Table Of ContentEdition und Erforschung lateinischer patristischer Texte
150 Jahre CSEL
Edition und Erforschung
lateinischer
patristischer Texte
150 Jahre CSEL
Festschrift für Kurt Smolak zum 70. Geburtstag
Herausgegeben von
Victoria Zimmerl-Panagl, Lukas J. Dorfbauer
und Clemens Weidmann
ISBN 978-3-11-033686-3
e-ISBN 978-3-11-033923-9
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Annus MMXIV mirabilis
Curtius explebit gaudentibus undique amicis
Septenos decies annos, quo tempore et ipsum
Ecclesiae Corpus Scriptorum Vindobonense
Laetum quina decennia ter celebrabit ovansque.
e) Hw. Professor Vahlen über den Antrag: die Akademie wolle eine Collectio
scriptorum ecclesiasticorum latinorum herausgeben.
Die Commission stellt den Antrag:
„die Classe wolle beschließen, dass auf die Herausgabe eines Corpus kritisch
berichtigter Texte der lateinischen Kirchenväter eingegangen, zur Ausführung
derselben eine ständige Commission ernannt, und alsbald auf Beschlußfassung
der Gesammt-Akademie über die Geldmittel ein genaues Pro[gramm über die
Zwecke und Grenzen dieses Unternehmens veröffentlicht werde.]“
Auszug aus dem Protokoll (Nr. C 482) der Sitzung der philosophisch-
historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien am
24. Februar 1864.
150 und 70. Ein Vorwort
Das Jahr 2014 bringt zwei Jubiläen mit sich, die dem vorliegenden Band Anlass für
seine Entstehung geboten haben. Zum einen wird das 150-jährige Bestehen der For-
schungseinrichtung CSEL gefeiert, die 1864 an der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (damals noch Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien)
gegründet wurde (vgl. Abbildung links und auf Seite XI). Im Almanach der Akade-
mie des Jahres 1864 findet sich auf Seite 43 zur „Commission zur Herausgabe eines
Corpus kritisch berichtigter Texte der lateinischen Kirchenväter“ mit gewissem Stolz
vermerkt, dass deren Gründung an der „bewährten Ansicht festhaltend“ erfolgt sei,
„dass Akademien vorzüglich darin ihre Seinsberechtigung und ihre eigentliche Auf-
gabe finden, solche Arbeiten zu unternehmen, wozu die Kräfte und Mittel eines
Einzelnen nicht ausreichen“. Somit war die Einsetzung der Kommission Ausdruck
der Wertschätzung von Grundlagenforschung und Folge der Einsicht, dass dafür
eine konzentrierte Zusammenarbeit von Spezialisten über größere Zeiträume hin-
weg notwendig ist. Diese Wertschätzung dankten die Editoren des CSEL (d. h. der
sogenannten ‚Kirchenväterkommission‘) sehr bald durch auf Qualität bedachte
Textausgaben, die dem Editionsunternehmen internationales Renommee einbrach-
ten.1 Die Langlebigkeit von Forschungseinrichtungen ist jedoch keine Selbstver-
ständlichkeit; umso erfreulicher ist es, dass das heute der Universität Salzburg an-
gehörende CSEL sein durch 150 Jahre ungebrochenes Bestehen feiern darf. Dank
gebührt an dieser Stelle der Universität Salzburg, die im Jahr 2012 das Editions-
unternehmen übernommen hat und seine Forschungen nach Kräften unterstützt.
Zum anderen bot ein weiteres rundes Jubiläum Anlass für diesen Sammelband:
der 70. Geburtstag von Kurt Smolak. Neben seinem Wirken als Professor für Klassi-
sche Philologie an der Universität Wien hat er als Obmann der ‚Kirchenväterkom-
mission‘ zwischen 2001 und 2012 die Geschicke des CSEL geleitet. Seinem Engage-
ment ist es unter anderem zu verdanken, dass in diesen Jahren der historische
Höchststand an Mitarbeitern erreicht wurde.
