-
leitung beginnt deshalb – vor diesem Hintergrund quasi notwendig – mit einer
kurzen Ein- und Abgrenzung des gemeinsamen ‚Untersuchungsgegenstandes‘
und der damit verbundenen Erklärung, was der Begriff der Fremdkontrolle, der
unserem Buch nun den Titel gegeben hat, überhaupt meint.
Das Allgemeinste vorweg: Im Zentrum des Menschenbildes moderner west-
licher Gesellschaft en – so unsere Vorüberlegung zum Buchprojekt – steht die Idee
des selbstbestimmt, also nach freiem Willen2, entscheidenden und handelnden
1 Herausgeber und Herausgeberin danken Kirsten Krebber für die zuverlässige und auf-
merksame redaktionelle Betreuung des Bandes.
2 Die aktuellen, im Anschluss an die Libet-Experimente (Libet 1985) entstandenen
Debatten (vgl. für einen Überblick Fuchs und Schwarzkopf 2010) über die menschliche
M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,
DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
8 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt
Individuums (unübersehbar heute etwa im Strafrecht). Entsprechend ist die
Vorstellung eines Menschen ohne freien Willen Teil eines anthropologischen,
aber auch moralischen und politischen Gegenhorizontes, der uns sagt, was das
moderne Subjekt unter keinen Umständen sein soll und sein darf, nämlich fremd-
bestimmt. Dabei ist aus gutem Grund zu vermuten, dass die Vorstellung des selbst-
bestimmten Subjekts zu seiner kulturellen Durchsetzung unter anderem auch der
mannigfaltigen Drohungen dieses gedanklichen Gegenhorizonts bedurft e.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum bis heute kaum etwas das
westliche Subjekt so sehr in seinen Bann schlägt (und zwar in einen doppelten:
den der Furcht und den der Faszination) wie die Möglichkeit, das Denken, Fühlen
und Handeln des Menschen von außen her zu kontrollieren und zu bestimmen.
Davon legen nicht nur diverse fi ktionale Darstellungen (sei es im Roman, im
Film oder im Comic), sondern auch zahlreiche wissenschaft liche, religiöse und
alltagsweltliche Debatten Zeugnis ab. Am Beginn der modernen Diskurse dieser
Art (es gibt klassische Vorläufer, die hier aber nicht in den Fokus gerückt werden
sollen) steht die furchterregende Idee der Kontrolle des menschlichen Willens
durch böse Mächte – seien es Dämonen, Geister oder auch Hexen. Mit Säkulari-
sierung und Verwissenschaft lichung der Gesellschaft wurden diese Gefahrendis-
kurse durch neue – allerdings nicht weniger furchterregende – ersetzt: Bewusst-
seinskontrolle durch Hypnose und Suggestion, durch Drogen wie LSD, durch
mediale Manipulation oder religiöse ‚Kult-Programmierung‘. Manches davon
ist eher kollektive Phantasmagorie, die sich aus den gleichen Quellen speist wie
die individuelle Angst vor Beeinfl ussung und Kontrollverlust, von der Psycho-
logie und Psychiatrie zu berichten wissen. Anderes hingegen entspringt einer
manchmal schwer zu erhellenden Zwischenwelt, in der sich ganz reale wissen-
schaft liche Forschungstraditionen und Experimente mit Verschwörungstheorien
und modernen Mythen mischen. Und genau in diesem Spannungsfeld zwischen
Ängsten, Mythen und sehr realen Praktiken ist unser Band angesiedelt. Wir
Willensfreiheit generell können wir hier ausklammern, weil die Idee einer gezielten
Fremdkontrolle des Subjekts durch andere menschliche Akteure oder gesellschaftliche
Institutionen deutlich älter als jener Diskurs ist, und, zumindest auf den ersten Blick,
auch unabhängig davon bleibt. Die Befunde von Libet belegen – in ihrer traditionellen
Interpretation (für eine alternative Sichtweise vgl. aktuell Jo et al. 2013) – weder die
Möglichkeit einer vorsätzlichen Fremdkontrolle von außen, noch liefern sie ein Argu-
ment gegen diese Möglichkeit. Uns ist allerdings bewusst, dass diese und ähnliche
neurowissenschaftliche Experimente und die daran anschließenden theoretischen
und philosophischen Erwägungen die Idee der menschlichen Willensfreiheit dauer-
haft destruieren könnten. Mit dem Verzicht auf diese Idee würde möglicherweise auch
die Notwendigkeit kultureller Gegenhorizonte entfallen.
