Table Of ContentBirgit Seemann
Feministische Staatstheorie
Birgit Seemann
Feministische Staatstheorie
Der Staat in der deutschen Frauen
und Patriarchatsforschung
Mit einem Vorwort von
Barbara Holland-Cunz
Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 1996
Gedruckt auf săurefreiem und altersbestăndigem Papier.
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Seemann, Birgit:
Feministische Staatstheorie : der Staat in der deutschen Frauen-und Patriarchatsforschung
/ Birgit Seemann.
Zugl.: Frankfurt (Main), Univ., Diss., 1995
ISBN 978-3-8100-1675-1 ISBN 978-3-663-10057-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-10057-7
© 1996 Springer Fachmedien Wiesbaden
Urspriinglich erschienen bei Leske + Budrich, Opladen 1996
D30
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Satz: Stier & Partner, Frankfurt a.M.
Fur Siegbert und Eduard
Danksagung
Obgleich Einzelleistung, ,lebt' ein mehrj1ihriger ForschungsprozeB andererseits
von kreativen Anst6fien und intensivem Austausch. Mein Dank gilt dem Erstgut
achter Prof. Dr. Josef Esser (Frankfurt/M.), der mich zu einem Zeitpunkt, als die
politikwissenschaftlichen Lehrstiihle unseres Fachbereichs allesamt m1innlich
besetzt waren, zu dieser feministisch-politologischen Arbeit ermutigt und sie
solidarisch begleitet hat. Ganz herzlich danke ich der Zweitgutachterin Prof. Dr.
Barbara Holland-Cunz (Giefien) fUr ihre innovative und engagierte Beratung.
Den Damen und Herren der Graduiertenfdrderung des Landes Hessen danke ich
fUr die unentbehrliche finanzielle F6rderung meiner Dissertation. AuBerdem
danke ich Prof. Dr. Joachim Hirsch und PD Dr. Karola Brede (beide Frankfurt!
M.) fUr Ermutigung und Anregung, den Studentinnen und Studenten in meinen
Tutorien fUr ihr vieWiltiges Interesse an der Staatstheorie. Barbara Budrich
danke ich fUr die verlegerische Betreuung meines Dissertationsprojekts, Arya
Marga und Hubertus Wolf fUr die grofizligige finanzielle Unterstiitzung der
Drucklegung sowie fUr technische Zuarbeiten Michael und Uli.
RodgaulFrankfurt a.M., Juni 1996
Birgit Seemann
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VORWORT
Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als habe die deutschsprachige
feministische politische Theorie, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen,
in den vergangenen Jahren die staatstheoretische Debatte iibersehen, verges
sen, ilbergangen oder vielleicht gar verschlafen. Eva Kreiskys prominent
gewordenes Theorem yom Staat als Mannerbund schien der einzig relevante
und vielerorts diskutierte Ansatz zum Verhaltnis von Staat und Geschlecht in
der feministischen Politikwissenschaft hierzulande. Der 1991 gegrilndete Ar
beitskreis Politik & Geschlecht in der Deutschen Vereinigung flir Politische
Wissenschaft startete zwar mit dem programmatischen Reader ,Staat aus femi
nistischer Sicht' (Biester u.a. 1992a), doch eine Fillle von staatstheoretischen
Debatten folgte dieser Edition bedauerlicherweise nicht. Allenfalls unter dem
Stichwort Wohlfahrtsstaat im Kontext sozialpolitischer Untersuchungen konn
ten weitere staatsbezogene Uberlegungen erwartet werden. Die mehr als zwan
zigjahrige Praxis der Neuen Frauenbewegung vis a vis des Staates, chang ie
rend zwischen seiner "Damonisierung" und seiner "Funktionalisierung" (vgl.
S. 20), verhinderte immer wieder die sachlich distanzierte Analyse und Theo
riebildung. Erst das gewachsene feministisch-politologische wissenschaftliche
SelbstbewuBtsein lieB den gescharften Blick auf den patriarchalen Staat attrak
tiv und produktiv erscheinen.
