Table Of ContentMeinolf Vielberg
Der Mönchsbischof von Tours im ,Martinellus'
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DE
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Untersuchungen zur
antiken Literatur und Geschichte
Herausgegeben von
Gustav-Adolf Lehmann, Heinz-Günther Nesselrath
und Otto Zwierlein
Band 79
Walter de Gruyter · Berlin · New York
Der Mönchsbischof von Tours
c
im ,Martinellus
Zur Form des hagiographischen Dossiers
und seines spätantiken Leitbilds
von
Meinolf Vielberg
Walter de Gruyter · Berlin · New York
® Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
ISSN 1862-1112
ISBN-13: 978-3-11-018858-5
ISBN-10: 3-11-018858-9
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Vorwort
An der Friedrich-Schiller-Universität Jena besteht seit 1998 das Gra-
duiertenkolleg „Leitbilder der Spätantike". Ziel des von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft und dem Freistaat Thüringen geförderten
Kollegs ist die komparative Erfassung des Problemfelds „Leitbilder der
Spätantike", wobei im Unterschied zu früheren Versuchen philolo-
gische, historische, archäologische, theologische, philosophische und
juristische Ansätze ineinander greifen. Im Rahmen dieses Forschungs-
projekts entstanden verschiedene Monographien auch zu hagiogra-
phischen Texten. Daher lag es nahe, in Gestalt des sogenannten
,Martinellus', der um 800 in Tours unter dem Abt Alkuin aus ver-
schiedenen Schriften über den Mönchsbischof von Tours zusammen-
gestellt worden ist, ein für den lateinischen Westen zentrales hagio-
graphisches Dossier und das damit in Spätantike und Frühmittelalter
vermittelte Vor- und Leitbild zu untersuchen.
Bei diesen Untersuchungen konnte ich von anregenden Seminaren
und förderlichen Diskussionen mit einer Reihe von Kolleginnen und
Kollegen profitieren, von denen ich stellvertretend Walter Ameling,
Jürgen Dummer, Angelika Geyer, Gerlinde Huber-Rebenich, Ro-
derich Kirchner, Christoph Schubert, Christian Tornau und Hel-
muth G. Walther nennen und ihnen danken möchte. An den Uni-
versitäten Bamberg, Bielefeld, Erlangen, Mainz, Rostock und bei der
Mommsen-Tagung 1999 in Jena durfte ich vorläufige Ergebnisse
meiner Forschungen vortragen. Ich bin den Kolleginnen und Kollegen
für anregende Diskussionen und ihre Gastfreundschaft zu großem
Dank verpflichtet. Dieser gilt auch den Mitgliedern des Teilprojekts
B2 des Sonderforschungsbereichs 493 „Funktionen von Religion im
antiken Vorderen Orient" an der Universität Münster, vor allem
Johannes Hahn und Adolf Köhnken, mit denen 2003 in Jena die
gemeinsame Tagung „Formen und Funktionen von Leitbildern" ver-
anstaltet wurde.
Im Zentrum der Ringvorlesungen, Kolloquien und Seminar-
diskussionen stand freilich die Betreuung der Kollegiatinnen und
Kollegiaten. Daher ist in ihrem Kreis und im Austausch mit ihnen
und den Gästen des Kollegs mancher Gedanke entwickelt worden.
Anläßlich einer Exkursion zu der Stiftsbibliothek in Merseburg Ende
2004 konnte den Kollegiaten ein dort im Kodex 105 bewahrter
VI Vorwort
,Martinellus' vorgestellt und erläutert werden. Nach den paläogra-
phischen Untersuchungen Bernhard BlSCHOFFs handelt es sich um
einen im ersten Viertel des neunten Jahrhunderts im Kloster Lorsch
geschriebenen und mit Alkuins Vita S. Vedasti zusammengebundenen
Pandekt, der auf unbekanntem Wege, vielleicht im Zuge der umfang-
reichen Schenkungen Kaiser Heinrichs II. von 1004, in die Stifts-
bibliothek gelangt ist. (Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschrif-
ten, Lorsch, 2. erw. Aufl. 1989, 59). Der Merseburger ,Martinellus'
umfaßt nicht nur die bekannten Martinsschriften von Sulpicius Se-
verus und Gregor von Tours sowie die von LE BLANT und GlLARDI
edierten Inschriften aus der Zelle des Mönchsbischofs und der Mar-
tinsbasilika in Tours, sondern auch die älteste Abschrift von Alkuins
Martinsvita und als Eigengut ein wohl spätes Gedicht auf den
Konfessor (MGH Poetae VI, 171-2). Ich danke dem Leiter der Dom-
bibliothek Herrn Dr. Holger Kunde, daß er uns den Kodex zur
rechten Zeit aus seinen Schatzkammern hervorholte.
Es ergaben sich Überschneidungen mit Arbeiten, die in den
Vigiliae Christianae und der Revue d' Etudes Augustiniennes er-
schienen sind. Den Herausgebern der Zeitschriften danke ich für die
Möglichkeit des Wiederabdrucks in veränderter Form. Eine be-
gleitende Studie, die der griechischen (und orientalischen) Hagio-
graphie gewidmet ist, wird von Herrn Kollegen Dummer vorbereitet.
Jürgen Dummer war so freundlich, eine erste Fassung des im Juni
2005 abgeschlossenen Manuskripts zu lesen. Zahlreiche Hinweise
erhielt ich auch von O. Zwierlein, dem ich wie G. A. Lehmann und
H.-G. Nesselrath für die Aufnahme in die ,Untersuchungen zur
antiken Literatur und Geschichte' danke. Die Verantwortung für alle
etwa verbliebenen Fehler liegt selbstverständlich allein bei mir.