Der vorliegende Band ist somit in Blickrichtung auf beide Jubiläen entstanden:
Die Autoren der Beiträge sind einerseits auf die eine oder andere Weise dem CSEL,
editorischer Arbeit bzw. der Erforschung patristischer Texte verbunden, anderer-
seits Kollegen, Wegbegleiter oder Schüler von Kurt Smolak. Als Zeichen dafür, dass
150 Jahre CSEL-Geschichte nicht nur Anlass zur zufriedenen Rückschau geben, son-
dern auch Mut und Ansporn für die Zukunft sein wollen, präsentiert der Band Er-
gebnisse neuerer Forschung: Den Schwerpunkt bilden Beiträge zu in Vorbereitung
befindlichen CSEL-Editionen (zu Fortunatian, dessen verlorengeglaubter Kommen-
tar von Lukas Dorfbauer jüngst wiederentdeckt wurde; zu Augustinus, wie etwa die
Beiträge von Volker Drecoll und Franco Gori; zu Augustinus bzw. Eucherius von
||
1 Alle bisher erschienenen CSEL-Bände sind aufgelistet unter: www.csel.eu.
VIII | 150 und 70. Ein Vorwort
Clemens Weidmann; zu monastischen Texten durch Hildegund Müller, Albrecht
Diem und Victoria Zimmerl-Panagl). Dazu kommen Beiträge, in denen die Geschich-
te eines ‚augustinischen Streites‘ nachgezeichnet wird (Franz Römer), die unter
anderem Textkritisches zum Inhalt haben (Danuta Shanzer, Claudio Micaelli und –
aus dem griechischen Bereich – Roberto Palla), Texte vorstellen, zu denen eine kri-
tische Edition noch aussteht (Gottfried Kreuz), Datierungen philologisch hinterfra-
gen (Angela Kinney) sowie Text-Bezüge aufzeigen und interpretieren (Christine
Ratkowitsch und Dorothea Weber). Damit sind Forschungen repräsentiert, die ent-
weder direkt am CSEL beheimatet sind oder den derzeit am CSEL gesetzten Schwer-
punkten nahestehen; ergänzend beleuchtet ein Beitrag (Christine Harrauer) eine
Episode aus der Frühzeit des CSEL und steht stellvertretend für das reiche Archiv-
material dieser Einrichtung, das seiner Aufarbeitung noch harrt.
Abschließend sei den Autoren der Beiträge für die Mitarbeit an diesem Sammel-
band herzlich gedankt. Besonderer Dank gilt aber unserem ehemaligen Obmann
Kurt Smolak für seine Tätigkeit am CSEL – zu seinem 70. Geburtstag sei ihm dieser
Band mit unseren besten Wünschen gewidmet!
Wien/Salzburg, im Frühjahr 2014
die Mitarbeiter des CSEL
Victoria Zimmerl-Panagl Lukas J. Dorfbauer Clemens Weidmann
150 Jahre Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum
Latinorum
Am 24. Februar 1864 von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien
gegründet, um durch kritische Editionen der Werke der lateinischen Kirchenväter
die lexikographische Arbeit des damals im Planungsstadium befindlichen Thesau-
rus linguae Latinae auch für die Spätantike auf ein sicheres Fundament zu stellen,
steht das CSEL in einer Reihe mit anderen Langzeitprojekten, etwa den zwei großen
Editionsunternehmen „Monumenta Germaniae Historica“ und „Berliner Corpus der
griechischen christlichen Schriftsteller der ersten Jahrhunderte“. Dass sich Berlin
der griechischen Patristik annahm, die Wiener ‚Kirchenväterkommission‘ hingegen
der lateinischen, reflektiert die konfessionellen Unterschiede: Das katholische Ös-
terreich war stärker der lateinischen Tradition verbunden als das protestantische
Preußen.
In dem Bemühen, die neuen Editionen auf breiter handschriftlicher Grundlage
zu erstellen, publizierte das CSEL bereits ein Jahr nach seiner Gründung einen ers-
ten Katalog der älteren Handschriften der lateinischen Kirchenväter und im Jahr
darauf, 1866, die erste Edition: Sulpicius Severus, dessen Werk mit Ausnahme der
reichlich bezeugten Vita S. Martini nur in einem einzigen Codex erhalten ist, ebenso
wie beispielsweise Arnobius’ Adversus nationes, was bald darauf im dritten Band
publiziert wurde. Mit dieser Vorgangsweise konnte das zeitaufwendige Suchen von
Handschriften und Kollationieren anfänglich zugunsten eines raschen Publika-
tionsstarts vermieden werden. Doch obwohl die nächsten Bände eine wesentlich
breitere handschriftliche Überlieferung zu berücksichtigen hatten, wurde das hohe
Arbeitstempo bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts durchgehalten: Neben Katalo-
gen zu Handschriften mehrerer europäischer Länder waren bis dahin knapp über 60
Bände erschienen, die zum Teil heute noch als führende Editionen gelten: Etwa