Was bislangjedoch fehlte, war eine Dokumentation und kritisch-iiberblik
kende Bearbeitung des disparaten Forschungsstandes: hier liegt sie nun end
lich vor. Birgit Seemanns Studie systematisiert das gesamte breit gestreute
Themenfeid zum vergeschiechtlichten Staat und kategorisiert die analytischen
Ansatze in ieicht zugangiicher, ilberzeugender Weise. Das hier aufgearbeitete
Forschungsfeid ist zugieich ernilchternd und erfreuiich, konstatiert Birgit See
mann doch einerseits zu Recht, daB ,der Staat' eine "black box" gebiieben sei
(vgl. S. 18), wahrend sie uns andererseits eine Fillle einschiagiger Materiaiien
prasentiert. Zu einigen relevanten staatstheoretischen Topoi gibt es erste Skiz
zen, so insbesondere zu staatlichem Gewaitmonopoi, Militarismus und Natio
naistaatlichkeit, aber auch zum Verhaitnis von patriarchalem Staat und Kapi
tal, zu Bilrokratie, Rechts-und Soziaistaatiichkeit.
Diese Auflistung verdeutlicht jedoch zugieich, wo die entscheidenden
Defizite und Unausgeftihrtheiten iiegen. Es mangeit an elaborierten Organisa
tions-und Institutionenanalysen, die Feinstrukturen des patriarchaien Systems
jenseits seiner oft beschworenen ,Vaterlichkeit' oder ,Manniichkeit' sind noch
kaum bekannt. Vollkommen offen blieb bislang insbesondere die zentrale
politikwissenschaftliche Frage, ob ,der Staat' aus geschlechterkritischer Per
spektive etwa als repressiver Apparat, als Korporation, monolithischer Block,
Institution oder System, ais autonomer Akteur, Steuerungsinstanz, Ordnungs
faktor, Aushandiungsort disparater Interessen oder diskursive Arena, als Man-
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nerbund, Gesamtkapitalist, Schiedsrichter oder gar als Nachtwachter ... zu
konzeptualisieren sei. Hierzu gibt es noch keinerlei fundierte Theorieansatze.
Auf seltsame Weise erscheint ,der Staat' als furchteinfioBender sexistischer
Leviathan, auch wenn Birgit Seemann wohlwollend resiimiert, daB die von ihr
untersuchten Autorinnen den Staat primar als "soziales Verhaltnis" (vgl.
S. 121) bestimmen.
Diese noch rudimentare Forschungslage hat Birgit Seemann dazu ange
regt, nach anderen, weiteren Inspirationen zu suchen und die staatstheoretisch
ausgearbeitete male stream auf mogliche Anhalts-und Ansatzpunkte fUr femi
nistische Staatstheorie zu befragen. In ,Staat ohne Geschlecht' versammelt und
verarbeitet sie eine wahre Fundgrube von theoretischen Anregungen zwischen
neo-korporatistischen und systemtheoretischen Zugangen. Sie kommt zu dem
hochst aufschluBreichen Befund, daB die male stream der Staatsforschung den
Staat gerne als regulierende Instanz iiber einem zu ordnenden gesellschaftli
chen Chaos betrachtet - ein Motiv, das zu weitreichenden feministischen
Spekulationen AniaB geben konnte.
Aber damit der produktiven Anregungen noch nicht genug: die beiden
Forschungsausblicke und das Fazit konfrontieren mit weiteren wichtigen Fra
gen und Thesen. Birgit Seemanns ganz eigene Theoretisierungen von Binnen
struktur und AuBenverhaltnis des Staates, in denen ,Weiblichkeit' oder ,Ge
sellschaft' die geordnete patriarchale Struktur mit (Zer)Storung bedrohen,
markieren wesentliche Ankniipfungspunkte fUr eine kiinftige feministische
Staatstheorie. Das in der Zivilgesellschaftsdebatte der Nach-Wende-Zeit zu
erneuter Prominenz gelangte Verhaltnis von Staat und Gesellschaft wird hier
innovativ ,engendered', ebenso der hierzulande noch nicht diskutierte Institu
tionenbegriff, dem ein eigener Abschnitt gewidmet ist.
Ich kann nur hoffen, daB sich Birgit Seemanns griindliche und hochst
anregende Arbeit auszahlen wird und uns in den kommenden Iahren viele
staatstheoretische Folgen beschert. Das wiirde mich sehr freuen: fUr die Auto
rin ebenso wie fUr die feministisch-politologische scientific community.