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 9
können dies an dieser Stelle nicht systematisch entfalten (auch weil uns, das geben
wir gern zu, ein entwickeltes theoretisches Konzept zur Bedeutung des ‚Mind
Control-Paradigmas‘ in der Moderne noch fehlt), sondern diese drei Dimensionen
jeweils nur für ein empirisches Feld exemplarisch nachzeichnen.
Ängste: Wie weitverbreitete Hoff nungen, spiegeln3 sich auch die Ängste
einer Gesellschaft am off ensichtlichsten in den fi ktionalen Kulturprodukten
der jeweiligen Zeit wieder. In der seit 2011 in den USA ausgestrahlten, mehrfach
preisgekrönten Drama-Serie „Homeland“ geht es um einen US-amerikanischen
Marine, der 2003 im Irak spurlos verschwand und nach acht Jahren als Gefangener
einer islamistischen Terrororganisation – nicht überraschend fällt in der Serie
immer wieder der Name al-Qaida – scheinbar zufällig von einer Spezialeinheit
beim Angriff auf ein ‚Terror-Camp‘ befreit wird. In seine Heimat zurückgekehrt,
wird Sergeant Nicolas Brodie öff entlich als Kriegsheld gefeiert, gleichzeitig aber
insgeheim als potenzielle Gefahr für die nationale Sicherheit von Teilen der CIA
minutiös überwacht. Die Serie lotet dabei das Spannungsfeld zwischen „Staats-
paranoia“ (Horn 2007) in den USA nach dem ‚11. September‘4 einerseits und der
durchaus begründeten Furcht vor der Möglichkeit einer politisch-ideologischen
„Gehirnwäsche“ (der Terminus wird in der synchronisierten deutschen Fassung5
mehrfach verwendet) vom ‚Feind‘ gefangener Soldaten andererseits durchaus
recht tiefschürfend aus. Die Vorstellung einer politisch-ideologischen Gehirn-
wäsche – gleichsam eine Re-Programmierung, die aus Feinden Freunde und
damit aus Sicht jener Feinde Verräter macht – ist dabei nicht die einzige, aber eine
seit Mitte des letzten Jahrhunderts doch die zentrale Ausprägung der Idee einer
realisierbaren Fremdkontrolle menschlichen Bewusstseins. Mit dem Glauben an
die Realität entsprechender Techniken wächst nicht nur die Hoff nung auf eigene
militärische und geheimdienstliche Handlungsoptionen, sondern in gleichem
Maße eben auch die Angst – bei politischen und militärischen Entscheidungs-
trägern und im Refl ex dann auch in der Öff entlichkeit demokratischer Staaten –,
gegnerische Mächte könnten und würden sich dieses Mittels bedienen, um der
eigenen Gesellschaft zu schaden. Die Angst vor dem terroristischen Islamismus,
in der es in Homeland vordergründig geht, erreicht spätestens dann den Zu-
3 Medientheoretisch betrachtet ist das Verhältnis deutlich komplizierter: Medien
können kollektive Gefühlslagen bei den Rezipienten ebenso verstärken wie sie sich
ihrer bedienen und sie damit letztlich in dialektischer Weise auch re-produzieren.
Dem können wir an dieser Stelle jedoch nicht weiter nachgehen.
4 Der Zusammenhang wird in der ersten Folge der Staffel, die zehn Jahre nach jenem
politisch höchst folgenreichen Ereignis spielt, explizit hergestellt.
5 DVD: „Homeland. Die komplette Season 1“, Twentieth Century Fox Home Entertain-
ment (2013).
