Table Of ContentKrafeld, Die Praxis Akzeptierender Jugendarbeit
Franz Josef Krafeid
in Zusammenarbeit mit Eike LutzebackiGiseia Schaar/
Caroia StormIW oifgang Weip
Die Praxis Akzeptierender
Jugendarbeit
Konzepte - Erfahrungen - Analysen
aus der Arbeit mit rechten Jugendc1iquen
Leske + Budrich, Opladen 1996
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Krafeld, Franz Josef:
Die Praxis Akzeptierender Jugendarbeit : Konzepte, Erfahrungen, Analysen aus der Ar
beit mit rechten Jugendcliquen I Franz Josef Krafeld. - Opladen : Leske und Budrich,
1996
ISBN 978-3-322-92576-3 ISBN 978-3-322-92575-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-92575-6
© 1996 Leske + Budrich, Opladen
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Satz: Leske + Budrich
Inhalt
Vorwort .................................................................................................. . 7
A) Konzeptionelle Ansatze
I. Konzeptionelle Grundlagen Akzeptierender lugendarbeit............... 13
2. Praktische Handlungsgrundlagen Akzeptierender lugendarbeit ..... 24
2.1 Zur Hilflosigkeit aufklarungsorientierter Ansatze............................ 24
2.2 Zentrale Handlungsansatze Akzeptierender Jugendarbeit................ 26
2.3 Zum Umgang mit aggressivem Verhalten JugendJicher .................. 28
3. Zur Auseinandersetzung um Akzeptierende lugendarbeit................ 31
4. Zur f)ehatte um die Attraktivitiit rechtsextremistischer
Orientierungen hei lugend/ichen ..................................................... 37
B) Erfahrungen und Analysen
I. Akzeptierende lugendarbeit in Bremen - die Entwicklung
von den Anfiingen bis heute.............................................................. 45
1.1 Entstehung und Autbau des Projektzusammenhangs ....................... 45
1.2 Entwicklung der Projektbereiche bis zur Professionalisierung der
Arbeit 1991/92................. ............ ......................... ..................... ..... 56
1.3 Entwick1ung der Projektarbeit seit der Professionalisierung ............ 63
1.4 Prolektiibergreifende Arbeit ............................................................. 75
2. Cliqllenorientierte und gemeinwesenorientierte Zugiinge ................ 81
3. Allfl'Uchende lligendarbeit und die Trennung von Arbeit und
Pril'otleben ..... ............... ... ............ ................................................... 86
4. Ge.l'chlechtsspeziJische Orientierungen in der Arbeit mit rechten
lugendcliquen ................................................................................. 96
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5. Zum Gewaltverhalten Jugendlicher: Exemplarische Reflexion
einer Extremsituation ................................ ...... ............................ ..... 113
6. Einmischung in die Lebenswelten Jugendlicher............................... 119
C) Methoden der Praxisberatung und Praxisforschung
1. Ansatzebenen von Praxisberatung und Praxisforschung ................. 131
2. Konzepte und Methoden der Praxisberatung ................................... 133
3. Methoden praxisunmittelbarer Praxisforschung .............................. 141
4. Methoden der Selbstbeforschung in der Jugendarbeit ..................... 151
Literatur.................... ................................................................................. 161
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Vorwort
Als wir Ende 1988/A nfang 1989 kurz nacheinander in drei Bremer Stadt
teilen damit begannen, lugendarbeit mit rechten lugendcliquen zu versuchen,
da wurden wir von fast allen Seiten mit immenser Skepsis, mit ungeheuren
Vorbehalten oder gar mit massiven Vorwiirfen konfrontiert. Trotzdem haben
wir gewagt, was damals weithin als tabuisiert galt: auf lugendliche zuzuge
hen, die durch rechtsextremistische AuBerungen und entsprechende Gewalt
bereitschaften massiv auffallig geworden waren. Auf sie zuzugehen, schien
uns die einzige Chance zu sein, das zu erreichen, was so viele - und teils
auch wir selbst - seit lahren vergeblich durch Aufklarungsbemiihungen und
Bekampfungsstrategien versucht hatten: diese lugendlichen dazu zu bringen,
von derartigen Orientierungen und Verhaltensmustern Abstand zu nehmen.