GieBeniFrankfurt am Main, Mai 1996
Barbara Holland-Cunz
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Gliederung
Kapitel I:
Einfiihrung:
,Staat' uDd ,Geschlecht' ........................................................................... 15
1. Empirischer Kontext: Frauendiskriminierung in staatlich
organisierten Gesellschaftssystemen als fortdauernde Struktur -
Einblicke .. ..... ........................... ...................... ........... ........... ........... 15
2. Problemstellung, Forschungsstand, Erkenntnisinteresse ................ 17
3. ,Geschlecht' ohne ,Staat'? -Der feministisch-politologische
Forschungshorizont ......................................................................... 23
3.1. Institutionelle Barrieren .................................................................. 24
3.2. Theoretische Schranken ................................... .............. ............ ..... 25
3.3. Dialogansatze am Beispiel der politologischen Friedens-und
Konfliktforschung ........................................................................... 28
3.4. Kurzresumee ................................................................................... 30
4. Gang der Untersuchung .................................................................. 31
4.1. Gliederung der Arbeit, methodisches Vorgehen ............................. 31
4.2. Begriffserliiuterungen, Wissenschaftsverstandnis .......................... 32
4.2.1. ,Geschlecht' , Geschlechterverhaltnis .............................................. 33
4.2.2. Strukturund ,Geschlecht' ............................................................... 36
4.2.3. Einige Anmerkungen zum Wissenschaftsverstandnis.... ................. 39
5. Anmerkungen ......... .................. ................. ....... ................... ............ 40
Kapitel II:
Der Staat in der bundesdeutschen Frauen-und
Patriarchatsforschung -Bestandsaufnahmen ....................................... 47
1. Einflihrung: "Was ist der Staat?" (Brigitte Young)
Zum feministischen Diskussionsstand in der Bundesrepublik ....... 47
2. Der Staat aus feministischer Sieht: Ein Literaturforschungsbericht 49
2.1. F eministische Konzepte jenseits des autoritar-bevormundenden
,Vater Staat' .................................................................................... 49
2.1.1. "Die Ent-Fesselung der Frau durch den Staat"
(Gisela Anna Erler) ......................................................................... 50
2.1.2. "Verstaatlichung des Leibes" (Annegret Stopczyk) ........................ 51
2.1.3. "Mutter-Nation und Vater-Staat" (Maria Mies) .............................. 53
2.2. Feministische Kritik des frauendiskriminierenden Sozial-und
Rechtsstaates ................................................................................... 54
2.2.1. "LaBt sich die Befreiung der Frau durch Gesetze erstreiten?"
(Sybille Raasch) .............................................................................. 55
11
2.2.2. "Sozialstaat auf Kosten von Frauen" (Ute Gerhard) ...................... 57
2.2.3. "Feministische Anmerkungen zur Theorie des Wohlfahrtsstaates"
(Susanne Schunter-Kleemann) ........................................................ 61
2.3. Der ,kapitalistisch-patriarchalische' Staat ...................................... 64
2.3.1. "unser Staat?" (beitrage 13/85, Editorial) ...................................... 64
2.3.2. "Zivilisation, moderner Staat und Gewalt"
(Veronika Bennholdt-Thomsen, Brunhilde Sauer-Burghard,
Irmgard Schultz) ............................................................................. 65
2.3.3. "Zum Verhaltnis von Staat und Kapital und Patriarchat"
(Claudia von Werlhof) .................................................................... 69
2.4. Geschlechtsspezifische Entstehungsbedingungen des modernen
Nationalstaates: "Politische Philosophie und die Frauenfrage"
(Seyla Benhabib, Linda Nicholson) ................................................ 76
2.5. Staatliches Gewaltmonopol, Sexismus und Militarismus als
geseUschaftlicher Strukturzusammenhang ...................................... 83
2.5.1. "Staatliches Gewaltmonopol, nationale Souveranitat und Krieg"
(Mechthild Rumpf) ...... .... ..... ......... ....... ........... ....... .... ... ..... .... ........ 84
2.5.2. "Patriarchat, Militar und der mod erne Nationalstaat"
(Astrid Albrecht-Heide) .................................................................. 89
2.5.3. "Militarisierung und Zivilisierung von Staaten und
Gesellschaften aus der Sicht feministischer Wissenschaft"
(Ulrike C. Wasmuht) ....................................................................... 92