10 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt
schauer, wenn dieser in der zweiten Folge (der ersten Staff el) Zeuge wird, wie der
‚Verdächtigte‘ in seiner Garage in aller Heimlichkeit das islamische Pfl ichtgebet
spricht. Die innigliche Anrufung „Allahu Akbar“ scheint den Verdacht gegen
Sergeant Brodie aus Zuschauerperspektive zur Gewissheit zu machen: Aus dem
tapferen US-Marine ist durch „Gehirnwäsche“ ein (ebenso tapferer?) islamischer
Gotteskrieger – und aus Sicht der CIA entsprechend: ein Terrorist – geworden.
Dass die Staatsparanoia sich in der Serie in der CIA-Agentin Carrie Mathison
personifi ziert, die an einer bipolaren Störung leidet und auf starke Medika-
mente angewiesen ist, um überhaupt arbeitsfähig zu sein, ist einer der drama-
turgischen Kniff e der Serie, der sicherlich zu ihrer Beliebtheit beim Publikum
beigetragen hat: Die kollektive Angstpsychose wird fi lmisch sehr anschau-
lich durch eine individuelle psychische Erkrankung symbolisiert. Für die im
weiteren Verlauf (von mindestens vier Staff eln) überraschend komplexe und an
Ambivalenzen reiche Serie spricht dabei, dass im Falle von Sergeant Brodie und
Agentin Mathison letztlich fast nichts so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick
scheint. Dies ist für unseren Zusammenhang insofern von Bedeutung, als der
Idee einer systematischen politisch-ideologischen Gehirnwäsche stets Unsicher-
heit über das Ausmaß und die Dauer ihres ‚Erfolgs‘ anhaft et. Hier und in der
damit verbundenen erhöhten Refl exivität des Plots generell geht die Serie deutlich
über ihre historischen Vorläufer hinaus. Unübersehbar bleibt aber – trotz aller
Modernisierung – der unmittelbare inhaltliche Zusammenhang mit dem Anfang
der 1960er Jahre entstandenen Kinofi lm Th e Manchurian Candidate (1962, John
Frankenheimer; deutsch: Botschaft er der Angst), der auf dem 1959 erschienenen
gleichnamigen Roman von Richard Condon basiert.6 Hier gerät der Protagonist
Sergeant Raymond Shaw (in beunruhigender Weise auch die ‚Titelfi gur‘ von
Roman und Film) im Korea-Krieg in Gefangenschaft und wird von chinesischen
Mind Control-Experten einer Gehirnwäsche unterzogen und zum perfekten
Assassinen ‚programmiert‘. Zurück in den USA wird er als Held gefeiert, während
er – von kommunistischen Agenten gesteuert – insgeheim und ohne sich später
daran zu erinnern, politische Morde ausführt. Auch hier geht es, wie fünfzig Jahre
später in Homeland, um die politische Funktionalisierung eines vermeintlichen
Kriegshelden, der zum Vizepräsidenten der USA aufsteigen könnte, um dann mit
6 Ein zeitlich wie inhaltlich direkter Vorläufer ist die erstmals im Jahre 2010 aus-
gestrahlte israelische TV-Serie Hatufim – In der Hand des Feindes, in der es um zwei
nach siebzehn Jahren aus der Gefangenschaft im Libanon zurückgekehrte israelische
Soldaten geht. Im Gegensatz zu Homeland dominieren in der israelischen Serie jedoch
Fragen der Bewältigung der Traumata von Kriegsheimkehrern und ihrer Familien –
die Angst vor einer islamistischen Fremdkontrolle der Rückkehrer hingegen rückt in
der Dramatik der Serie in den Hintergrund (auch wenn sie weiterhin präsent bleibt).
Description:Im Zentrum des Menschenbildes westlicher Gesellschaften steht die Idee des selbstbestimmt entscheidenden und handelnden Individuums. Entsprechend ist die Vorstellung eines Menschen ohne freien Willen Teil eines anthropologischen, aber auch moralischen und politischen Gegenhorizontes. Wie sehr die Vo