Liingst hat sich bestatigt, wie richtig und wie wichtig dieser Ansatz war
und ist. Dabei standen uns zunachst keinerlei speziellen konzeptionellen
Grundlagen flir die Arbeit mit dieser Zielgruppe von lugendarbeit zur Verfii
gung. Diese hatten wir uns erst selbst in der praktischen Arbeit entwickeln
miissen (vgl. dazu: Akzeptierende lugendarbeit 1992). Inzwischen - nach an
fangs zeitweise heftigen Kontroversen - findet der daraus entstandene Ansatz
,Akzeptierender lugendarbeit' allgemeine Beachtung. So wird die Akzeptie
rende lugendarbeit in dem 9. lugendbericht der Bundesregierung als "das
theoretische Konzept" flir dieses Feld der lugendarbeit benannt. Entspre
chend groB ist immer wieder das Interesse an unseren Grundlagen und Erfah
rungen. Diese in ihrer Breite und Vielschichtigkeit zusammenfassend mog
lichst praxisnah darzustellen, das ist die Absicht des vorliegenden Buches.
Fiir den Erfolg unserer Arbeit war die Verbindung von drei Ebenen ganz
entscheidend, namlich der konzeptionellen Entwicklungsarbeit, der Auf
arbeitung praktischer Erfahrungen und der wissenschaftlichen Begleitung. Die
se drei Ebenen sollen daher in je einem Hauptteil aufgegriffen werden. Die
Verschiedenartigkeit dieser Ebenen Jegt dabei verschiedene Vorgehenswei
sen nahe. 1m ersten, konzeptionellen Teil geht es weniger darum, iiberhaupt
konzeptionelle Grundlagen Akzeptierender lugendarbeit zu vermitteln. Denn
dazu liegen bereits verschiedene Publikationen vor (vg\.: Akzeptierende lu
gendarbeit 1992; oder zusammenfassend z.B.: Krafeld 1993). Hier geht es
mehr um das Wie. Dazu werden in die DarstelJung systematisierende und zu-
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sammenfassende, in Fortbildungsveranstaltungen erprobte Arbeitspapiere zu
den konzeptionellen Grundlagen und zu praktischen Handlungsgrundlagen
Akzeptierender Jugendarbeit eingebaut. Erganzt wird diese Darstellung urn
bewuBt pointiert formulierte Debattenbeitrage zur Diskussion urn die stei
gende Attraktivitat rechtsextremistischer Orientierungen bei Jugendlichen
und zur Auseinandersetzung urn die Akzeptierende Jugendarbeit.
Der zweite Hauptteil widmet sich den praktischen Erfahrungen. Er be
ginnt mit einer ausfiihrlichen zusammenfassenden Darstellung der Entwick
lung unserer Projektarbeit, die immer wieder von uns abgefragt wird. Gleich
zeitig bietet diese tiberblickgebende Darstellung einen geeigneten Rahmen,
urn im weiteren Schwerpunktsetzungen, Einzelaspekte und Beispiele besser
einordnen und verstehen zu konnen. Anhand von ftinf Erfahrungsfeldern, die
sich in der Praxis als sehr wichtig erwiesen haben und trotzdem aber in unse
ren bisherigen Publikationen bislang kaum oder gar nicht angesprochen wer
den konnten, wird dann der Alltag der praktischen Arbeit und des sen Analy
se zum zentralen Gegenstand.