2.5.4. "Gewalt im privaten, 6ffentlichen und internationalen Bereich
aus feministischer Perspektive" (lise Petry) ................................... 94
2.5.5. "Vergewaltigung als Staats-und Mannersache"
(Wolf-Dieter Narr) .......................................................................... 95
2.6. Der deutsche Staat als ,Mannerbund':
Zwei Konzeptualisierungsversuche ................................................ 98
2.6.1. "Der Staat als Mannerbund" (Eva Kreisky) ................................... 99
2.6.2. "Staatliche Macht ist misogyn" (Nicolaus Sombart) ...................... 102
2.7. Feministisch-politologische Uberlegungen zum Staat.. .................. 109
2.7.1. " ... das Buro, das Kontor, die Kanzlei, das Atelier -
lauter Sarge der Mannlichkeit"
(Elke Biester, Birgit Sauer, Brigitte Young) ................................... 109
2.7.2. "Der Staat -eine ,Mannerdomane'?" (Brigitte Young) .................. 110
3. Exkurs: Einblicke in die internationale feministische Literatur
zum Staat ......................................................................................... 112
3.1. Die US-amerikanische Sozialstaatsdebatte (Christiane Lemke) .... 113
3.2. Der skandinavische Wohlfahrtsstaat (Helga Maria Hernes,
Solveig Bergmann) .......................................................................... 116
4. Zusammenschau und offene Forschungsfragen:
Der Staat -ein ,soziales Verhaltnis'? .............................................. 120
4.1. Einleitung ..... ............. .......... ... ....... .... ........ ........ ... ....... ....... ....... ...... 120
4.2. Zusammenschau: Der Staat -ein soziales Verhaltnis? .................... 121
12
4.3. Forschungsfragen und Zwischenergebnisse zu ,Staat' und
,Geschlecht' ..................................................................................... 126
5. Anmerkungen .................................................................................. 127
Kapitel III:
,Staat' ohne ,Geschlecht': Feministische ,Streifziige' durch die
politologische Staatsforschung in der Bundesrepublik (Exkurs) ........ 141
1. Einflihrung: ,Staat' ohne ,Geschlecht' ............................................ 141
2. Staat und Staatswissenschaft in der Bundesrepublik -
einige Zugange ................................................................................ 143
2.1. Die Anfange: Demokratischer Sozialismus, katholische
Soziallehre, ,soziale Marktwirtschaft' (Neo-Liberalismus) ........... 144
2.2. Neo-Pluralismus: Der Staat als ,multifunktionale' Einrichtung
konkurrierender gesellschaftlicher Interessen .... ................ ............ 146
2.3. Neo-Konservatismus, Neo-Liberalismus: ,Ordnungsstaat' und
,Marktgesellschaft' .. ....................... .......... ...................... ....... .......... 147
2.4. Neo-Korporatismus: Der Staat und die gesellschaftlichen
GroBverbande .................................................................................. 149
2.5. Systemtheorie: Gesellschaft und Staat als funktionaler
,Regelkreislauf' .. .............. ............... ............. ................................... 151
2.5.1. Policy science: Das politisch-administrative Subsystem als
,aktiver' Planungsstaat .. ..... ...... ................... ............. ....................... 151
2.5.2. Funktional-strukturelle Systemtheorie, dezentrale
Kontextsteuerung: Die ,Entzauberung' des Staates als
hierarchischer ,Spitze' von ,Gesellschaft' ...................................... 153
2.5.3. ,Spatkapitalismus': Der ,kapitalistische Staat' als
,Krisenmanager' .............................................................................. 155
2.6. Neo-Marxismus: Der Staat als politische Organisation
,biirgerlich-kapitalistischer' Gesellschaftsformationen .................. 158
2.7. ,Alternative' Staatskritik: "Der Staat ist unnotig"
(John Burnheim) ............................................................................. 160
3. ,Staat' ohne ,Geschlecht' und feministische Theorie: Einige
Oberlegungen .. ........ ..... ............ ...................................... ................. 164
4. Anmerkungen .................................................................................. 165
Kapitel IV:
Geschlecht und Organisation:
Der Staat als Institution (Forschungsausblick I) .................................. 173
1. Einflihrung: Neue Frauenbewegung und Institutionenforschung... 173
2. ,Institution' und ,Organisation': Allgemeine Definitionen und
feministische Diskussionsansatze ................................................... 176
2.1. Institution ........................................................................................ 176
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