Mein ganz besonderer Dank gilt Marie-Theres, Alexandra, Hanna,
Richard und Charlotte, die den anwesenden Vater zu oft , abwesend'
erlebten, und meiner Frau Iris, ohne deren stete, liebevolle Unter-
stützung diese und auch frühere Arbeiten nicht hätten entstehen
können. Ihr, Iris, ist diese Abhandlung gewidmet.
Jena, im Dezember 2005 Meinolf Vielberg
Inhalt
I Einleitung:
Von der antiken Biographie zur christlichen Heiligenvita 1
1 Griechische Biographie 2
2 Römische Biographie 8
3 Christliche Biographie und Hagiographie 10
4 Wege zum ,Martinellus' 15
5 Genese des hagiographischen Dossiers 19
6 Zur Entstehung der Hagiographie und zur Erforschung des
,Martinellus' 21
7 Zielsetzung und Vorgehensweise 27
II Autoren des ,Martinellus': ein historischer Überblick 34
1 Sulpicius Severus: Sermo claudendus?
Ein offener Beginn 34
1.1 Die Martinsvita und ihr Verfasser 39
1.2 Transites: Die Martinsbriefe 44
1.3 Reisen nach innen und nach außen: Die Martinsdialoge 51
2 Paulinus Petricordensis: Pro lata transcriber
Das Martinsepos zwischen Tradition und Neuerung 60
2.1 Der Dichter und sein Auftraggeber 60
2.2 Das hagiographische Epos als Gattungsinnovation 64
2.3 Das dichterische Selbstverständnis 70
3 Venantius Fortunatus: Extensa viatica?
Zur poetischen Selbstreflexion des Hagiographen 75
3.1 Reise-und Schifffahrtsmetaphorik 77
3.2 Reale Reisen und Motive des .Wanderpoeten' 79
3.3 Fiktive Reisen 86
3.4 Funktionen der Reisebeschreibungen in der Prosa und
Gelegenheitsdichtung des Fortunatus 90
3.5 Funktionen der Reisebeschreibung im Martinsepos 98
3.6 Auswertung und Ausblick 106
4 Gregorius Turonensis: Praesentes virtutes memoriae mandabo
Zwischen literarischer Uberlieferung und
kultischer Praxis 107
4.1 Herkunft und Werdegang eines gallischen Metropoliten 107
VIII Inhalt
4.2 Historiographie und Hagiographie - zur historisch-
politischen Dimension der ,Martins'schriften 115
4.3 Heil und Heilung (I): heilpraktisch-medizinische
Anliegen der ,Martins'schriften 140
4.4 Heil und Heilung (II): die pastoral-eschatologische
Tendenz des Werks 154
III Zu Form und Inhalt des ,Martinellus':
systematische Aspekte 163
1 ,Mönchs'bischof oder Wundertäter? Anlage und
Ausgestaltung der sozialen Rolle und Funktion 164
1.1 Rollenmodelle der römischen Aristokratie 164
1.2 Anlage der Rolle des ,Mönchsbischofs' durch
Sulpicius Severus 167
1.3 Ausgestaltung der Rolle(n) in den Martinsschriften bis auf
Gregor von Tours 171
1.4 Ursachen des Rollenwandels 174
2 Amplectanda ipso duläpictura colore. Zur Farbgestaltung im
.Martinellus' 179
2.1 Utpkturapoesis? Farbgestaltung in Kunst und Literatur 179
2.2 Martin begegnet Maximus (Sulp. Sev. Mart. 20):
zur farblichen Hervorhebung symbolischer Ordnungen 181
2.3 Farbliche Umgestaltung von Vorlagen der Martinstradition
(Sulp. Sev. dial. 2,6,2-6; 2,10,4-6; Mart. 24,4-6) 186
2.4 Farbgestaltung von Partien ohne Prätext in der
Martinstradition (Ven. Fort. Mart. 3,455-528) 193
2.5 Formen und Funktionen der Farbgestaltung 203
3 Personifikationen als Ausdrucksmittel im ,Martinellus' 199
3.1 Zur Geschichte der Personifikation 199
3.2 Personifikationen im ,Martinellus' 203
3.3 Paulinus Petricordensis: ein Stufenbau der Wirklichkeit? ... 208
3.4 Außenwelt 208
3.5 Innenwelt der menschlichen Psyche 215
3.6 Kult und Religion 219
3.7 Die Martinsbasilika in der Sakrallandschaft von Tours
und in der Binnengliederung des sechsten Buchs 224
3.8 Ausblick 228
4 Hagiographie und Rhetorik:
Panegyrische Strategien im ,Martinellus' 229
4.1 Alkuins Grabrede 230
4.2 Enkomion und Heiligenvita 235
4.3 Zur Komposition der Vita S. Martini des Severus 239
4.4 Konventionelle Formen des Personenlobs 244
Inhalt IX
4.5 Unkonventionelle Formen des Personenlobs 254
4.6 Tugendbegriffe 256
4.7 Ethopoiie im Spannungsfeld von panegyrischer Absicht
und historischem Wahrheitsgebot 275
4.8 Panegyrische Strategien bei Paulinus Petricordensis
und Venantius Fortunatus 283
IV Schluß:
Von der Memoria im ,Martinellus'
zur mittelalterlichen Rezeption des Leitbilds 285
1 Stetigkeit und Wandel im ,Martinsstoff' 285
2 Das Prinzip Caritas 292
3 Rezeption im Mittelalter:
das Beispiel des Odo Cluniacensis 295
V Abkürzungen 305
VI Literaturverzeichnis 307
VII Register 318