Ebenfalls in den bisherigen Publikationen zu unserer Arbeit bislang fast
vollig unberticksichtigt blieben die Erfahrungen, die wir in der Praxisbera
tung oder Praxisforschung gewonnen haben. Diese erscheinen uns insbe
sondere deshalb wert, weitervermittelt zu werden, weil wir in beiden Be
reichen versucht haben, die Distanz zum Alltag der Jugendarbeiterinnen und
Jugendarbeiter moglichst gering zu halten: durch die Koppelung von alltags
naher und problemzentrierter, systematisierender Praxisberatung und durch
eine Praxisforschung, die Praktikerinnen und Praktiker moglichst weit in
standsetzen solI, ihre eigene Praxis mit zu beforschen und ihr Expertenwissen
in die FachOffentlichkeit hinein weitervermitteln zu konnen. Damit solI das
tibliche Dilemma angegangen werden, daB Wissenschaft sich immer wieder
viel zu we it weg von den Problemen der Praxis bewegt und daB es anderer
seits Praxis immer wieder ungemein schwer faUt, ihre Erfahrungen und Er
kenntnisse , verOffentlichungsreif aufzuarbeiten.
Anders, als bei manchen anderen Publikationen tiber unsere Arbeit ist
das vorliegende Buch - abgesehen von einigen gesondert ausgewiesenen
Passagen - als individueUes Produkt angelegt, nicht als gemeinsames in dem
Sinne, daB der Text gemeinsam verfaBt wurde und die Einzelaussagen ge
meinsam vertreten werden. Gleichwohl ist aber nattirlich auch dieser Text
von der ungemein guten und intensiven Kooperation getragen, die unseren
Projektzusammenhang von Anfang an so auBerordentlich gepragt und gefor
dert hat. Gemeinsam sind denn auch die Erfahrungs- und Lernprozesse, ge
meinsam sind die Aufarbeitungs- und Reflexionsprozesse, die Gegenstand
dieses Buches sind - wenn auch in unterschiedlichen RoUen durchlebt und
bearbeitet. So ist also die hier vorgelegte Zusammenfassung von Konzepten,
Erfahrungen und Analysen aus der Praxis Akzeptierender Jugendarbeit letzt
lich ein spezifisches Produkt der wissenschaftlichen Begleitung mit ihrem ei
genen und eigenstandigen Charakter. Den darf sie auch in einem sehr koope
rativen Gesamtzusammenhang nicht verwischen oder verleugnen. Urn also
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sowohl das gemeinsam Tragende wie die unterschiedliche Funktion und
Rolle bei der Erarbeitung des vorliegenden Textes moglichst treffend zum
Ausdruck zu bringen, wurde zur Autorenschaft die Formulierung " ... in Zu
sammenarbeit mit ... " gewiihlt. Genannt sind hier mit Elke Lutzebiick, Gisela
Schaar, Carola Strom und Wolfgang Welp diejenigen vier Praktikerinnen und
Praktiker, die die Akzeptierende Jugendarbeit von Anfang an mit aufgebaut
und entwickelt haben und die auch deren Weiterentwicklung bis heute ent
scheidend tragen - inzwischen als hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mit
arbeiter des von ihnen selbst gegrtindeten Vereins.
Hervorzuheben sind hier aber auch diejenigen, die zwar nicht wie jene
die Entwicklung Akzeptierender Jugendarbeit insgesamt priigen, aber an
wichtigen Stellen mitwirken. Das gilt ganz besonders flir Gunda Heim, die
die ersten 1ahre der Projektarbeit entscheidend mitgetragen hat und nach wie
vor als Honorarkraft tatig ist, auBerdem flir die anderen als Honorarkriifte in
diesem Arbeitszusammenhang tatigen Gunnar Grehl, Roland Mattyssen und
Anna Meins. Fehlen dart" aber auch nicht der Dank an diejenigen, die in be
sonderer Weise untersttitzend zu dieser Praxis und ihrer Aufarbeitung beige
trag en haben. Dazu gehoren zuniichst einmal Erich Ernst-Pawlik und Hans
Gtinter Schwalm. die als besonders engagierte Verantwortliche im Amt flir
Soziale Dienste der Stadt Bremen vieles tiberhaupt erst angestoBen und er
moglicht lwben. auBerdem Andrea Mtiller als 1ugendbildungsreferent der Ju
gendbildungsstatte Bremen. der seit Jahren den regionalen und den bundes
weiten Austausch von Praktikerinnen und Praktikern in der Arbeit mit rech
ten Szenen Ln Zusammenarbeit mit uns organisiert. Danken mbchte ich ferner
meinen beiden Kollegen Andreas Pohl und Kurt Possehl aus dem Zentrum
ftir soziale Beratung und Bildung (ZEBB) in der Hochschule Bremen ftir ihre
beratende Untersti.itlung bei der wissenschaftlichen Begleitung und Kai
Bogner fUr die technische Untersttitzung.