zwei Drittel sind entweder noch zu berücksichtigen oder stellen überhaupt die beste
oder jedenfalls die einzige moderne Ausgabe dar. Dieser fruchtbaren Arbeitsperio-
de, in die beispielsweise die epochalen Ambrosius-Editionen Karl Schenkls (CSEL
32/1.2.4) und die magistralen Augustinus-Editionen Alois Goldbachers (CSEL 34/1.2;
44; 57), Michael Petschenigs (CSEL 51–53) und Joseph Zychas (25; 28/1.2; 41) fielen,
setzte der Erste Weltkrieg ein Ende: Nicht nur fehlte nun Geld für den Druck weiterer
Bände, auch hatte der Krieg unter den Editoren Opfer gefordert; von diesen Verlus-
ten konnte sich die Kommission lange nicht erholen. Trotz ausländischer Finanzie-
rungshilfe war das CSEL bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erst bei Band 69 an-
gelangt. Die NS-Zeit überstand die Kommission, indem sie sich kurzerhand von
‚Commission zur Herausgabe eines Corpus kritisch berichtigter Texte der lateini-
schen Kirchenväter‘ in ‚Kommission zur Herausgabe spätlateinischer Texte‘ umbe-
nannte und dadurch ihre Arbeit relativ unbehelligt fortführen konnte. Die Bilanz
dieses Krieges fiel auch für das CSEL erschreckend aus: Walter Jacob beispielsweise,
X | 150 Jahre Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum
der an der Edition von Cassiodors Historia ecclesiastica tripartita gearbeitet hatte,
zählte ebenso zu den Opfern wie Karl Holl; das Manuskript seiner Hilarius-Edition
ist verschollen. Es mangelte an qualifizierten Editoren und an Geld. Doch Wirt-
schaftsaufschwung und kluger Forschungspolitik ist es zu verdanken, dass das
CSEL nicht nur überlebt hat, sondern seit 1964 tendenziell zunehmend über wissen-
schaftliches Personal verfügt; auswärtige Editoren können daher in ihrer Arbeit
tatkräftig unterstützt und Editionen auch durch das Mitarbeiterteam erstellt werden.
Die in den darauf folgenden Jahren initiierten Nebenprojekte, nämlich die Specimi-
na Lexici Augustiniani (mittlerweile eingestellt), begleitende Monographien und vor
allem die Reihe der Kataloge aller Handschriften mit echten und unechten Augusti-
nuswerken haben die eigentliche Editionsarbeit unterstützt und ihr wichtige Impul-
se gebracht.
Einer der Editionsschwerpunkte liegt derzeit auf Augustinus: Abgesehen von
Einzeleditionen jener Werke, die bis dato nur in unkritischen Ausgaben aus dem
Ende des 17. Jhs. vorliegen, wird in Zusammenarbeit mit dem ‚Istituto Patristico
Augustinianum’ (Rom) das umfangreiche Corpus der Enarrationes in psalmos Au-
gustins ediert. Intensive Editionstätigkeit galt und gilt ferner dem Œuvre des Amb-
rosius; für beide Autoren sind auch neu erstellte Zweiteditionen in Arbeit, die veral-
tete CSEL-Bände ersetzen wollen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Mönchsregeln.
Als Folge des verstärkten wissenschaftlichen Personalstands sind dem Unterneh-
men ansehnliche Neufunde gelungen: im Zuge der Arbeit an Handschriftenkatalo-
gen die Entdeckung 27 neuer Briefe (Epistulae Divjak, CSEL 88) sowie sechs neuer
Predigten Augustins (sermones Erfurt, WSt 121 und 122) und gegen Ende des Jahres
2012 des vollständigen Textes des Evangelienkommentars Fortunatians.
1864 hatte die Kaiserliche Akademie das CSEL einem Leitungsgremium anver-
traut, das aus vier Professoren der Wiener Universität bestand: den Klassischen
Philologen Hermann Bonitz und Johannes Vahlen, dem Historiker Albert Jäger und
dem Slawisten Franz Miklosich (der betreffende Abschnitt aus dem Gründungspro-
tokoll ist auf Seite XI wiedergegeben). Bis in die Mitte des Jahres 2012 war daher für
die Arbeit an der ‚Kommission zur Herausgabe eines Corpus der lateinischen Kir-
chenväter (CSEL)‘ die Organisationsstruktur der Akademie der Wissenschaften maß-
geblich: Als wissenschaftliche Kommission wurde sie von einem Obmann geleitet,
der Akademiemitglied und (mit wenigen Ausnahmen) Professor für Klassische Phi-
lologie an der Universität Wien war.
Als Obmänner fungierten:
1864–1874: Johannes Vahlen
1875–1891: Franz von Miklosich (Slawist)
1891–1907: Wilhelm von Hartel
1907–1916: Wilhelm Meyer-Lübke (Romanist und Sprachwissenschaftler)
1916–1941: Edmund Hauler
1941–1963: Richard Meister
1964–1982: Rudolf Hanslik