In ganl besonderer Weise dankend Erwahnung verdient schlieBlich die
Stiftung Deutsche lugendmarke. die durch eine Modellfbrderung die Wei
terentwicklung und entsprechende wissenschaftliche Begleitung des Pro
jektzusammenhangs i.iberhaupt erst ermbglicht hat.
Bremen. Mai 1995 Franz Josef Krafeld
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A) Konzeptionelle Ansatze
1. Konzeptionelle Grundlagen Akzeptierender
Jugendarbeit
Die konzeptioneJlen Grundlagen Akzeptierender Jugendarbeit wurden aus
der praktischen Arbeit mit Jugendcliquen entwickelt, die durch Fremdenfeind
lichkeit, rechtsextremistische Orientierungen und entsprechend motivierte
Gewalt massiv auffallig geworden sind und die teilweise auch Beztige zum
organisierten rechtsextremistischen Spektrum haben. Dabei stellt die Akzep
tierende lugendarbeit einen konzeptioneJlen Ansatz von Jugendarbeit dar, der
so direkt und unmittelbar wie kaum ein anderer aus der Praxis und ihrer Allf
arbeitung und wissenschaftlichen Begleitung entwickelt wurde. Nicht irgend
ein Konzept stand am Anfang, sondern ganz konkrete drangende Problem
lagen, denen sich engagierte angehende Praktikerinnen und Praktiker stellten.
Die praktischen Erfahrungen, Aufgaben und Probleme, die sich daraus erga
ben, drangten dann dazu, sich konzeptionelle Grundlagen fUr die Arbeit mit
dieser Zielgruppe zu erarbeiten. Denn solche gab es bislang tiberhaupt nicht,
weil diese lugendlichen bis dahin praktisch tiberall aus Jugendarbeit ausge
grenzt worden waren.
Die Grundztige des so entstandenen Ansatzes sollen im folgenden zu
sammenfassend dargesteJlt werden. Vorab jedoch verdienen zwei wichtige
Pramissen ausdrtickliche Betonung:
I. Padagogik kann keine gesellschaftlichen Probleme IOsen. Sie kann aber
dazu beitragen, mit gesellschaftlichen Problemlagen anders umgehen zu
lernen - und damit auch indirekt verandernd auf die Problemlagen ein
zuwirken. Das gilt auch fUr den Umgang mit Rechtsextremismus.
2. Padagogik hat sich nicht nur darum zu ktimmern, Menschen von einer
Hinwendung zu rechtsextremistischen Ideologien abzuhalten. Genauso
wichtig ist die Arbeit mit denjenigen, die rechtsextremistische Orientierun
gen ftir sich als .passende und sinnvolle' Deutungs- und Handlungsmuster
empfinden. Denn Padagogik geht immer von der Lern- und Veranderungs
fahigkeit von Menschen aus (vgl. ausfUhrlicher dazu: Krafeld 1995a).
Die Akzeptierende lugendarbeit tritt schon mit ihrer Bezeichnung bewuBt
pointiert an gegen die tibliche, ja lange Zeit in der Jugendarbeit geradezu als
selbstverstandlich geltende Ausgrenzung von solchen Jugendlichen, die
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